Oliver Blume im Gespräch Sportliche Ziele, ruhige Hand: wie Oliver Blume VW auf Kurs bringen will

Oliver Blume gibt bei der gemeinsamen Veranstaltung von Treffpunkt Foyer und „StZ im Gespräch“ auf Wunsch einer Leserin auch Auskunft über seinen privaten Fuhrpark: In Stuttgart fährt er einen elektrischen Porsche Taycan und das Racingmodell 911 R mit Handschaltung. In Wolfsburg ist er mit einem ID.Buzz unterwegs, der elektrischen Neuinterpretation des VW Bully. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski/Leif Piechowski Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Der VW- und Porsche-Chef Oliver Blume zeigt sich vor 600 Leserinnen und Lesern als Pragmatiker, der in langen Linien denkt. Er sieht die deutsche Autoindustrie gut gewappnet für den internationalen Konkurrenzkampf – und gibt Einblick in seine Terminplanung.

Automobilwirtschaft/Maschinenbau: Matthias Schmidt (mas)

Diesen einen Elfmeter lässt er sich dann doch nicht nehmen. Der Ball liegt einfach zu verlockend auf dem Strafstoßpunkt, als ein Leser nach dem tieferen Sinn des Einstiegs von Porsche beim VfB Stuttgart fragt. Oliver Blume schnappt sich die Chance und verwandelt mit verschmitztem Lachen: „Ich könnte jetzt sagen: Wenn Porsche kommt, läuft’s!“ Aber natürlich, das schiebt er umgehend hinterher, wäre es anmaßend, das zu behaupten.

 

Oliver Blume, doppelter Vorstandschef der Dax-Konzerne Porsche und Volkswagen, ist dann schnell wieder bei sich und zurück im nüchtern abwägenden Duktus. Die Saison sei noch lang und Porsche ja erst kurz dabei, sagt er. Blume betont die soziale Komponente, die es habe, sich vom Jugendfußball bis zu den Profis für den Verein in der Heimatstadt zu engagieren. „Viele, die bei uns in Zuffenhausen arbeiten, sind VfB-Fans“, sagt Blume, „wir sehen, wie sich die Leute mit diesem traditionsreichen Verein identifizieren.“ Gemeinsam mit den anderen Partnern, darunter der bisherige Trikotsponsor Mercedes-Benz, wolle man etwas anpacken. Mit klarem Ziel, versteht sich: „Wir bei Porsche sind Sportler. Wir wollen eine Erfolgsstory daraus machen.“

Die ruhige Argumentation kommt beim Publikum an

Die knapp 600 Leserinnen und Leser beim Treffpunkt Foyer der Stuttgarter Nachrichten und ihrer Partnerzeitungen sowie bei „StZ im Gespräch“ der Stuttgarter Zeitung bedenken den gedanklichen Ausflug zum Traumstart des VfB in der Fußball-Bundesliga mit Szenenapplaus. Es ist nicht der einzige Moment, an dem Blume an diesem Abend in der Sparkassenakademie in Stuttgart spontan Beifall bekommt – auch wenn er es sonst meidet, beim Thema „Welche Zukunft hat das Auto?“ rhetorische Gags und billige Treffer zu landen.

Als es um die China-Politik der Ampelregierung geht, hätte er die Gelegenheit dazu. Er plädiert für eine Handelspolitik mit Augenmaß gegenüber dem Land, in dem allein VW 40 Prozent seiner Autos verkauft, „ein viel zu hoher Anteil“, wie er übrigens findet. Dass die EU Pekings Subventionen für die chinesischen Hersteller untersuchen will, beurteilt er skeptisch, Protektionismus führe nur zu weiterem Protektionismus. Zur gezielten Frage, was er davon hält, dass Außenministerin Annalena Baerbock den chinesischen Staatschef Xi Jinping einen Diktator genannt hat, sagt Blume aber lieber: nichts.

„Erst einmal grundsätzlich“ – so beginnen viele Antworten

Stattdessen führt er aus, dass eine Abkopplung von China kein sinnvoller Weg sein könne. Er verfolge mit VW hingegen eine Strategie der Risikoverkleinerung, wie Porsche sie in den vergangenen Jahren schon erfolgreich umgesetzt habe: Vor allem in Nordamerika, Südostasien und im Mittleren Osten soll VW wachsen, um die wirtschaftliche Abhängigkeit von China zu reduzieren.

„Erst einmal grundsätzlich“ – mit diesen Worten beginnen viele Antworten des 55 Jahre alten, aus Braunschweig stammenden Konzernchefs, ganz gleich, wie konkret die Chefredakteure Christoph Reisinger (Stuttgarter Nachrichten) und Joachim Dorfs (Stuttgarter Zeitung) ihre Fragen formulieren. Blume äußert sich im öffentlichen Raum lieber ruhig als raubauzig, nicht nur darin unterscheidet er sich von seinem Vorgänger Herbert Diess. Dahinter steht auch ein spürbares Bemühen darum, das große Bild zu zeigen und die eigenen Argumente plausibel zu machen. Blume will verstanden werden, und er ist überzeugt, dass dies nicht mit rhetorischen Kleinscharmützeln gelingt.

Der Tanker VW brauche eine ruhige Hand, meint Blume

Entlang fester Linien will er auch den Konzern führen. VW mit seinen 700 000 Beschäftigten sei wie ein Tanker, der nur gesteuert werden könne, wenn man „mit ruhiger Hand die Themen abarbeitet“. Das entspricht ganz der Wunschvorstellung des Konzernpatriarchen Wolfgang Porsche im Porsche- und VW-Vorstand, der an Blume die Eigenschaften eines „ruhigen Umsetzers“ rühmt. Voraussetzung dafür sei allerdings, dass man eine klare Vorstellung vom künftigen Kurs habe, sagt Blume.

Dem Publikum eröffnet er, was es für ihn persönlich heißt, einen festen Plan zu haben. „Ich frage mich vor jedem neuen Jahr: Was sind die wichtigsten Themen?“ Dafür würden Termine gesetzt und darum herum die komplette Agenda gebaut. „Schon heute ist jeder Tag für November und Dezember durchgeplant“, sagt Blume. Und dabei meint er 2024. Es ist ein großer Themenbogen, der an diesem Abend abgeschritten wird. Nicht zuletzt sorgen die Leser dafür, in deren Fragen sich vielfach enorme Sachkenntnis zeigt. Es geht vom bidirektionalen Laden, das Blume als „riesige Möglichkeit, das Fahrzeug als Energiespeicher zu nutzen“ sieht, über die „haushohe Überlegenheit des Elektroantriebs“ zum Wasserstoff (eher im Flug-, Schiffs- und Schwerlastverkehr als im Pkw) und die Software im Fahrzeugbau.

Zwei Topleute für die Autosoftware

„Sie holen mit Sajjad Khan und Sanjay Lal zwei renommierte Experten, das zeigt den Stellenwert der Software“, stellt ein Leser fest. „Was bedeutet das für die Ausbildung bei uns?“, fragt er. Tatsächlich handle es sich bei den Genannten um zwei „der besten Software-Menschen, die es auf der Welt gibt“, antwortet Blume. Die Ausbildung der eigenen Fachkräfte in Deutschland sei eine extrem wichtige Aufgabe. „Wir werden auch künftig nicht alles selbst machen können, aber wir brauchen die Bewertungskompetenz, um Softwareprojekte führen zu kommen. Dazu braucht es tiefe Kenntnisse.“

Beim Fortschritt im Konkreten aber bleibt manche Frage offen. Der frühere Oberbürgermeister Wolfgang Schuster, der wie sein Nach-Nachfolger Frank Nopper im Publikum sitzt, hat eine klare Forderung: „Ich möchte ein Auto, das mich autonom durch Stuttgart fährt, da man ohnehin oft nicht schneller als 30 oder 40 fahren darf.“ Wann es so weit ist? „Es wird Schritt für Schritt kommen“, sagt Blume, nennt aber kein Datum. Speziell den Porsche-Freunden will er eine andere Sorge nehmen: „Wir lieben es, selbst Auto zu fahren. Es wird keinen Porsche ohne Lenkrad geben.“

Mit Freude hört Blume, was Passanten auf der Königstraße in Stuttgart mit Porsche verbinden. „Wenn ich viel Geld hätte, würde ich mir einen kaufen“, sagt einer im Videoeinspieler. Die Autos seien „richtig Stuttgart“, sagt ein anderer, und eine Frau im mittleren Alter spricht trocken von „teuren Autos, in die ich nicht mehr reinkomme“. Insgesamt sei das doch eine sehr positive Resonanz, sagt Blume.

Als der Abend nach eineinhalb Stunden schon abmoderiert ist, nimmt er sich, durchaus ungewöhnlich, noch ein kurzes Schlusswort. Er will einen Appell gegen den Katzenjammer loswerden, der in Sachen deutsche Wirtschaft gelegentlich angestimmt wird: „Wir haben Herausforderungen, aber die haben alle auf der Welt. Wir müssen die Ärmel hochkrempeln und mit ein bisschen Pragmatismus in Chancen denken.“ Am Ende geht er dann auf der Bühne in die Knie. Das Publikum hat noch Fragen. Die will er hören.

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