Oktoberfest in München Wie wird man Wiesn-Wirt?

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Rochade auf dem Oktoberfest: Siegfried Able beerbt den Hippodrom-Chef Sepp Krätz. Der 50-jährige wird das Traditionszelt unter den Namen Marstall und mit einer anderen Ausrichtung führen.

Mit der vorwiegend flüssigen Nahrungsaufnahme im  Hippodrom hat der Wirt Sepp Krätz allein im Jahr 2013 mehr als drei Millionen Euro erwirtschaftet.  Sepp Krätz wurde wegen Steuerhinterziehung verurteilt. Foto: dpa
Mit der vorwiegend flüssigen Nahrungsaufnahme im Hippodrom hat der Wirt Sepp Krätz allein im Jahr 2013 mehr als drei Millionen Euro erwirtschaftet. Sepp Krätz wurde wegen Steuerhinterziehung verurteilt. Foto: dpa

München - Wahrscheinlich denken die meisten Leute, es sei dem überwiegenden Teil der Münchner Oktoberfestbesucher Wurst, in welchem Zelt sie landen: Hauptsache Sitzplatz und Bier. Das ist aber schon deswegen falsch, weil man auf der Wiesn auch stehen kann, wenn man möchte, nämlich im Zelt vom Hofbräu. Dass man dort eher merkt, nicht mehr stehen zu können, ist freilich ein Gerücht.

Kurzum: lokale Präferenzen sind stark ausgeprägt. Verständlicherweise können sich zum Beispiel manche aus dem vegetarisch-veganen Lager nicht unbedingt damit arrangieren, dass vor ihren Augen gleich ein ganzes Rindviech am Spieß gegrillt wird, wie in der Ochsenbraterei. Andere hingegen haben es eher nicht so mit Makrelen auf Steckerl – dann ist die Fischer-Vroni, wo es nun allerdings wieder das tendenziell beste Bier gibt, die falsche Adresse.

King of Kotelett

Beim Wiesn-Wirt Sepp Krätz respektive in seinem Hippodrom hat die Nahrungsaufnahme außer in flüssiger Form nie eine besonders große Rolle gespielt, was daran lag, dass Krätz, ein gelernter Metzger und Selbsterfinder von der Sohle bis zur Glatze, im Jahr 1995 mit dem Konzept im Hippodrom angetreten war, es einfach nur gewaltig krachen zu lassen. Mitte der Neunziger, das muss man dazu sagen, war das Oktoberfest in München noch lange nicht so überhysterisiert wie heute. Zwangsläufig konnte man richtig auffallen, wenn man statt der Pferde, auf denen im Hippodrom Jahrzehnte lang geritten wurde, ein paar Musiker hinstellte, die Popmusik coverten, was das Zeug hielt, während woanders noch in aller Ruhe blasmusikmäßig vor sich hingewalzert wurde. Krätz war auf alle Fälle ziemlich bald King of Kotelett und Oktoberfest und bestätigte lange Zeit die Auffassung von Oberbürgermeister Christian Ude, es gebe ein Amt, welches wichtiger sei als sein eigenes: Wiesn-Wirt.

Wie es das Schicksal will, endet in diesen Tagen in München gleich zweimal eine Ära. Zum einen übergibt OB Ude am 2. Mai ordnungsgemäß das Amt an seinen jüngst gewählten Nachfolger Dieter Reiter (der nun wieder zuvor Wiesn-Chef gewesen ist). Zum anderen geht aber auch – mit Stadtratsentscheidung von Montag – das Hippodrom von Sepp Krätz in andere Hände über. Der 50-jährige Siegfried Able, bisher auf der Wiesn als Betreiber der Kalbskuchl, einem Kleinstzelt, vertreten, wird das Hippodrom unter den Namen Marstall und mit einer anderen Ausrichtung führen.

Verurteilt wegen Steuerhinterziehung

Dass Krätz einen Nachfolger brauchen würde, war klar, nachdem er Ende März wegen Steuerhinterziehung zu einem Jahr und zehn Monaten auf Bewährung und einer Zahlung von 570 000 Euro verurteilt worden war. Der Wirt hatte nicht nur im Hippodrom, sondern auch in seinem Lokal „Andechser am Dom“ unter anderem mit „Champagnerkassen“ gearbeitet und massiv schwarz kassiert. Dass der Job des Wiesn-Wirts auch ohnedies ein sehr lukrativer ist, wurde während der Gerichtsverhandlung sehr deutlich: allein im Jahr 2013 hatte Krätz im Hippodrom 3,1 Millionen Euro erwirtschaftet.

Seit solche Zahlen im Umlauf sind, die sonst stets als Wiesn-Wirte-Geheimnis betrachtet wurden, hat der eine oder andere Münchner Bürger dann doch ein Auge auf die Vergabepraxis der Lizenzen geworfen. Die geht so, dass der Wiesn-Referent – das ist Dieter Reiter, der künftige Oberbürgermeister – dem Wiesn-Ausschuss der Stadt personelle Vorschläge macht. Für diese Vorschläge müssen alle Wirte, von denen die Altgedienten und Unbescholtenen natürlich Vorteile haben, Konzepte erstellen.

Alle Verschwörungstheorien werden dementiert

Das Konzept von Siegfried Able nun, der sich fristgerecht zum 31. Dezember risikoreich für ein Großzelt beworben hatte, muss äußerst passgenau und dimensionengerecht gewesen sein. Able belegte Platz zwei unter sieben Bewerbern (darunter auch die Betreiber der Fischer-Vroni). Das fanden manche Großkopferte unter den arrivierten Gastronomen merkwürdig, und auch nachdem Able für seinen Marstall den Zuschlag bekommen hat, ist nicht mehr richtig Ruhe eingekehrt. Dieter Reiter indes dementiert alle Verschwörungstheorien, schließlich sei die Ausschreibung lange vor dem Urteil gegen Krätz beendet gewesen. Von einer Bevorzugung Ables seitens der Stadt, so Reiter, könne keine Rede sein. Das Dasein als Münchner OB könnte kommoder anfangen.

Wie auch immer: von September dieses Jahres an werden die Massen zumindest mal in den Marstall hineinschauen, während Sepp Krätz, der vor Gericht auch seine Konzession verloren hat, zumindest dieses Recht zurück haben will. Er klagt im Augenblick auf eine Aussetzung des Urteils. Wer es aber einmal mit dem Oktoberfest verdorben hat, kommt im Normalfall nicht mehr zurück.

Bitter erfahren musste das vor 30 Jahren ein anderes Münchner Original, nämlich Richard Süßmeier, ebenfalls von Haus aus ein Metzger und Aufsteiger. Nachdem er in den sechziger und siebziger Jahren das Armbrustschützenzelt auf der Wiesn zur Goldgrube gemacht hatte und sogar Sprecher der Wirte war, legte er sich mit dem damaligen Kreisverwaltungsreferenten Peter Gauweiler an, der gegen absichtlich schlecht gefüllte Maßkrüge vorging. Richard Süßmeier verkleidete sich als Gauweiler und ließ Plakate aufhängen, auf denen stand: „Gauweiler is watching you“. Betrügerisch eingeschenkt wurde weiter. Gauweiler erlebt im Jahr 2014 eine politische Renaissance. Richard Süßmeier war mit dem Orwell-Jahr 1984 Wiesn-Geschichte.