Olympia 2022 Wahnsinn – Gold für den aussortierten Polizisten Johannes Strolz
Wie schon sein Vater vor 34 Jahren wird Johannes Strolz Olympiasieger in der alpinen Kombination – womit keiner rechnete.
Wie schon sein Vater vor 34 Jahren wird Johannes Strolz Olympiasieger in der alpinen Kombination – womit keiner rechnete.
Peking/Stuttgart - In Österreich wird man schneller rasiert als anderswo. Wegen der Vielzahl starker Burschen in den alpinen Kadern fallen einige Athleten durchs Raster – so erging es vor der Saison auch dem Skirennläufer Johannes Strolz. Gewogen und für zu leicht befunden, derart knallhart und emotionsfrei wird da verfahren im Land der Berge. Also blieb Strolz nichts anderes übrig, als sich mit der deutschen Mannschaft körperlich in Schuss zu halten und in Dornbirn zwei Monate lang Geld zu verdienen. In seinem Fall als Polizist.
Aussortiert und weggeworfen, aber dann doch wieder zurückgeholt, weil sich der Slalomspezialist Adrian Pertl einen Kreuzbandriss zugezogen hatte – Strolz hätte auch sagen können: „Ohne mich, Leute! Macht euren Kram doch allein.“ Das aber tat er nicht, und es war gut so. Denn Olympische Spiele leben auch von den zauberhaften Geschichten, die hin und wieder geschrieben werden. Ganz Österreich dreht dieser Tage jedenfalls durch – wegen Johannes Strolz.
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Vor wenigen Monaten hat er Knöllchen hinter die Scheibenwischer gesteckt – und nun haben sie ihm nördlich von Peking Gold um den Hals gehängt. Dass Strolz die alpine Kombination gewinnen würde, damit haben nicht mal die lautesten Experten gerechnet, und davon gibt es in Österreich viele. Nicht einmal Strolz hätte es zu träumen gewagt, dass er an diesem sonderbaren wie wunderbaren Tag den norwegischen Superstar Aleksander Aamodt Kilde hinter sich lassen würde. „Ich muss mich zusammenreißen, dass ich nicht losheule“, sagte der Gewinner, der für den verrücktesten Sieg dieser Spiele sorgte und sich vorkommen musste wie in einem Märchen. „Das ist eine unfassbar tolle Geschichte“, zollte Österreichs Ski-Ikone Marcel Hirscher dem Sieger Respekt.
Zutaten für eine unglaubliche Story gab es einige. Der in Bludenz geborene Rennläufer ist schon 29 Jahre alt und gewann wie durch ein Wunder jüngst in Adelboden seinen ersten Weltcup – dabei war er zuvor noch nie auf dem Podest gestanden. Dieser schon als Überraschung eingestufte Slalomerfolg Anfang des Jahres war dann auch die Eintrittskarte für die Spiele in Peking. Vermutlich dachte der Vorarlberger an alles, nur nicht an eine Olympiateilnahme – und dann kam es auch noch zu diesem Gold!
Bei der Siegerehrung ist ihm deshalb einiges durch den Kopf geschossen. „Ich habe an all die Stunden gedacht, in denen ich hart trainiert, viel geopfert und nie aufgehört habe“, sagte der Olympionike, „und ich dachte auch an spezielle Konditionseinheiten, bei denen ich allein bei Wind und Regen trainiert habe – ich habe mich immer durchgebissen.“ Die Rückkehr nach der Ausmusterung hat ihn besonders beflügelt. „Das hat etwas gemacht mit mir“, meinte Strolz, der immer an sich glaubte und wusste, dass er das Zeug dazu haben würde, mal unter den Besten mitzufahren. „Ich bin das beste Beispiel dafür, dass man niemals aufgeben sollte.“
Ganz im Glück befand sich auch Vater Hubert Strolz, den sie in Österreich liebevoll Hubsi nennen, auch weil er 1988 in Calgary Olympiasieger in der Kombination wurde – wie 34 Jahre später sein Sohn. Nun wird in der Alpenrepublik die Strolz-Story rauf- und runtergeschrieben, doch abheben wird die sympathisch bescheidene Familie aus Warth am Arlberg deshalb nicht. Vater und Sohn pflegten schon immer ein enges Verhältnis.
Mächtig stolz sei der Herr Papa nach dem Rennen gewesen, der den Sohnemann stets mit viel Geduld gefördert und begleitet hat. „Es ist grundsätzlich gar nicht so einfach, dass ein Sohn die Tipps von seinem Vater annimmt, aber der Johannes hatte da immer ein großes Vertrauen“, sagt Hubert Strolz. Und: „Ich denke, dass ich ihm schon in vielen Dingen helfen konnte, sei es bei den Skischuhen, dem Material und der Technik. Obwohl sich viel geändert hat, experimentiert man noch immer mit denselben Parametern wie damals.“
Jahrelang haben Vater und Sohn gemeinsam herumgetüftelt und am Material gefeilt. In Peking hat es sich Johannes Strolz allerdings etwas leichter gemacht also sonst und sich einfach mal die Speed-Ski des Teamkollegen Matthias Mayer besorgt, der zuvor bei diesen Spielen Gold im Super-G und Bronze in der Abfahrt holte. „Raketen“ seien das gewesen, meinte Strolz und war sich durchaus bewusst, dass Mayer mit seiner Großzügigkeit einen großen Anteil an seiner Goldmedaille hatte. Vielleicht auch ein bisschen die traurige Tatsache, dass nur 27 Athleten an der zu Unrecht stiefmütterlich behandelten, aber doch sehr traditionsreichen Kombination teilgenommen hatten. Ein „Armutszeugnis“ nannte das der Deutsche Simon Jocher, der in dem olympischen Wettbewerb ausgeschieden war.
Doch die geringe Anzahl der Teilnehmer an der Kombination schmälert die Leistung des Österreichers keineswegs. Gold ist Gold – und das von Johannes Strolz, dem Sohn vom Hubsi, das bislang schönste dieser Winterspiele in Peking.