Olga 46 in Stuttgart Gutes Essen bringt Arm und Reich zusammen

Beim gemeinsamen Essen gab es viele angeregte Gespräche. Foto: dpa
Beim gemeinsamen Essen gab es viele angeregte Gespräche. Foto: dpa

In der Tagesstätte der Caritas-Wohnungslosenhilfe Olga 46 in Stuttgart sind Barrieren bei einem Dinner abgebaut worden.

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Stuttgart - Wir sind alle Genussmenschen, ob arm oder reich“, sagt Johanna Renz, die Tagesstättenleiterin der Wohnungslosenhilfe Olga 46 unter dem Dach der Caritas. Renz hat Menschen verschiedener sozialer Schichten bei einem Dinner zusammengebracht, „um Vorurteile abzubauen und klischeehafte Bilder aus den Köpfen zu vertreiben“, wie sie am Ende des Experiments sagte. Was die Caritas-Mitarbeiterin freut: der Versuch, Menschen „an einem Tisch zusammenzubringen, die sich so sonst nie begegnet wären“, war ein voller Erfolg. Beim gemeinsamen Genuss von Gemüsesüppchen, Rinderrouladen mit Kraut und Knödeln sowie Bratäpfeln kamen sich Menschen, die täglich ums Überleben kämpfen, und solche, die sich aufgrund ihrer finanziellen Situation wenig Sorgen um ihre Zukunft machen müssen, näher. Schnell geriet das Treffen unter der Schirmherrschaft von Gerlinde Kretschmann, der Frau des Ministerpräsidenten, zu einem gemütlichen Beisammensein ohne Berührungsängste. Munter wurde über Gott und die Welt geplaudert, die Sorgen und Nöte der Gesprächspartner thematisiert und so auch der Blick auf die Lebenswelt des Gegenübers geschärft. „Es hat mich immer gestört, dass wir mit einem fixen Bild im Kopf herumrennen und glauben, dass arme Menschen Verlierer sind, und wir, wenn wir auf hilfebedürftige Menschen treffen, immer nur finanziell unterstützen müssen“, so Johanna Renz. Dabei komme es vor allem auf Menschlichkeit und Interesse füreinander an. Ihr war es daher wichtig, mit dem Abendessen in der Tagesstätte der Wohnungslosenhilfe Schranken abzubauen und die Sicht auf das jeweiligen Gegenüber zu verändern. Trotz unterschiedlicher Lebensbedingungen im Alltag eint viele Menschen das Interesse an Politik und Kultur, die Heimatverbundenheit, der Wunsch, in der Gesellschaft wahrgenommen zu werden, wie sich bei den Gesprächen zeigte.

Ein Betätigungsfeld für Ehrenamtliche

„Mich hat begeistert, wie offen die Gesprächspartner waren“, sagte Gerlinde Kretschmann, die sich während des knapp dreistündigen Essens „sehr gut unterhalten“ hat. Sie sagte Johanna Renz auch ihre Unterstützung beim Abbau von Vorbehalten zu: „Wenn Sie Hilfe brauchen, dann wissen Sie ja, wie Sie mich erreichen.“

Der Caritas-Direktor Raphael Graf von Deym, der als Gast zum Essen gekommen war, dankte Johanna Renz für ihre Initiative. Mit ihrer Idee und den oberschwäbischen Genüssen – zubereitet von den Riedlinger Landfrauen – sei es gelungen, Bar­rieren abzubauen. Dass zudem viele Gäste der Einladung gefolgt waren, die zuvor mit der Wohnungslosenhilfe persönlich noch nichts zu tun gehabt hatten, freute von ­Deym: „Jeder hat sicher seine Hürden gehabt hierherzukommen.“

Speisen und Gespräche genossen die Caritas-Klienten, für die das Menü „ein Festmahl“ gewesen ist, wie einer der Teilnehmer sagte. Es werde ihm nach dem leckeren Essen schwerfallen, wieder auf billige Kost umzusteigen, um maximal zwei bis drei Euro täglich für Lebensmittel auszugeben.Für den seit dem Jahr 1960 in Deutschland lebenden griechischen Architekten Andreas Nikakis, der die Wohnungslosenhilfe seit sechs Monaten ehrenamtlich unterstützt, ist die Zusammenkunft vor allem eins gewesen: ein Zeichen für den würdevollen Umgang mit den Menschen, die sich in ihrem Alltag nur wenig leisten können. „Das ist es, was das Projekt ausmacht“, sagte der Ruheständler. Er wünscht sich, „dass sich mehr Menschen auf diese Weise ehrenamtlich einsetzen“.




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