Kaiser und Schmarrn im Trend Wer weiß, wann Stuttgart eine österreichische Stadt war?

Von Uwe Bogen 

Kartoffeln sind Erdäpfel und Tomaten Paradeiser. Ein neues Wirtshaus im Bohnenviertel lässt bei uns die Lebensart der Ösis aufblühen. Kein Witz: 14 Jahre lang war Stuttgart mal eine österreichische Stadt. Unser Kolumnist klärt auf.

Die Österreich-Wirte Sebastian Gaiser (links) und Marcel Jetter mit Kaiserschmarrn und Grüner Veltiner Foto: Lichtgut/Wilikonsky 6 Bilder
Die Österreich-Wirte Sebastian Gaiser (links) und Marcel Jetter mit Kaiserschmarrn und Grüner Veltiner Foto: Lichtgut/Wilikonsky

Stuttgart - Habe die Ehre! Laut Einwohnerstatistik leben 2811 Österreicher in Stuttgart. Die Zahl der Ösi-Fans ist freilich viel größer – so groß, dass ein Alpenmann in Lederhosen die Mercedes-Benz-Arena komplett gebucht hat.

Andreas Gabalier wird am 29. Juni 2019 im VfB-Stadion seine strammen Waden zeigen und ebenso stramm dazu singen. Und kaum, dass dem Bohnenviertel auf der Brennerstraße die Krone aufgesetzt wurde, die überm Wirtshausschild von Kaiser und Schmarrn nun hängt, werden die Werbetrommeln in den Netzwerken immer lauter. Es scheint, als wolle jeder unbedingt hin. Man teilt’s und empfiehlt sich’s. Das 1899 gebaute Haus, in dem sich ein gefühltes Menschenleben lang das griechische Restaurant Odyssia befand, wird zum fröhlichen Treff der Piefkes und Ösis.

Kaiserschmarrn gibt es immer erst um 22 Uhr

Monatelang verzögerte sich der Umbau, was vor allem am Brandschutz und Genehmigungsverfahren lag. Nun aber sind die mit österreichischen Wurzeln groß gewordenen Wirte Sebastian Gaiser und Marcel Jetter gestartet und selbst überrascht, wie ihr kaiserlicher Schmarrn mit Wiener Schnitzel und Co. einschlägt. Aber Vorsicht: Den Kaiserschmarrn für zehn Euro pro Person gibt es immer erst abends um 22 Uhr.

Der Koch (ein im österreichischen Trainingslager geschulter Schwabe), so wird verfrühten Schmarrnbestellern erklärt, brauche fürs originale Zubereiten der Mehlspeise Platz in der Küche und fange damit an, wenn die Hauptgerichte durch sind.

Die Piefkes und die Ösis

Sogar das Wasser wird aus Österreich ins Bohnenviertel geliefert. Cappuccino heißt Melange, und der Espresso ist ein Mokka. Schon vor zwei Jahren wollte Jetter, damals noch mit Bastian Sommer, ein Wiener Kaffeehaus am Bismarckplatz eröffnen. Dass nix daraus geworden ist, lag nicht am Krach der beiden, wie gemunkelt worden ist; Jetter legt Wert auf diese Klarstellung. Am Abend davor, verrät er, sei er doch erst noch mit seinem Kumpel Basti Sommer versumpft.

Die Piefkes und die Ösis: Eines der beiden Länder ist zehnmal größer als das andere. Das Verhältnis der Deutschen zu den Österreichern war schon immer speziell. Es bewegt sich zwischen starken Freundschaftsgefühlen und klaren Abgrenzungsbedürfnissen. Herzlich-schmerzlich pflegt man die Konkurrenz. Wien gilt für viele Schwaben als Sehnsuchtsort. So fern ist man sich nicht. Der Wiener raunzt, der Schwabe bruddelt. Der Wiener ist kauzig, der Schwabe knitz. Beide sind ein bisschen lieb und ein bisschen bös. Zum Leben gehört eben alles.

Ein skrupelloser Herrscher in Württemberg

Stuttgart hat den Österreichischen Platz, den Mythos Porsche mit österreichischen Verflechtungen und Mercedes, dessen Markennamen auf Emil Jellinek zurückgeht, auf den österreichisch-ungarischen Geschäftsmann und Diplomaten, nach dessen Tochter Mercedes das berühmte Auto benannt worden ist. Und Stuttgart hat noch mehr.

Was nur wenige wissen: 14 Jahre lang war Stuttgart eine österreichische Stadt – und zwar im 16. Jahrhundert. Wirt Marcel Jetter weiß es. Herzog Ulrich von Württemberg lebte dereinst egoistisch und zügellos. Sein aufwendiger Lebensstil verschlang hohe Summen der Staatskasse. Das bettelarme Volk wollte ihn loswerden. Der Schwäbische Bund, ein Zusammenschluss süddeutscher Reichsstände, verbannte schließlich den skrupellosen Herrscher. Kaiser Karl V. unterstellte daraufhin im Jahr 1520 Württemberg dem Haus Habsburg. 14 Jahre lang blieben die Österreicher und machten das Land schuldenfrei. 1534 kehrte Herzog Ulrich zurück und gewann die Schlacht gegen den österreichischen Statthalter.

Österreicher lieben Süßes als Hauptgericht

Wäre dieser Kampf anders ausgegangen, wer weiß, vielleicht wäre Stuttgart noch heute österreichisch, würde Erdäpfel statt Grombira verspeisen und Paradeiser statt Tomaten. Stuttgart braucht keinen Kaiser – sein Schmarrn macht viele schon glücklich. Habe die Ehre! So sind die Ösis halt: Süßes lieben sie als Hauptgericht. Und das lieben wir Schwaben auch.

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