Zwischen 2009 und 2019 wurden 146 Dopingfälle nicht geklärt
Jetzt sitzt der gebürtige Heidelberger in seinem Haus im Ortskern von Sandhausen und spricht über die stark dopingbelastete Vergangenheit und über die Zukunft seiner Branche – auf die das Internationale Olympische Komitee (IOC) bei den Spielen in Tokio ein besonders scharfes Auge werfen wird. Schließlich droht den Gewichthebern für die nächste Olympia-Ausgabe in drei Jahren der Rauswurf – entsprechend lässt Spieß seinen Sorgen im Gespräch mit unserer Zeitung freien Lauf. „Ich denke“, sinniert er, „es ist jedem bewusst, um was es geht. Unser Weltverband muss einfach aufpassen, dass es in Tokio keine positiven Fälle gibt.“
Ende Juni deckte die Internationale Dopingkontrollagentur (ITA) in einem Bericht auf, dass über ein Jahrzehnt hinweg etwa 146 Dopingfälle im Gewichtheben ungeklärt geblieben seien. Der Internationale Gewichtheberverband (IWF) hatte zuvor die ITA beauftragt, Dopingtests aus den Jahren zwischen 2009 und 2019 auszuwerten.
61 positive Dopingbefunde bei Olympia in Peking und London
Wegen des tiefverwurzelten Dopingproblems, der starren Strukturen und des mäßigen Reformeifers innerhalb der Führungsriege des IWF drohte das IOC den Gewichthebern wiederholt mit dem Ausschluss vom olympischen Programm für die Spiele 2024 in Paris. Bestraft wird die Hantel-Abteilung schon jetzt: Durften 2016 in Rio noch 260 Gewichtheber in 15 Gewichtsklassen starten, sind bei den Spielen in Tokio nun nur noch 196 Sportler und Sportlerinnen in 14 Klassen zugelassen. Und für die Olympia-Ausgabe in drei Jahren in der französischen Metropole sind maximal 120 Plätze in zehn Klassen vorgesehen. Sofern die Gewichtheber von den Herren der Ringe dann nicht schon längst die Rote Karte gezeigt bekommen haben.
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Allein bei der Nachanalyse der Olympischen Spiele von Peking und London traten im Gewichtheben 61 positive Dopingbefunde zutage. So wurde zum Beispiel aus Spieß’ ursprünglichem neuntem Platz in Peking mittlerweile Rang sechs. Für die olympischen Wettkämpfe in Tokio sind Thailand, Malaysia, Ägypten und Rumänien wegen zu vieler Disqualifikationen gesperrt. Andere Nationen, darunter Russland, Aserbaidschan oder Kasachstan, dürfen wegen zahlreicher Dopingfälle nur eine Frau und einen Mann (statt der möglichen vier Frauen und vier Männer) an den Start bringen.
Akkajew aus Russland musste Medaille wieder abgeben
„Ich kann mir vorstellen, dass wir, sehr ausgedünnt durch die ganzen Sanktionen, schon mal ein Stück weit sauberer sind – weil wir einfach mehr Sportler aus sauberen Nationen am Start haben“, glaubt Jürgen Spieß, der den insgesamt vier deutschen Frauen und Männern jeweils „eine gute einstellige Platzierung“ zutraut – mit den besten Aussichten für Nico Müller und Lisa Marie Schweizer. Zugleich betont Spieß vor den Wettkämpfen in Tokio, bei denen die Bantamgewichtlerinnen am 24. Juli als Erste auf die Bühne treten, aber auch: „Natürlich sind da noch genug Leute dabei, für die ich niemals die Hand ins Feuer legen würde. Weil sie einfach über Jahre oder Jahrzehnte gezeigt haben, dass sie es ohne Doping einfach nicht hinkriegen.“
So erzählt der zehnmalige deutsche Meister, wie er mit 16 zum ersten Mal zu einer Jugend-EM fuhr, dort Vierter wurde – und dabei unter anderem dem Sieger Chadschimurat Akkajew aus Russland begegnete. Akkajew war dann über viele Jahre einer seiner Konkurrenten, holte 2008 in Peking Olympia-Bronze im Mittelschwergewicht. Diese Medaille kassierte das IOC acht Jahre später jedoch wieder ein – nachdem Akkajew, der bereits 2005 positiv getestet und für zwei Jahren gesperrt worden war, bei den Nachproben der Peking-Spiele die Einnahme des Anabolikums Dehydrochlormethyltestosteron, vertrieben unter dem Handelsnamen Oral-Turinabol, nachgewiesen worden war.
Ankämpfen gegen die Alteingesessenen
„Schon als Jugendlicher wusste ich, dass da Sportler aus Nationen sind, gegen die ich eigentlich keine Chance habe“, sagt Spieß: „Das ist natürlich kein Thema, bei dem man jauchzend durch die Welt marschiert. Aber so traurig das klingt: Ich bin da hineingewachsen, ich kannte es nicht anders.“
Weil es den Gewichthebern nun aber endgültig an den olympischen Kragen gehen könnte, engagiert sich der Europameister von 2009 im Zweikampf und im Stoßen seit vergangenem September in der frisch gegründeten Athletenkommission des IWF. „Wir haben da von Anfang an nichts anderes zu tun gehabt, als gegen die Alteingesessenen anzukämpfen und uns irgendwie Gehör zu verschaffen. Aber wenn man da ein Prozent in die richtige Richtung treibt, kann es am Ende das entscheidende eine Prozent sein, das die Sportart rettet“, hofft Spieß.