Mit „Spicy Trax“ bekommt das neunte Open Air den Dreh zur langen Sommernachtssause im Emerholz.

Stammheim - Open Air an diesem Glutsamstag: Klingt eher nach Strafe. Verblüffend, wie stark da die Bänke auf dem Areal des Autohauses Stieber schon früh besetzt sind. Und kurz nach 19 Uhr, eine Stunde nach Beginn, ist „Passt“ schon mittendrin im Festival. Auf der Nebenbühne, im Schatten. Eine menschenfreundliche Idee, denn zu der Zeit knallt die Sonne noch unerbittlich auf die Hauptbühne. Kinder hüpfen durch den Rasensprenger oder rattern im Schatten die Rollerbahn des Mobifanten hinunter, während „Passt“ den Ohrenspitzer gibt.

Fein durchhörbar das Set mit Soul, Beatles-Beat und Rock, den Werner Mast mit angenehm knarziger Reibeisen-Stimme gibt, während Nikola Mast mit geschmeidig-coolem Samt die Songs zum Gefühlserlebnis macht, auch mal improvisierend scatted. Sowieso könnten Dialoge zwischen Gitarrist Peter Tremmel und dem eingesprungenen, fabelhaften Bassisten Frank Ebert auch Keimlinge einer Jam-Session sein. Ein Auftritt, der passt.

„Leute, trinkt mehr!“

Wo es dann für die nächsten vier Stunden langgehen soll, das markieren „So What“ nach dem Startschuss von Hausherr Oliver Stieber mit druckvollem Hot Chocolate-Rock: „Everyone’s a winner“. An diesem heißen Sommerabend sowieso, wenn es danach gleich heißt: „Bring me some water“. Wer wollte dies einer Mellisa Etheridge versagen? Doch irgendwas ist bei der Stuttgarter Coverband nicht so ganz auf dem Punkt an diesem Abend. Das ist durchaus klassischer, scharf servierter Gitarrenrock mit einem hypnotischen Tieftöner. Zudem mit einer Drum-Machine, die gewaltig Dampf macht. Defizitär aber ist die Balance zwischen instrumentaler Wucht und Vocals, die im Klangbild schmalbrüstig wirken. Auch, weil das Vocal-Duo in der Performance auseinanderfällt. Thomas Heil, Rocker in Trekking-Sandalen und wie zum Aufbruch in den Urlaub gewandet, merkt, dass der Funke nicht überspringt: „Wem es gut geht, bitte die Hand strecken.“ Das Ergebnis versucht er so zu retten: „Leute, trinkt mehr!“

Aber sie kämpfen. Allen voran Sängerin Anke Dinkel, die sich mit Leidenschaft und Verve in ihre Songs wirft. Und wenn sie final den „Ballroom blitz“ zünden und mit der ACDC-Zugabe „Touch to much“ noch mal Vollgas geben, haben sie sich doch noch glücklich ins Ziel gebracht.

Frontfrau mit bezwingender Präsenz

Wo der Hammer wirklich hängt bei einer Show, bei der nicht nur die Bühne, sondern auch das Publikum vibriert, das bringen „Spicy Trax“ sofort mit „Hammer to fall“ Queen-like auf den Punkt. Der Bass, nun ein wenig im Hintergrund, groovt und zieht dunkle Furchen durch den Sound, das Keyboard tönt intelligent und nicht zudeckend, die mit brillanten Riffs ausbrechenden, metallisch flimmernden Gitarren flankieren Frontfrau Jacqueline Walter.

Die Frau ist eine Wucht, die Löwenmähne auch in Herbstblond nicht zu zähmen. Und dann hat sie das Gefühl und den Charme, den der frontal platzierte Teddy ihrer Kinder signalisiert. Faszinierend vor allem, weil ihre bezwingende Präsenz nicht aufgesetzte Attitüde ist, sondern wie direkt aus der Steckdose kommende Energieschübe einer Musikerin, der Rock-Interpretationen Doppeltes sind: freier, enthemmter Spaß und glutvoll ausgelebte Leidenschaft. Rock aber auch als Ausdruck jener Utopie, die er ursprünglich repräsentierte: „Love in a peaceful world“. Liebe und Frieden und „Don’t stop“ à la Fleetwood Mac.

Und das Publikum geht prächtig mit, tanzt bald in Scharen. Zeit dann zu fragen, ob man überziehen darf. Daumen hoch von Festivalchef Michael Klamm – und dann wird auch nicht mehr gefragt, sondern weitergefetzt. Und mit zwei hinreißend gefühlvollen, stillen Zugaben „Time after time“ das Publikum kurz nach Mitternacht in die laue Sommernacht geschickt. Eine Nacht zum Lieben und Weiterträumen.