Obdachlosigkeit im Kreis Esslingen Der Kältebus bringt Wärme in die eisige Nacht

Vor allem Essen, das schnell Energie bringt, wird von Kay Müller für die Kältebus-Tour eingepackt. Foto: Roberto Bulgrin

Für obdachlose Menschen in Esslingen bedeuten die derzeitigen frostigen Temperaturen Lebensgefahr. Kay Müller und sein Team vom DRK versorgen Bedürftige mit dem Nötigsten. Was sie dabei erleben.

Filderzeitung: Sandra Belschner (sbr)

Zusammengerollt liegt der ältere Mann auf einer Isomatte in einer Nische unter der Treppe – mitten in der Esslinger Innenstadt. Die Mütze tief über das Gesicht gezogen, versucht er, sich vor der eisigen Kälte zu schützen. Wenige Meter entfernt machen sich junge Menschen in die Freitagnacht auf. Ein Paar verlässt mit seinen Wochenendeinkäufen den Supermarkt und eilt vermutlich in seine warme Wohnung.

 

Ohne Kay Müller hätte niemand den Mann, der neben der viel befahrenen Straße zwischen Glasscherben und anderem Müll sein Lager aufgeschlagen hat, in dieser Nacht bemerkt. „Die meisten wollen nicht gefunden werden“, sagt der 36-Jährige. Trotzdem weckt Müller jeden Obdachlosen, den er findet. Denn: „Niemandem würde auffallen, wenn er nicht mehr leben würde“, sagt er und nähert sich langsam dem schlafenden Mann.

Vor sechs Jahren hat Kay Müller vom DRK-Ortsverein den Kältebus – der, weil das Geld fehlt, nur ein Kälteauto ist – in Esslingen ins Leben gerufen. „Aus der Not heraus“, erzählt er. Beim Pendeln seien ihm die Obdachlosen aufgefallen. Wo viele wegschauen, handelt Müller. Er organisiert die Hilfe und versorgt Menschen, die kein Dach über dem Kopf haben. Müller kennt das Angebot, obdachlose Menschen in kalten Nächten ambulant mit dem Nötigsten zu versorgen, aus seiner Arbeit als Notfallsanitäter in Stuttgart. In Esslingen habe in der Vergangenheit der Erfrierschutz der Evangelischen Gesellschaft (Eva) für die Hilfe ausgereicht. Die stieß allerdings während der Coronapandemie an ihre Grenzen, weil in der Notunterkunft nur ein Drittel der Betten belegt werden konnte. „Das Thema Kältebus wurde plötzlich auch in Esslingen immer aktueller“, berichtet der Sanitäter.

Weniger Schutzmöglichkeiten in Esslingen

„Hallo, geht’s dir gut? Möchtest du etwas Warmes essen?“, fragt Müller den Mann unter der Treppe. Es dauert einen Moment, bis dieser wach wird und die Situation erfasst – was vor allem an den wenigen Worten Deutsch liegt, die er spricht. Routiniert zeigt Müller auf einen der mit Lebensmitteln gefüllten Körbe, dann nickt der Mann, und kurze Zeit später ist ein sanftes Lächeln hinter der dampfenden Nudelterrine zu erkennen.

Lange dauert es nicht, bis Müller von einem anderen Mann angesprochen wird. „Deshalb tragen wir die Westen, damit die Leute uns erkennen“, erklärt er. Der Mann wirkt aufgebracht, verwirrt und spricht eine Sprache, die Müller nicht versteht – und wieder reagiert er mit routinierter Gelassenheit: Er holt sein Smartphone aus der Tasche und fragt den Mann per Übersetzungsapp, ob er einen Schlafplatz für die Nacht habe. Dann stellt sich heraus: Der Mann ist wegen seines schlechten Benehmens und seines Alkoholproblems aus der Unterkunft der Eva geflogen. Müller holt ihm eine Isomatte und einen Schlafsack aus dem Kältebus, dann geht es weiter.

Viel Zeit wird in Suchen investiert

Mittlerweile ist es kurz vor Mitternacht, das Thermometer zeigt minus vier Grad an. Heute Nacht draußen schlafen? Für die meisten Menschen unvorstellbar. Für etwa 30 Obdachlose in Esslingen ist das Alltag. Zumindest weiß Müller von dieser Anzahl.

Dass es mehr sind, sei sehr wahrscheinlich. Doch anders als in anderen Städten sei hier etwas anders, sagt Anja Wessels-Czerwinski vom Erfrierschutz der Eva: „In Esslingen sind die Obdachlosen sehr verstreut, es gibt keine U-Bahn-Schächte oder andere ähnliche Schutzmöglichkeiten.“ Deshalb gleiche die Arbeit mit dem Kältebus auch einer Sisyphusarbeit, sagt Kay Müller. Man verbringe in der Nacht viel Zeit mit Suchen. In den vergangenen Jahren haben sich allerdings Orte in Esslingen herauskristallisiert, an denen der Sanitäter mit hoher Wahrscheinlichkeit auf Bedürftige trifft: Vorräume von Banken, versteckte Winkel in Parkhäusern und unter Brücken. Trifft er dort keine Obdachlosen an, geht es mit offenen Augen „auf Streife“ durch die Stadt.

Oder Müller geht Hinweisen aus der Bevölkerung, der Polizei oder von anderen Ehrenamtlichen nach. Die 30 Helferinnen und Helfer, die etwa alle zwei Tage in frostigen Winternächten mit dem Kältebus unterwegs sind, organisieren sich in einer Whatsappgruppe. „Wir fahren jetzt ein bisschen raus, weil ein Kollege uns einen Tipp gegeben hat“, sagt der 36-Jährige. Nach kurzer Suche wird ein Lager am Stadtrand im Schein von Müllers Taschenlampe sichtbar. Ein Mann hat sich auf einer alten Matratze schlafen gelegt. Etwas zu essen oder zu trinken lehnt er ab. „Die Meisten nehmen nur das, was sie auch wirklich brauchen. Sie wollen anderen nichts wegnehmen“, sagt Müller. Trotzdem sei ein Großteil der Obdachlosen in Esslingen Einzelgänger.

Auf dem Rückweg zum DRK-Haus geht es noch einmal zu dem Mann, der bis vor Kurzem bei der Eva unterkam. Er hatte Müller verraten, wo er diese Nacht verbringen will. Gut versteckt hat der Mann die Isomatte ausgerollt, die er Stunden zuvor vom Team des Kältebusses erhalten hat. Mit den Obdachlosen in Verbindung zu bleiben ist Kay Müller besonders wichtig, denn „so können wir ihnen am effektivsten helfen.“

Winterhilfe für obdachlose Menschen in Esslingen

Erfrierschutz der Eva
 Im Erdgeschoss in der Schlachthausstraße in Esslingen stehen obdachlosen Menschen Schlaf-, Aufenthalts- und Sanitärräume zur Verfügung. Wer eine Unterbringung benötigt, muss sich zuerst in der Fachberatungsstelle melden. Die Eva arbeitet mit dem Kältebus zusammen.

Hinweise
 Unter der Telefonnummer 01 76 / 75 89 04 84 kann man dem DRK per Whatsapp, SMS und Mailbox Informationen zukommen lassen, wenn nachts Bedürftige gesehen werden.

Sachspenden Kältebus
Der Kältebus ist auf Spenden angewiesen. Wer das Team mit Sachspenden unterstützen möchte, findet unter https://www.amazon.de/hz/wishlist/ls/36X53N8H3LUI1/ref=hz_ls_biz_ex eine zentrale Wunsch- und Bestellliste. Über die Amazon-Spendenliste garantiert das Kältebusteam, dass jeder und jede das gleiche Equipment für kalte Nächte gestellt bekommt und verhindert so Neid untereinander.

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