Das neue Deutschlandticket wird 49 Euro monatlich kosten – die Beschäftigten der Stadt Stuttgart erhalten es jedoch zum Nulltarif. Die Mitarbeitenden der Verwaltung, der Eigenbetriebe und der Kitas können ab Mai des Jahres kostenlos den öffentlichen Personennahverkehr nutzen, denn die Landeshauptstadt übernimmt die Kosten des Tickets komplett. Damit, betont Oberbürgermeister Frank Nopper, wolle man in Zeiten des Fachkräftemangels als attraktiver Arbeitgeber punkten. Bisher zahlt die Stadt 28,30 Euro Zuschuss pro Monat zum Abo. Setzt Stuttgart mit seinem Vorstoß die Umlandkommunen nun unter Zugzwang? Im öffentlichen Dienst werden schließlich überall dringend Fachkräfte benötigt.
Im Esslinger Rathaus zeigt man sich unbeeindruckt. Man denke „derzeit aufgrund der aktuell angespannten Haushaltslage nicht über ein solches Modell nach“, sagt der Sprecher der Stadt, Niclas Schlecht. Dennoch würden die rund 3200 Beschäftigten in den Ämtern und Eigenbetrieben von Mai an von der Einführung des bundesweit gültigen 49-Euro-Tickets profitieren: Der bisherige monatliche ÖPNV-Zuschuss steige von 22 auf 25 Euro.
Auch im Esslinger Landratsamt macht man sich Gedanken darüber, wie man dringend benötigtes Personal gewinnen kann. Die Kreisverwaltung ist mit rund 2500 Beschäftigten im Öffentlichen Dienst einer der größten Arbeitgeber im Kreis Esslingen –doch schon jetzt sind mehr als acht Prozent der Vollstellen nicht besetzt. „Wir schnüren derzeit ein Paket an Personalgewinnungsmaßnahmen, wobei überlegt wird, inwieweit das Deutschlandticket eine Rolle spielen kann“, informiert Pressesprecherin Andrea Wangner. Über die Vorschläge müsse dann der Kreistag entscheiden.
Aus dem Landratsamt des Rems-Murr-Kreises heißt es, angesichts des bestehenden, breiten Angebots an Fördermaßnahmen für nachhaltige Mobilität strebe man derzeit keine 100-prozentige Kostenübernahme für die rund 1800 Mitarbeitenden an. Das Jobticket würde man bereits seit vielen Jahren zur Hälfte bezuschussen. „Auf neue Entwicklungen oder Bedarfe werden wir aber selbstverständlich reagieren“, teilt die Sprecherin Martina Keck mit.
Vorstoß wurde „zur Kenntnis genommen“
Auch die Stadt Waiblingen hat das Jobticket für ihre etwa 1400 Mitarbeitenden bislang zu 50 Prozent finanziert. Mit der Einführung des Deutschlandtickets wird künftig sogar deutlich mehr zugezahlt, verweist Oberbürgermeister Sebastian Wolf auf einen entsprechenden Gemeinderatsbeschluss: Halbtags- und Vollbeschäftigte erhalten dann einen Zuschuss von 40 Euro, „was einem Anteil von 82 Prozent an den monatlichen Kosten bedeutet“. Das Bus- und Bahnfahren koste sie dann nur noch neun Euro – bundesweit. Für Teilzeitkräfte und geringfügig Beschäftigte überweist die Stadt 20 Euro pro Monat.
Im Ludwigsburger Landratsamt wurde das Vorpreschen der Landeshauptstadt „zur Kenntnis genommen“. Sprecher Andreas Fritz betont jedoch: „Wir treffen unsere Entscheidungen nicht in Abhängigkeit von der Stadt Stuttgart.“ Aktuell biete die Kreisverwaltung ihren rund 1900 Mitarbeitenden einen Fahrtkostenzuschuss für den Nahverkehr in Höhe von 75 Prozent und fördere zudem die Fahrt mit dem Rad zur Arbeit seit Beginn dieses Jahres mit 30 Cent je Kilometer – jeweils maximal 80 Euro monatlich.
Auch die Stadt Ludwigsburg hat nicht vor, das Stuttgarter Modell für ihre knapp 1800 Beschäftigten zu übernehmen. Die komplette Kostenübernahme des Deutschlandtickets würde mit etwa 1,2 Millionen Euro zu Buche schlagen, erläutert Stadtsprecherin Karin Brühl. „Diese Größenordnung wollen und können wir den Ludwigsburger Steuerzahlern nicht zumuten.“ Aktuell liege der Fahrtkostenzuschuss bei 70 Prozent – das 49-Euro-Ticket würde für die Belegschaft künftig also nur 14,70 Euro im Monat kosten. Ludwigsburgs Oberbürgermeister Matthias Knecht betont mit Blick auf den Arbeits- und Fachkräftemangel allerorten: „Es wird viel mehr brauchen als eine solche Einzelmaßnahme.“ Er plädiert für „ein abgestimmtes Vorgehen der Kommunen der Region Stuttgart“. „Hier hilft uns nur Schulterschluss und gemeinsame Strategie.“
Land will Anpassungsbedarf prüfen
Dass Stuttgart seinen Beschäftigten ein Null-Euro-Ticket schenke, wurde in der Landesverwaltung durchaus registriert, sagt ein Sprecher des Verkehrsministeriums. Ein solches sei für alle Landesmitarbeiterinnen und -mitarbeiter derzeit aber nicht vorgesehen. In jedem Fall werde das Land auch weiterhin ein rabattiertes Jobticket anbieten. Dieses habe man in der Vergangenheit regelmäßig an veränderte Rahmenbedingungen angepasst, und es werde „selbstverständlich mit der Einführung des Deutschlandtickets erneut auf Anpassungsbedarf überprüft“. Die Landesbediensteten erhalten aktuell einen Zuschuss von 25 Euro im Monat.
Wann kommt das Deutschlandticket?
Verfahren
Das Gesetzgebungsverfahren für das Deutschlandticket läuft. Es soll am 31. März mit dem Beschluss durch den Bundesrat enden. Das 49-Euro-Ticket könnte dann zum 1. Mai eingeführt werden.
Verkauf
Der bundesweite Verkauf wird voraussichtlich am 3. April beginnen. „Unsere Abo-Center bereiten sich intensiv auf diesen Termin vor“, sagt der Geschäftsführer des Verkehrs- und Tarifverbundes Stuttgart (VVS),Horst Stammler. Rund 200 000 Fahrgäste haben derzeit ein Abonnement des VVS. Für die meisten sei das Deutschlandticket eine preisgünstigere Alternative. Kundinnen und Kunden müssen für den Wechsel nicht von sich aus aktiv werden, die Abo-Center schreiben sie rechtzeitig an. Vorbestellungen sind aber schon jetzt möglich.
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