Stuttgart - Gutmensch, Weltverbesserer, Fantast oder aber auch blauäugig: Der parteilose OB-Kandidat Issam Abdul-Karim kennt die Titulierungen, mit denen er gern belegt wird, doch das stört ihn nicht. „Ist es etwa schlecht, dass ich mich für eine bessere Umwelt und ein besseres Miteinander einsetze?“, fragt er, holt eine grüne Paprika, bricht sie auseinander und nimmt ein Samenkorn raus. „So ein Körnchen hab ich in die Erde gesteckt, und daraus ist eine prächtige Pflanze mit vielen Schoten geworden“, sagt er und ist bei einer seiner Thesen: Fängt man im Kleinen an, kann Großes daraus werden. „Die Visionen weniger sind die Zukunft vieler“, steht auf einem Transparent vor dem Café Red, das der 50-Jährige zusammen mit der Pizza-Bar in der Straße Am Kochenhof auf dem Killesberg betreibt.
Aber kann ein Idealist ohne Verwaltungserfahrung auch OB? Der Kandidat ist zuversichtlich. Als selbstständiger Gastronom sei er es gewohnt, zu organisieren und Probleme in den Griff zu bekommen, stellt er fest und sieht eine seiner Stärken in seiner Kommunikations- und Dialogkompetenz. „Man muss auf die Menschen zugehen, mit ihnen sprechen. Nur so lassen sich Vorurteile abbauen und Konflikte lösen“, ist Abdul-Karim überzeugt. „Und das am besten bei einer Tasse Cappuccino“, sagt er.
In Stuttgart angekommen
Geboren wurde Issam Abdul-Karim 1969 in Beirut im Libanon. Im Alter von sechs Jahren ist er zusammen mit seiner Mutter und fünf Geschwistern nach Deutschland geflüchtet. „Als man uns Kindern in Beirut Kalaschnikows in die Hand gedrückt hat, war meiner Mutter klar, dass wir nicht im Libanon bleiben können“, sagt er. Gelebt hat die siebenköpfige Familie zunächst in zwei Zimmern in einem Brennpunktviertel in Zuffenhausen. „Hausaufgaben machen war dort kaum möglich“, erinnert sich Abdul-Karim. Nach seiner Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann hat er sich bald selbstständig gemacht. Bis zur Anerkennung des Asylantrags der Familie hat es rund 14 Jahre gedauert. Abdul-Karim: „Stuttgart war nicht immer freundlich zu uns. Wir sollten abgeschoben werden. Aber in Stuttgart habe ich auch Chancen bekommen, vor allem die Chance zu lernen, und dafür bin ich dankbar.“
Mit seinem eigenen Lebenslauf hänge, sagt Abdul-Karim, auch sein Engagement für andere Menschen zusammen. Dafür wurde er 2017 als Stuttgarter des Jahres geehrt. „Darauf bin ich sehr stolz. Das zeigt, dass ich hier angekommen bin“, stellt er fest und glaubt, dass er als Stuttgarts OB etwas bewegen kann. Und das will er. Doch ergebe es Sinn, als relativ aussichtsloser Kandidat Zeit und Geld in einen Wahlkampf zu stecken, der am Ende verloren wird? Karim sieht es positiv: „Ich bin der aussichtsreichste Kandidat unter den Aussichtslosen. Und man weiß ja nie.“
Und wenn er wider Erwarten das Rennen um den Chefsessel im Rathaus doch machen sollte? Dann hält Issam Abdul-Karim an seinem eigenen Motto fest. „Einfach machen.“ Wie? Das solle sich herausstellen, wenn es so weit ist.