Offene Konzepte Ist die Kita nur zum Spielen da?

Auch im Atelierraum brauchen Kinder Impulse. Foto: DURIS Guillaume - stock.adobe.co

Freispiel und offene Konzepte: Viele Eltern sorgen sich, dass ihr Kind im Kindergarten nicht mehr genug lernt. Aber was heißt lernen in diesem Alter eigentlich?

Stuttgart - „Und, wie war’s in der Turnhalle?“ Den Fünfjährigen zu fragen, wie es im Kindergarten war und was er dort gemacht hat, ist Zeitverschwendung. Erkundigt man sich nach Malen, Basteln, Singen, blicken einen nur erstaunte Augen an. Kindergarten ist für ihn die Turnhalle.

 

Für seine Eltern passt das. Hauptsache, das Kind lebt seinen Bewegungsdrang aus. Beim Elternabend aber zeigte sich: Nicht alle kommen klar mit dem offenen Konzept, bei dem die Kinder jeden Morgen selbst entscheiden dürfen, ob sie Lust auf Rollenspiele haben, auf Werkeln, auf die Bauecke oder eben die Turnhalle. „Unser Sohn ist jetzt seit einem Jahr im Kindergarten und hat noch nie ein Bild mit nach Hause gebracht.“ „Meine Tochter singt nie ein Lied, das sie hier gelernt hat.“ „Mein Junge kommt in die Schule und kann noch keine Schuhe binden.“

Wird heute denn nur gespielt?

Das, so die anderen Eltern, habe doch alles mal zum Kindergarten dazugehört. Damals, als sie in den 80er, 90er Jahren selbst in einer Betreuungseinrichtung waren. Heute dagegen, so der Eindruck dieser Eltern, machen die Kinder nur noch das, worauf sie Lust haben. Ob das gut ist für die Kinder?

Margit Franz kennt sie nur zu gut, die Eltern, die stets in Sorge sind, ihr Kind würde im Kindergarten nicht genug lernen. Franz ist gelernte Erzieherin, hat Sozialpädagogik und Erziehungswissenschaften studiert und mehrere Fachbücher verfasst, darunter eines mit dem Titel „Heute wieder nur gespielt“ (Don Bosco Verlag). Franz sagt: „Wenn Eltern ans Lernen denken, dann haben sie einen schulischen Ansatz im Kopf. Aber Kindergartenkinder lernen im Spiel.“

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Dinge wie Krabbeln, Laufen, Denkfähigkeit oder Kreativität kann man Kindern nicht beibringen – sie eignen sich diese Fähigkeiten selbst an. Im Spiel suchen sie sich die Anregung, die sie für ihre Entwicklung gerade brauchen. „Das ist ihnen in die Wiege gelegt“, sagt Margit Franz. Ganz anders als gezielte Trainingsprogramme, beispielsweise für Vorschulkinder. „Da gab es in den 70er Jahren in den Kindergärten Modellprojekte dazu. Und es hat sich gezeigt, dass das nicht besonders viel bringt“, sagt Roswitha Staege, Professorin für Frühkindliche Bildung an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. Anders sehe es dagegen mit gemeinsamen Aktivitäten aus, bei denen Erzieher den Kindern gezielt neue Erfahrungen ermöglichen. „Dinge wie gemeinsames Singen oder Schattenspiele sind wertvoller Bestandteil der pädagogischen Arbeit im Kindergarten“, sagt Roswitha Staege.

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Bis in die 90er Jahre gab es in Kindergärten deshalb sehr viele solche gemeinsamen Angebote für Kinder. Da wurden zusammen Gedichte gelernt, Theaterstücke eingeübt, Muttertagsgeschenke gebastelt. Damals war Kindergarten aber auch noch etwas völlig anderes als heute. Die Kinder gingen erst ab drei Jahren hin. Von 9 bis 12 Uhr. Kinder mit besonderem Förderbedarf oder Migrationshintergrund gab es in den normalen Einrichtungen kaum. „Die Nachmittage waren frei, um einfach nur zu spielen, allein oder mit Freunden“, sagt Franz.

Heute dagegen kommen viele Kinder mit einem Jahr in Betreuung, oft von 7 Uhr früh bis nachmittags. Werden sie aus der Einrichtung abgeholt, stehen meist noch Freizeitaktivitäten wie Musik oder Sport an. „Kinder sind heute ganz stark fremdbestimmt. Der Kindergarten ist oft der einzige Ort, an dem sie überhaupt noch freie Zeit zum eigenständigen Spielen haben“, sagt Margit Franz.

Viele Kindergärten bieten Zeit für Freispiel

Auch deshalb haben sich inzwischen viele Kindergärten dazu entschlossen, neben viel Zeit für Freispiel ein offenes Konzept einzuführen. Das Kind kann hier selbst entscheiden, was es wann spielen will – und sich dafür in einen bestimmten Funktionsraum zurückziehen. „Ein Bewegungsraum, ein Bauraum oder ein Rollenspielraum können den Kindern vielfältige Möglichkeiten zum vertieften Spiel bieten“, sagt Roswitha Staege von der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. Und durch die räumliche Trennung unterschiedlicher Aktivitäten hätten die Kinder auch mehr Ruhe, beispielsweise zum Malen.

Roswitha Staege sagt aber auch, dass offene Konzepte pädagogisch hoch anspruchsvoll sind. „Ich kann in einem Atelier nicht nur Farbtöpfe hinstellen und darauf warten, dass die Kinder schon irgendwann zum Malen kommen werden.“ Aufgabe der Erzieher sei es, regelmäßig angeleitete Angebote in dem Raum zu bieten, damit die Kinder einen Zugang dazu finden. „Dadurch enthalten die Kinder Impulse, auch für ihr freies Spiel.“

Und wenn ein Kind trotzdem nie den Weg in einen Raum wie das Atelier oder die Turnhalle findet? „Dann schaut man sich gezielt dessen Interessen an und überlegt sich, wie man es locken könnte. Dafür ist das Personal in den Einrichtungen ausgebildet“, sagt Roswitha Staege. Da es in vielen Einrichtungen jedoch chronisch an Erziehern mangelt, leidet darunter auch häufig eine gute Umsetzung des offenen Konzepts.

Nicht bei allen Kindern funktioniert das offene Konzept

Und auch von den Kindern können nicht alle ein offenes Konzept gut annehmen. Wegen der vielen geplanten Freizeitaktivitäten am Nachmittag, am Wochenende und in den Ferien haben viele Kinder heute das freie Spielen verlernt. Das findet die Erzieherin Margit Franz viel bedenklicher, als wenn ein Kind keine Lust hat zum Basteln. Oder wenn mal die Vorschule ausfällt. „Für viele Eltern ist das ein Drama. Dabei bereitet das Spielen im Kindergarten am besten auf die Schule vor.“

Die Persönlichkeit – ob neugierig, ängstlich, interessiert, selbstbewusst oder schüchtern –, sie entwickelt sich nicht, indem man ein Arbeitsblatt mit Schwungübungen ausfüllt oder schon im Kindergarten Französisch lernt. Sie entwickelt sich beim Lachen, Kämpfen, Streiten, Wieder-Vertragen mit anderen Kindern. Beim Auf-Bäume-Klettern, Löchergraben, Regenwürmersuchen und Türmebauen. Beim Rollenspiel mit Puppen oder mit einem Kaufladen. Beim Toben in der Turnhalle. „Eltern sollten einfach wieder mehr Vertrauen in die eigene Entwicklung ihrer Kinder haben“, sagt Erzieherin Franz. Kann sein, dass die Kinder dabei andere Dinge machen als die Eltern früher in ihrer Kindergartenzeit. Aber muss das deshalb schlechter sein?

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