OB-Wahl in Stuttgart Stuttgart hat eine echte Wahl
Drei unterschiedliche Persönlichkeiten wollen OB werden. Die Erwartungen sind groß, kommentiert der Leiter des Lokalressorts, Jan Sellner.
Drei unterschiedliche Persönlichkeiten wollen OB werden. Die Erwartungen sind groß, kommentiert der Leiter des Lokalressorts, Jan Sellner.
Stuttgart - An diesem Sonntag treffen die Stuttgarterinnen und Stuttgarter eine wichtige Entscheidung: Sie bestimmen, wer in den nächsten acht Jahren Oberbürgermeister der Landeshauptstadt sein wird. Dabei geht es nicht nur um die Frage, wer die nächsten acht Jahre das Volksfest eröffnen und bis zum Jahr 2029 die Grußworte halten wird. Es geht vor allem darum, wer Stuttgart in den 2020er Jahren gemeinsam mit Gemeinderat, Bürgerschaft und Verwaltung gestalten und prägen wird. Es geht darum, wer die Landeshauptstadt vertritt und in die Region hineinwirkt, ohne die Stuttgart nicht denkbar ist. Es geht um die Frage, wer überzeugende Zukunftsideen für die Stadt hat und die Kraft und die Fähigkeiten, sie umzusetzen. Zur Jobbeschreibung gehört auch, 20 000 Mitarbeiter zu führen und die Beteiligungen der Stadt am Flughafen und an der Messe klug zu managen.
Zugegeben: Das ist ganz schön viel verlangt. Doch von einem Oberbürgermeister muss man das erwarten dürfen. Immerhin geht es um Stuttgart. Und das in einer Zeit, in der in vielerlei Hinsicht die Weichen in die Zukunft gestellt werden. Die Stichworte lauten: Digitalisierung, Mobilität, Urbanität, Transformation des Automobilstandorts. Alles unter dem Diktat der knappen Kassen. Es ist unschwer zu prognostizieren: Die Stadt steht vor entscheidenden Jahren. Dem neuen Oberbürgermeister kommt dabei eine Schlüsselfunktion zu. Er wird es wesentlich mit in der Hand haben, wie interessant Stuttgart in Zukunft als Stadt sein wird.
Wer von den drei favorisierten Kandidaten ist dafür am besten geeignet: Frank Nopper, Marian Schreier oder Hannes Rockenbauch? Nichts Genaues weiß man vorher nicht. Man hat höchstens eine Ahnung oder Vermutung, ein Zutrauen oder eine Hoffnung. Wichtig ist, dass die 450 000 wahlberechtigten Stuttgarterinnen und Stuttgarter eine Entscheidung treffen und sich an der Abstimmung beteiligen. Denn so viel weiß man dann doch: Wer wählen geht, der stärkt die Kommunalpolitik und damit auch Stuttgart. Die einzige schlechte Wahl an diesem Sonntag ist, nicht wählen zu gehen.
Und die Wählerinnen und Wähler haben ja tatsächlich eine Auswahl: Nopper, Schreier und Rockenbauch, die drei Favoriten, könnten als Persönlichkeiten unterschiedlicher nicht sein. Unter maximal erschwerten Bedingungen haben sie sich in den vergangenen Wochen der Bürgerschaft bekannt gemacht. Bürgernähe, worin Kommunalpolitik im Kern besteht, hat sich nicht herstellen lassen. Die Corona-Krise und die notwendigen Kontaktbeschränkungen haben einen unpersönlichen Wahlkampf erzwungen. Er geriet zwangsläufig maskenhaft, aber nicht deshalb, weil sich die Kandidatinnen und Kandidaten versteckt hätten.
Sie haben sich sehr wohl gezeigt: Nopper als der (Strahle-)Mann der Erfahrung, Schreier als der junge Springinsfeld, der unabhängig vom Ausgang in diesem Wahlkampf seinen „politischen Meisterbrief“ gemacht hat, wie der frühere Ministerpräsident und Nopper-Unterstützer Günther Oettinger anerkennend feststellte. Und schließlich Rockenbauch als ewiger Kämpfer für eine bessere öko-soziale Stuttgarter Welt. Wer sich übrigens fragt, warum Rockenbauch in dieser für ihn wenig aussichtsreichen Konstellation nicht zurückzieht, um die Chancen für Marian Schreier zu erhöhen, der als De-facto-Bürgerlicher ein größeres Wählerspektrum anspricht, verkennt eines: Der profilierte Linke sieht sich als Oppositionsführer im Stuttgarter Gemeinderat, der in dieser Rolle aus der Wahl gestärkt hervorgehen möchte.
Wie sagte dieser Tage ein Stuttgarter? „Das war ein Spitzenwahlkampf! Meine ganze Familie ist jetzt politisiert.“ Das war das Ziel.