OB-Wahl in Wertheim Wertheim – umzingelt von Metropolen

Die Altstadt von Wertheim steht unter Denkmalschutz – das macht sie für den großflächigen Einzelhandel zu einem schwierigen Pflaster. Foto: Adobe/Stock

Wertheim wählt am Sonntag einen neuen OB. Von dem Factory-Outlet Wertheim Village profitiert die Stadt nicht wie erhofft. Der Onlinehandel macht den Läden im Zentrum zu schaffen. Aber die Stadt geht ihren eigenen Weg.

Wertheim - Die Babyboutique in der Gerbergasse in der Wertheimer Altstadt schwebt nicht mehr auf Wolke 7, im Gegenteil. Der gleichnamige Laden ist seit November geschlossen. Auf einem Zettel im Fenster steht: „Nun könnt ihr eure Sachen bald nur noch im Internet kaufen. Ob das der richtige Weg ist?“ Nicht ohne Bitterkeit verabschieden sich die Betreiber nur zweieinhalb Jahre nach der Eröffnung von ihrer Kundschaft. „Der Strukturwandel des Handel kommt besonders bei den Mittelstädten an“, sagt Jürgen Strahlheim, der Wirtschaftsförderer der nördlichsten Stadt Baden-Württembergs, die an diesem Sonntag einen neuen Oberbürgermeister wählt. Dafür schlage sich Wertheim gut: nur sechs bis acht Leerstände gebe es in der Altstadt, die seien sofort wieder belegbar.

 

Am Almosenberg, elf Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, werden keine milden Gaben verteilt. An der A 3, auf halber Strecke zwischen Frankfurt und Nürnberg, wird Umsatz gescheffelt. Das Wertheim Village mit seinen mehr als hundert Geschäften war 2003 das erste Factory-Outlet-Center im Land. Mittlerweile besuchen nach Angaben der Betreiberfirma jährlich etwa 2,5 Millionen Menschen die künstlich angelegte Fassadenstadt, die vieles nachbildet, was die Wertheimer Innenstadt ganz ungekünstelt vorzuweisen hat: gepflasterte Gassen, Fachwerkhäuser, kleine Türmchen und Erker, runde Giebel.

Die Autos kommen von überall her

Die Kunden kommen von überall her: aus Hamburg, Bremen, München, Nürnberg und Frankfurt, aber auch aus den Niederlanden und Frankreich finden sich Autokennzeichen auf den Parkplätzen. Die Speisekarten der Restaurants sind englisch und deutsch, das Publikum ist international. Wertheim mit den knapp 23 000 Einwohnern liegt inmitten von vier Metropolregionen: Stuttgart, das Rhein-Main-Gebiet um Frankfurt, das Rhein-Neckar-Gebiet um Mannheim und Nürnberg. Nicht wenige Wertheimer pendeln täglich ins kaum hundert Kilometer entfernte Frankfurt. Schließlich lebt es sich günstig an der Taubermündung. Ein innenstadtnaher Bauplatz kostet zwischen 100 und 170 Euro je Quadratmeter, die Parzellen sind etwa 900 Quadratmeter groß. In Frankfurt und in Stuttgart kann kein Normalsterblicher ein entsprechendes Grundstück bezahlen.

Ein Bauplatz in der Stadt ist günstig zu haben

Im Internet firmiert Wertheim Village als Vorort von Frankfurt. Für 49 Euro kann man sich mit dem Bus von der hessischen Metropole zum Shoppen an den Almosenberg bringen lassen. Einen Gutschein über 25 Euro und einen Essensvoucher inklusive Getränk gibt es als Dreingabe – kein schlechter Deal für Schnäppchenjäger. Wie oft diese Touren gebucht haben, will die Village-Verwaltung indes nicht verraten.

Wenn gefeiert wird, „ist Wertheim cool“

Nicht nur Auswärtige besuchen das Einkaufszentrum. Paula, Estella und Mona sitzen auf einer Bank auf dem Platz inmitten des Villages. Die Teenager warten auf ihren Bus, der sie um 17 Uhr wieder nach Wertheim bringt. Etwa einmal im Monat nutzen sie den Pendelbus, der das Village mit dem Zentrum an sechs Tagen pro Woche sechs Mal täglich verbindet. „Für unser Alter bieten die Geschäfte in Wertheim nicht das richtige“, sagt Paula, „da ist ziemlich wenig los.“ Aber am Altstadtfest oder der Michaelismesse oder bei den anderen Events in der Stadt, das schiebt sie sofort nach, „da ist Wertheim richtig cool“.

Als das Outlet-Center gebaut wurde, waren die Hoffnungen groß, dass viele Schnäppchenjäger auch der Innenstadt einen Besuch abstatten würden. Die Hoffnung hat sich nicht erfüllt, jedenfalls nicht in dem Maße wie gedacht. Das Village sei nicht das Problem, sagt Strahlheim. Das Problem sei der Onlinehandel – und die historische Bausubstanz. Über der Stadt thront die Burg aus dem 12. Jahrhundert, die Altstadt steht unter Denkmalschutz.

Filialisten haben Angst vor Hochwasser

Ein Laden mit einer Fläche von hundert Quadratmetern gilt als groß. Kaum ein Geschäft ist ebenerdig erreichbar, schließlich haben die Wertheimer es mit gleich zwei Flüssen zu tun, die regelmäßig über die Ufer treten und die Altstadt fluten – zuletzt 2011. „Die Wertheimer können damit umgehen“, sagt der Wirtschaftsförderer. „Aber wenn wir Filialisten anlocken wollen, ist das ein Thema.“ Die Anforderungen großer Ketten, die als Frequenzbringer fungieren, kann die Stadt nicht erfüllen.

Im Zentrum gibt es noch viele alteingesessene Familienbetriebe. Das Café Hahn am Martkplatz gibt es seit 1806, Optik Schäfer feiert sein 85-jähriges Geschäftsjubiläum, der Juwelier Jan kann 2022 auf 200 Jahre Firmengeschichte zurückblicken. Die Vorfreude ist bei der Betreiberfamilie nicht ungetrübt. Kundenfrequenz und Umsatz seien in den vergangenen 20 Jahren so stark gesunken, sagt der Chef Günter Hartmann, dass er nur noch montags bis mittwochs und an Samstagen öffne.

Die kleinteilige Innenstadt lässt sich nicht umkrempeln

Wertheim geht seinen eigenen Weg. Denn die kleinteilige Innenstadt lässt sich nicht umkrempeln für den großflächigen Einzelhandel. Am Marktplatz hat ein Investor zwei Gebäude, eine alte Apotheke und ein ehemaliges Bekleidungsgeschäft, für viel Geld zu einem Ladenlokal umbauen und den Innenhof freilegen lassen Eine Parfümerie ist dort untergekommen. „Das ist toll geworden“, sagt Jürgen Strahlheim, „trotzdem hat das Geschäft keine 200 Quadratmeter und kein einheitliches Bodenniveau“. Große Ketten winken da ab.

Vor vier Jahren hat die Stadt ein Programm aufgelegt, das ansiedlungswillige Einzelhändler finanziell unterstützt. 14 Anträge wurden seitdem bewilligt, ein weiterer ist gerade in Arbeit. Außerdem wurde die Altstadt 2005 zum Sanierungsgebiet erklärt. Mehr als 150 Wohnungen im historischen Zentrum sind seitdem geschaffen worden. Mittlerweile wohnen in der Altstadt rechts der Tauber wieder mehr als 1100 Menschen. In der Touristensaison kommen zudem immer mehr Ausflügler, fast eine halbe Million sind es mittlerweile. Viele von ihnen verlassen am einzigen Mainhafen Baden-Württembergs eines der 600 Flusskreuzfahrtschiffe, die jährlich in Wertheim Station machen: die Stadt hat eine dritte Anlegestelle errichten lassen, um die Flusskreuzfahrer zu locken. Mit einem Mix aus Gastronomie, Dienstleistungsbetrieben, touristischen Angeboten und Events soll das Zentrum gegen die Konkurrenz im Internet ankämpfen. „Wenn wir das schaffen“, sagt Strahlheim, „dann ist mir nicht bange.“

600 Flusskreuzfahrtschiffe docken in Wertheim an

„Wertheim hat sein eigenes Gesicht“

„Wir können etwas bewegen, wenn wir unsere Stärken besser herausstellen“, sagt Bernd Maack, Optikermeister und Vorsitzender des Stadtmarketingvereins: die Schönheit der Stadt, die Nähe zur Burg, die Lage an Main und Tauber, die reichhaltige Gastronomie, das kulturelle Angebot – Maack fällt viel ein. Auch das Fehlen des großflächigen Einzelhandels mit den immer gleichen Labels sieht er nicht als Manko: „Wertheim hat ein eigenes Gesicht.“

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