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Ok Kid in Stuttgart Ich seh' nur jubelnde Menschen

Von Nadja Dilger 

„Man kommt in ein Alter, in dem man Ohrstöpsel braucht“, sagt unser Fotograf. Unsere Autorin hat das deutsche Hip-Hop-Trio Ok Kid im Wizemann ohne Lärmschutz gehört. Ob das gut war? 

Ok Kid sorgten am Freitag im Wizemann für viel Jubel... Foto: Bannsen.de/ Yannick Stechmeyer-Emden 13 Bilder
Ok Kid sorgten am Freitag im Wizemann für viel Jubel... Foto: Bannsen.de/ Yannick Stechmeyer-Emden

Stuttgart - Zuerst war da ein Beat. Laut, dröhnend, dissonant. Es klingt nach: 2000er Ami-Hip-Hop-Trap-R-N-B. Wie eine Paarung aus Mariah Carey, Lil John und Skrillex. Eine Blondine mit roter Schildmütze und im weißen XXL-Shirt steht auf der Bühne und rappt. Die Bühne wird mit pinkfarbenem Licht bestrahlt, drei weiße Buchstaben werden dabei besonders beleuchtet: ADI - der Name der Künstlerin. Irgendetwas auf Englisch singt sie nun. Eine Zuschauerin sagt: „Das doch ein Song von Rihanna!“ Der Beat wird indes lauter. Adi bedient Synthesizer, Laptop und eine Loopstation. Alles allein. Dann geht sie.

Ein zweiter Beat ertönt: verträumt, sphärisch, basslastig, harmonisch - endlich! Fünf Männer betreten die Bühne. Die Fans kreischen. Ok Kid spielen in Stuttgart ihren Tourauftakt. Das Konzert im Wizemann ist mit 1300 Zuschauern ausverkauft. Das Boyband-Flair zieht sich diese Woche aber auch gut durch Stuttgarts Locations. Bereits die Auftritte von Annenmaykantereit am Mittwoch und Kakkmaddafakka am Donnerstag waren ausverkauft. Bei Ok Kid dürfen die Fans nun ebenfalls schön schreien.

Er schaut dem Rapper ins Gesicht und fuchtelt mit den Händen

Ein Bett aus mitgesprochenen Liedzeilen und Jubel ist so auch den Raps von Frontmann Jonas Schubert am Freitag während des ganzen Konzerts unterlegt. Nicht eingespielt, nein. Die Fans nehmen bei dem deutschen Hip-Hop-Trio Ok Kid - live haben sie zwei weitere Mitglieder zur Verstärkung dabei - einen aktiven Part ein. Sie sind von Beginn an Teil der Liveshow, erleben das Konzert wahrhaftig. Ihre Augen sind dabei groß, einige sitzen auf Schultern - einer steht sogar auf ihnen, schaut dem Rapper ins Gesicht und fuchtelt mit den Händen zum Beat. Schubert reimt: „Ich weiß nicht was ihr seht, ich seh' nur gute Menschen/ Alle lieben Kinder, alle gehen Blut spenden / Und das Letzte was man hier noch vermisst / Ist die Antwort auf die Frage warum alles bleibt wie's ist.“

Die Gießener-Band spielt fröhlich klingende Töne - Keyboard, Bass, Drums, Synthi, eingespielter Kinderchor. Ein positiver Song? Fast. Zynisch und sozialkritisch spricht Schubert über eine Gesellschaft, die sich gut gibt und es nicht ist. Ihr „happy Sound“ unterstreicht dies, geht dabei ins Ohr. Ok Kid behandeln in ihren meist sphärisch, elektronisch angehauchten Hip-Hop-Stücken Brennpunkte. Auf ihrem 2013 erschiene Debüt „Ok Kid“ beispielsweise die Unzufriedenheit einer Generation (Mehr Mehr) oder auf der folgenden EP „Grundlos“, die Krankheit Borderline. Ihr zweites Album „Zwei“ erschien vor wenigen Wochen. „Auf Platz sechs der deutschen Albumcharts sind wir gelandet“, sagt Schubert freudig während des Konzerts, „ohne dass wir im Radio liefen oder groß Werbung gemacht haben - Danke!“

Es wird noch lauter

Ein schöner Erfolg für Ok Kid, die sich bereits 2006 unter dem Namen Jona:S gründeten. Vielleicht tanzt deswegen auch Schubert mit einem Handtuch so wild auf der Bühne umher. „Alles oder nichts mehr“ baut die Band zu einem schönen Medley aus, „Kaffe warm“ klingt live mit verstärkter Leadgitarre energischer, fordernder. Das Zusammenspiel der Musiker läuft, von dem was man hört, reibungslos ab. Es ist aber auch nicht ihr erster Auftritt in Stuttgart: 2013 waren sie im Rocker 33, 2014 in den Wagenhallen. Und was gibt’s noch zu sagen?

Im Wizemann wird Visuelles auf einer Leinwand gezeigt - das Cover der aktuellen Platte oder ein Liedtitel etwa. Dann noch ein kleines Highlight: „Atme die Stadt“, ein Song der 2013 auf der Platte „Blaulicht“ des österreichischen Rappers Gerad erschien, wird gespielt. Jetzt soll auch die Fangemeinde angeleitet mitsingen: „Aus, ein / Und sie atmen die Stadt / Ein, aus.“ Es wird noch lauter. Toben. Jubel. Kreisch. Freude. „Man kommt in ein Alter, in dem man Ohrstöpsel braucht“, sagt unser Fotograf irgendwann, „aber nicht weil die Musik so laut ist.“

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