Olympiaserie (3) Gregor Traber und die Reifeprüfungen

Von Ewald Walker 

Der 19-jährige Abiturient und Leichtathlet von der LAV Stadtwerke Tübingen absolviert parallel schulische und sportliche Herausforderungen.

Gregor Traber hat Chancen, die Qualifikationshürde auf dem Weg nach London zu nehmen. Foto: Baumann
Gregor Traber hat Chancen, die Qualifikationshürde auf dem Weg nach London zu nehmen. Foto: Baumann

Tübingen - Die blaue Leichtathletikbahn an der Tübinger Europastraße glänzt in der Vormittagsonne. Dort trainiert der Hürdenläufer Gregor Traber für sein großes Ziel – einen Sommeraufenthalt in London. „Olympische Spiele waren immer schon mein Traum“, sagt der erst 19-jährige Ausnahmesprinter. Eigentlich braucht man in der Leichtathletik einen langen Weg, um bei dem außergewöhnlichen Großereignis dabei zu sein. Die Hochspringerin Ulrike Meyfarth fuhr zwar 1972 als 16-Jährige einfach so nach München, um dann als eine der jüngsten Leichtathletik-Olympiasiegerinnen gefeiert zu werden. Doch das sind Ausnahmen. Gregor Traber von der LAV Stadtwerke Tübingen will in London „einfach nur dabei sein“.

Training in der Ecke des Stadions. Während 30 Fünftklässler auf der Bahn ihre Runden drehen, steht Traber in der Hocke auf dem Balken der Kugelstoßanlage mit einer Fünfkilokugel in den Händen. 30 Würfe nach vorne, 30 über den Kopf nach hinten. Kugelschocken heißt die Übung. „Hier soll die Explosionskraft trainiert werden, die man aus dem Startblock heraus benötigt“, erklärt Dorinel Andreescu, Trabers Trainer. Eigentlich eine Drillübung, doch hier herrscht lockere Stimmung. Beim letzten Wurf schafft Traber mehr als 20 Meter, Bestleistung. „Das gibt ein Apfelschorle“, ruft Traber seinem Coach zu.

Trainingslager und Abiturprüfungen

„Wenn du ein richtiges Haus bauen willst, musst du ein richtiges Fundament anlegen“, sagt Andreescu zu der Grundlagenarbeit. Der ehemalige Speerwerfer und Handballer trainierte in Rumänien beim Vater der ehemaligen Weltklassehochspringerin Alina Astafei, ehe er nach Deutschland kam. Dort bekam er Gregor Traber unter seine Fittiche. „Der wird nie ein Hürdenläufer“, hatten andere Trainer orakelt. „So ein Talent findet man nicht jeden Tag“, meinte der Rumäne. Mit 19 ist Traber bereits zweimaliger Deutscher Hallenmeister über 60 Meter Hürden und greift jetzt nach den olympischen Sternen.

Neun Tage Trainingslager in Südtirol („Lief super, voll durchgezogen“) und noch neun Tage auf Mallorca. Bemerkenswert, weil Traber in der heißen Trainingsphase das Abitur zu schreiben hatte und demnächst in der Zeit der Qualifikationsrennen für London und die Europameisterschaften in Helsinki den mündlichen Teil der Reifeprüfung zu absolvieren hat.

Besonders leicht fiel ihm das schriftliche Sportabitur: Er musste die Vorzüge des dreimaligen Olympiasiegers Usain Bolt, dessen Schrittlänge, Frequenz und außergewöhnliche biologische Voraussetzungen analysieren. Eigenschaften, die auch auf Gregor Traber selbst zutreffen. „Bolt habe ich bei der WM 2009 in Berlin live gesehen“ – und er ist noch immer vom Ausnahmesprinter beeindruckt.

„Den olympischen Geist selber erleben“, sagt der 1,90 Meter große Modellathlet, „was Größeres gibt es nicht.“ Seine Bestleistung über 110 Meter Hürden steht bei 13,55 Sekunden. Bei 13,61 (für Helsinki) und 13,49 (für London) liegt die Norm. Sein neuer Hallenrekord von 7,59 Sekunden lässt eine Zeit im Bereich von 13,30 Sekunden erwarten. „Wenn er diese Zeit in London läuft, kann er ins Finale kommen“, sagt Andreescu.

Der Druck ist hoch, Gregor Trabers Selbstvertrauen auch

Die Fähigkeiten seines Schützlings geben ihm den Boden dafür. „Gregor ist ehrgeizig, hochmotiviert, er hat alles, was ein Trainer sich wünscht“, sagt Andreescu. Er werde bei den Deutschen Meisterschaften Mitte Juni in Wattenscheid „auf den Punkt da sein“, sagt Traber. Er sprüht vor Angriffslust. Die Zeit der Normerfüllungen ist sehr kurz, der Druck deshalb entsprechend hoch. Genauso immens ist jedoch Trabers Selbstvertrauen. Zielbewusst, intelligent, trainingsfleißig – Eigenschaften, aus denen große Athleten gemacht sind.

Die blaue Bahn an der Straße nach Europa ist leer, der Rasen wird gesprengt, die Mittagsonne steht über dem Stadion. „Ich muss nach Hause, Dieter hat gekocht“, sagt Traber und schwingt sich aufs Fahrrad. Dieter Baumann, bei dem der Oberschwabe Traber lebt, kennt sich mit Olympia aus und unterstützt mit seiner Familie Traber bei der Erfüllung von dessen Traum. Er wird ihm erzählen, wie er 1988 zu seinen ersten Olympischen Spielen nach Seoul geflogen ist und gleich eine Silbermedaille mitgebracht hat. Bei allen Träumen: die Maßstäbe müssen dennoch stimmen.