Open-Air-Theater in Aspach-Rietenau Ein Hallodri erlebt sein blaues Wunder

Von Annette Clauß 

War es Mord? Der Lebemann und Ex-Landwirt Siggi Schenk erlebt sein ganz persönliches blaues Wunder, als seine Ehefrau tot aufgefunden wird. Im Heimatdorf Rietenau wird fleißig getratscht und gemunkelt. Lea Butschs neues Theaterstück ist Anfang August eben dort zu sehen – als Stationentheater unter freiem Himmel – und fast das ganze Dorf mischt mit.

Zurück in die Siebziger: eine Szene aus dem Stück „Blaues Wunder“, das Anfang August drei Mal in Rietenau zu sehen ist. Foto: Edgar Layher
Zurück in die Siebziger: eine Szene aus dem Stück „Blaues Wunder“, das Anfang August drei Mal in Rietenau zu sehen ist. Foto: Edgar Layher

Aspach - War es Mord oder „nur“ ein Unfall? Im Örtchen Rietenau wird nach dem Tod der Busunternehmergattin Gerda heftigst spekuliert, gemutmaßt, getratscht und verdächtigt. Man schreibt das Jahr 1972 und auch ohne den tödlichen Treppensturz Gerdas gäbe es genügend Ereignisse, welche die Menschen im Dorf umtreiben. Es ist die Zeit der umstrittenen Gemeindereform, bei der selbstständige Orte zu neuen, größeren Gemeinden zusammengelegt werden. Das passt so manch einem nicht.

„Es war eine Zeit des Umbruchs“, sagt Lea Butsch, die über eben jene Ära ein neues Theaterstück verfasst hat. „Blaues Wunder – Chronik eines Falls“ heißt es und feiert am 2. August mit dem Theater Rietenau seine Premiere. Wie in den Vorjahren ist das Stück eine Zeitreise mit Musik. Sie beamt die Zuschauer – maximal 200 können an einem Abend dabei sein – zurück in die 1970er-Jahre, in denen die Antibabypille Frauen ein Stück sexuelle Freiheit schenkte, die erste Generation der Rote Armee Fraktion bereits inhaftiert war und auch in Rietenau das Bauernsterben seinen Anfang nahm. „Damals gab es 25 Ställe hier im Ort – heute nur noch einen“, erzählt Rolf Butsch, der in Rietenau aufgewachsen und nach etlichen Jahren wieder dorthin zurückgekehrt ist.

Zeitreisen in jedem Sommer

Gemeinsam mit seiner Frau Lea hat Rolf Butsch 1990 das Theater Wilde Bühne in Stuttgart gegründet. Zudem beschert das theaterbegeisterte Paar seit 2011 mit einem zweiten Ensemble, dem des Theaters Rietenau, seinem Heimatort Jahr für Jahr eine Produktion, die historische Ereignisse aufgreift und neu erzählt. Mal geht es um die Jahrhundertwende, mal um die Wirtschaftswunderzeit, mal um Sagengestalten des Schwäbisch-Fränkischen Walds oder um die 1920er-Jahre.

Nun also die Siebziger, in denen der Rietenauer Bauer Siggi Schenk, frauentechnisch kein Kind von Traurigkeit, eine wohlhabende Landwirtstochter, Gerda, heiratet, den von ihr in die Ehe eingebrachten Grund und Boden verkauft und ein Busunternehmen gründet. Von Rietenau geht es hinaus in die für damalige Verhältnisse weite Welt – zum Beispiel an den Gardasee. „Wir hätten unser Publikum gerne ein Stück mit einem Reisebus fahren lassen“, erzählt Lea Butsch, „aber der hätte zu wenig Plätze – und es wäre auch zu teuer geworden.“ So wird eben ein Raum der Gemeindehalle zum Fahrzeug, durch dessen Frontscheibe die Theaterbesucher dank eines Videos die Fahrt zum Gardasee erleben können.

Von Station zu Station führt die Zeitreise dann per pedes durch das schmucke Dörfchen, dessen Bewohner fast durchweg irgendwie involviert sind ins Theatergeschehen. Manche stellen ihren Privatgarten als Schauplatz zur Verfügung, andere bewirten und betreuen die Gäste, die teils weite Wege auf sich nehmen, um beim Sommertheater dabei zu sein.

Trotz Dorfidylle nicht nur leichte Kost

Und das, obwohl trotz der schwäbischen Dorfidylle nicht nur leichte Theaterkost serviert wird. Im Gegenteil: „Wir muten unseren Zuschauern immer etwas zu“, erzählt Rolf Butsch. Heimweh und Fernweh, Reisen, Freiheit und die Frage, ob es diese Regeln braucht – darum dreht sich der Abend. Das Theater solle Unterhaltung bieten, aber auch Denkanstöße geben, sagt Lea Butsch: „Es geht darum, wie schnell man jemanden verurteilt.“

Der Theaterabend beginnt mit einer Beerdigung – und klingt bei einer Kirbefeier mit Livemusik aus. Aufgetischt wird, ganz im Stil der Siebziger, Toast Hawaii.

Sommertheater im Freien

Aufführungen
: „Blaues Wunder – die Chronik eines Falls“ wird an drei Abenden in Aspach-Rietenau aufgeführt: am Freitag, 2. August, sowie am Samstag und Sonntag, 3. und 4. August. Das Stück beginnt um 19.30 Uhr, von 18 Uhr an gibt es eine Bewirtung bei der Gemeindehalle. Von dort aus geht es in rund zwei Stunden zu insgesamt acht Stationen im Ort. Die Route ist zwar nicht durchgängig barrierefrei, man kann aber auch mit Rollator mit kleinen Umwegen zu allen Stationen gelangen.

Kartenverkauf:
Tickets für das Stück kosten 14 Euro, reservieren kann man sie telefonisch unter 0 71 91/91 58 11 oder hier