Nürtinger Spaziergang Mit der Kunst-App auf Entdeckungstour

Diese Installation von Kirsten Hohaus hat es in sich: Wer sie mit der App „Kunst am Wegesrand“ abscannt, gelangt direkt zu der passenden Performance. Foto: Anette C. Halm

Die Konzeptkünstlerin Anette C. Halm hat Kollegen und Kolleginnen zu Performances in Nürtingen eingeladen – per App zu erleben bei einem Stadtspaziergang.

Region: Corinna Meinke (com)

Nürtingen - Frau Halm ist ganz anders, sie sprüht nur so vor Ideen und arbeitet mit mehr als 20 Kollegen gleichzeitig, während andere ins Atelier abtauchen.“ Mit diesen bewundernden Worten hat die Nürtinger Kulturamtsleiterin Susanne Ackermann den Einsatz von Anette C. Halm umrissen. Halm hat gleich zum Auftakt ihres Nürtinger Atelierstipendiums eine spannende Kunstform in der Stadt umgesetzt: „Kunst am Wegesrand“ nennt sie ihr Projekt, hinter dem sich ein digitales Performance-Format für die Hosentasche verbirgt.

 

Und das ist wörtlich zu verstehen, denn die Performances, die Halm mit befreundeten Künstlerinnen und Künstlern initiiert hat, sind auf einer App hinterlegt. Die kostenlose App lässt sich auf jedes Smartphone herunterladen – ist also hosentaschentauglich. Beteiligt sind an dem Projekt beispielsweise der Nürtinger Autor und Künstler Andreas Mayer-Brennenstuhl, die Düsseldorfer Künstlerin Angelika Eggert, der Esslinger Sänger Cornelius Hauptmann und der Karlsruher Performancekünstler Simon Pfeffel.

Hölderlins unglückliche Liebe kommt auch zur Sprache

In Nürtingen gibt es bei dem Kunstspaziergang bereits spannende stadtgeschichtliche Ereignisse und Persönlichkeiten zu entdecken, etwa Carl Gustav Schmid, den Gründer der Seegrasspinnerei, die resolute Herzogin Sabina von Bayern und Württemberg, Anna Maria Pöler, die 1663 in Nürtingen der Hexerei bezichtigt wurde, das Künstlerpaar Fritz und Hildegard Ruoff sowie Erika Härtling, die Mutter des großen Dichters Peter Härtling. Und natürlich geht es auch um Friedrich Hölderlin und dessen ebenso große wie unglückliche Liebe zu einer Frankfurter Bankiersgattin.

„Nürtingen ist so traumhaft schön. Ich möchte hier wachrütteln mit Performances im öffentlichen Raum“, erklärt die Künstlerin ihre Absicht. Für Anette C. Halm, die von 2006 bis 2010 an der Freien Kunstakademie Nürtingen studiert hat, ist das Stipendium eine Rückkehr in die Stadt ihrer ersten Studienjahre. Mit ihrem aktuellen Projekt und besagter App möchte sie besonders Jugendliche erreichen, aber auch die vielen anderen Menschen, die noch nie in einem Museum oder einer Galerie waren. Vielleicht könne es auf diese Weise gelingen, die Menschen dann doch in ein Museum zu locken.

Zuvor möchte Halm aber mit ihrem Konzept Kunst aus musealen Stätten in den öffentlichen Raum holen und auf diese Weise „Orte und Momente des Innehaltens schaffen, die Touristen wie auch Bürgern einen neuen Zugang zur oder einen neuen Blick auf die Stadt über die Stilmittel der Kunst ermöglichen“.

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Die Kunst am Wegesrand findet an vielen prägenden Nürtinger Orten im öffentlichen Raum statt, etwa am Neckar, auf der Teufelsbrücke, in der Villa Rustica und am Hölderlin-Denkmal. Dass Halm für die dort dokumentierten Performances international tätige Künstlerinnen und Künstler gewinnen konnte, kommentiert die Konzeptkünstlerin so: „Gemeinsam erreicht man mehr, und wenn man viele ist, kann man richtig Großes erreichen.“ Sie möchte ähnliche Projekte auch in anderen Städten umsetzen.

Inzwischen gibt es bereits einen Kunstspaziergang in Ostfildern, und Ähnliches ist auch für Stuttgart geplant: „Ich möchte Studenten auch die Chance geben, Performances in Stuttgart zu realisieren und Teil meiner App zu werden“, sagt Halm. Und vielleicht wird es irgendwann ähnliche Projekte „in Berlin und Tokio“ geben.

Halm wird bald Kunststudenten in Stuttgart in Sachen App unterrichten

Wer das Foto scannt, kann eine Performance zu Hölderlin ansehen

Spaziergang
Besucherinnen und Besucher erhalten bei einem Spaziergang durch die Stadt an mehreren Orten Informationen über die Performances auf kleinen Info-Plaketten. Diese verweisen auf die Darbietungen, die mit Hilfe der App und einem Smartphone jederzeit an den jeweiligen Orten aufgerufen werden können.

Kostprobe
Wer die kostenlose App „Kunst am Wegesrand“ im App-Store oder bei Google Play herunterlädt, kann das Foto oben abscannen und auf die damit verlinkte Performance „Diotima“ gelangen. So titelt die Arbeit, die die Künstlerin Kirsten Hohaus am Nürtinger Hölderlindenkmal inszeniert hat. Vorbild für die „Diotima“ in seinen Gedichten ist Hölderlins Geliebte Susette Gontard. Gontard gilt als Schlüsselfigur in Hölderlins Leben und in seiner Dichtung, sie ist seine Muse. Hohaus verwendete für ihre Installation Feinstrumpfhosen. Am Klavier ist der Pianist Götz Payer zu hören.

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