Es sei ein „Highlight“ gewesen, ein ganz tolles Ereignis für die Schülerinnen und Schüler seiner Gottlieb-Daimler-Schule 1, sagt Schulleiter Jürgen Patermann. Am Tag eins nach dem Besuch von Bundeskanzler Olaf Scholz hat sich die Aufregung im Schulhaus zwar weitgehend gelegt. Doch erst jetzt wird deutlich, was so ein hoher Besuch auslöst und bewirkt.
Keine Störung Tatsächlich hatte Jürgen Patermann etwas Sorge, dass Demonstrationen oder Kundgebungen vor dem Schulhaus den Kanzlerbesuch überschatten oder gar unmöglich machen würden. Schließlich sind die Protestzüge der Landwirte noch nicht lange her. Doch nichts dergleichen geschah. Im Gegenteil: „Da haben wir wirklich Glück gehabt, ich habe eher Euphorie mitbekommen“, sagt er. Schon kurz nach der offiziellen Begrüßung ließ Olaf Scholz spontan ein Selfie-Jäger ganz nah an sich heran, ebenso auf dem Weg zwischen den beiden Programmpunkten über das Schulgelände. „Die Schüler waren begeistert, es herrschte eine tolle Stimmung“, sagt er.
Hermetisch abgesichert Die Sicherheitsvorkehrungen indes waren enorm. „Jeder der rund 350 teilnehmenden Schüler musste vorab eine Zuverlässigkeitsprüfung des Bundeskriminalamts durchlaufen, sagt der Schulleiter. „Mir ist nichts zu Ohren gekommen, dass einer die nicht bestanden hätte“, scherzt er. Tatsächlich bedauert er aber, dass er nicht all seinen rund 1700 Eleven die Teilnahme ermöglichen konnte. „Im Sommer wäre das eventuell gegangen mit einer Veranstaltung im Freien, so waren wir leider gedeckelt.“ Alle anderen wichen für den Tag auf andere Klassenräume aus und kamen nur über Umwege ins Schulhaus. Patermann: „Außerdem mussten auf Bitten der Polizei die Fenster in den Klassenräumen oberhalb der Veranstaltung geschlossen bleiben. Nicht, dass jemand auf die Idee kommen könnte, etwas zu werfen.“ Im Vorfeld habe es mehrere Begehungen mit Sicherheitsbeamten gegeben, am Tag selbst waren Heerscharen von Kriminalpolizei, Bundeskriminalamt, einem privaten Sicherheitsdienst und sogar die berittene Polizei an der Schule.
Weltpolitik in Sindelfingen Neben der Sicherheit im Kleinen ging es am Montagmorgen in Sindelfingen um die Sicherheit im Großen. Bei der Podiumsdiskussion wurde der Kanzler nach der Unterstützung Deutschlands für die Ukraine gefragt und nutzte das für einen kurzen Schwenk in die Weltpolitik. Im gewohnt bedächtigen Erklärton sagte der Kanzler einen Satz zur umstrittenen Nicht-Lieferung der Taurus-Marschflugkörper, der in den Abendnachrichten zum „Machtwort“ stilisiert werden sollte: „Und wenn man die Kontrolle haben will und es nur geht, wenn deutsche Soldaten beteiligt sind, ist das völlig ausgeschlossen. Ich bin der Kanzler und deshalb gilt das.“ Eine Erklärung, die im Kreise der Schüler nicht für Aufruhr sorgte sondern eher beiläufig daherkam und im Rest der Diskussion unterging. Trotzdem war es dieser eine Satz, der die Schule bundesweit in die Schlagzeilen brachte und abends auf ARD und ZDF lief. „Auch mir war das in dem Moment gar nicht so bewusst“, sagt Schulleiter Patermann. „Es war ein weltpolitischer Eckpunkt, der auf unserem Aula-Parkett in die Öffentlichkeit kommuniziert wurde.“ Als überzeugter Europäer hatte er eher gehofft, mit dem EU-Projekttag als Ganzes in die Tagesschau zu gelangen. Die Schüler würden die mediale Berichterstattung zum Tag sammeln und im Unterricht nachbereiten: „Die Wirksamkeit in den Medien ist total spannend“, sagt Patermann.
Offener Brief ans Kanzleramt Zu Wort meldet sich tags darauf der Böblinger Landrat Roland Bernhard. Er habe einen Offenen Brief mit drei Forderungen an den Kanzler verfasst und ihm diesen im Rahmen des Besuchs mit gegeben. Zuvörderst müsse der Digitalpakt für Schulen weitergeführt werden, der noch unter der Vorgängerregierung gemeinsam mit den Ländern beschlossen wurde und nun im Mai auszulaufen droht. Zweitens pochte er erneut auf eine bessere finanzielle Ausstattung der Kliniken. Bei den kreiseigenen Häusern sei die Finanzlage „dramatisch.“ Außerdem verlangte er „eine dauerhafte Finanzierung des Deutschland-Tickets durch Bund und Land über 2024 hinaus sowie eine auskömmliche Finanzierung des Schienennetzes zum ‚digitalen Knoten’ Stuttgart.“
Stern im Kanzler-Glanz Stolz präsentierte Mercedes-Benz dem Bundeskanzler die aktuelle Palette an Nobelkarossen und die hochmoderne Fertigung von S-Klasse, Maybach und EQS in der Factory 56. Die anwesenden Medienvertreter allerdings bekamen das Kanzler-Programm nur in engen Auszügen zu sehen. Laufwege wurden restriktiv vorgegeben und beim Dialog mit der Belegschaft sowie bei der Fahrt von Olaf Scholz über die Teststrecke musste der Tross an Pressevertretern gleich ganz draußen bleiben.