Open Air vor der Stuttgarter Oper Mit heißer Inbrunst und wunden Herzens

Eine proppenvolle Wiese am Eckensee: „Ballett im Park“ zog auch nach der Corona-Pause wieder die Massen an. Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko

Volles Grün! Zu „Ballett im Park“ kamen Tausende und schauten unter freiem Himmel bei angenehmen Temperaturen John Crankos „Onegin“ auf der Großbildvideowand.

„Wohin nun? Hab’ doch gesagt, wir müssen eher los!“ Martina Wild ist aufgeregt. Um 19 Uhr startet ihre absolute Lieblingsveranstaltung unter freiem Himmel, für die sie seit Jahren aus dem Remstal nach Stuttgart fährt: „Ballett im Park“. In der Coronapause habe sie das kostenfreie Public Viewing Event, das seit 2007 stattfindet, „schwer vermisst“, so die 44-Jährige. Nun sucht sie mit ihrer Freundin ein Plätzchen Picknickdecke und Korb mit Leckereien.

 

Buch und Crankos Ballett sind Meisterwerke

Kein einfaches Unterfangen, um 18.50 Uhr ist die Wiese am Eckensee längst proppenvoll. Früh einfinden muss sich, wer beste Sicht auf die Großbildvideowand haben will. Auf die wird mit vielen Kameras und Hightech übertragen, was im Opernhaus jenseits des Sees über die Bühne geht: Das Stuttgarter Ballett zeigt im 50. Todesjahr von John Cranko dessen „Onegin“.

1965 brachte der „Vater des Stuttgarter Ballettwunders“ das verhinderte Liebesglück von Tatjana Larina und Eugen Onegin nach dem Versroman des russischen Dichters Alexander Puschkin zur Uraufführung . „Buch und Crankos Ballett sind Meisterwerke“, schwärmt Martina und steuert ein Fleckchen am Wegesrand an. In der Mitte des Rasens haben es sich zwei Paare schon gemütlich gemacht: Schuhe aus, Kissen raus, Häppchen und „Prost“ mit Sekt und Selters. „Wir waren schon um 18 Uhr da.“

Derweil wird es auf dem Riesenbildschirm ernst. Die einstige Erste Solistin und Noverre-Projektleiterin Sonia Santiago, die wieder durch den Abend führt, wünscht Spaß, bevor Wolfgang Heinz, Stellvertretender Musikdirektor für das Stuttgarter Ballett, in Großaufnahme am Dirigentenpult den Auftakt zu Peter Tschaikowskys dramatischer Opernmusik gibt.

Drei Freiwillige aus dem Publikum lesen Onegins Zeilen vor

Tatjana, getanzt von Elisa Badenes, und ihre Schwester Olga (Mackenzie Brown) begeben sich nun mit Freundinnen im Garten ihrer Mutter in ein altes abergläubisches Spiel: Im Spiegel erscheint der künftige Geliebte. Olga sieht ihren Verlobten, den Dichter Lenski, Tatjana macht Onegin aus, den Lenski mitbrachte. Sie verliebt sich sofort in ihn, doch der schnell gelangweilte Lebemann ist abweisend. Erst im dritten Akt, ganze 16 Jahre später, wird er erkennen, welch tolle Frau er verpasst hat. Nachdem er davor im zweiten Akt seinen Freund Lenski im Duell erschoss. Die Crux dabei: Tatjana ist längst mit Fürst Gremin verheiratet. Und sie reagiert auf Onegins Avancen, wie er das vor langer Zeit auf die ihren tat: Sie zerfetzt den Liebesbrief vor den Augen des nun Geläuterten!

Um die Zuschauerinnen und Zuschauer im Park darauf vorzubereiten, holt Sonia Santiago, die in der ersten Pause aus der Maske berichtete, in der zweiten drei Freiwillige aus dem Publikum: Horst, Jürgen und Severin lesen Onegins Zeilen vor und ernten Beifall: „Mit heißer Inbrunst in sich saugen, durchdrungen sein von Ihrem Wert, zu Ihren Füßen niedergleiten und wunden Herzens, qualverzehrt.“

Auch Martina und ihre Freundin sind angetan. So nah dran an den Emotionen und Gesichtern von Friedemann Vogel alias Onegin und „Lenski“ Adhonay Soares da Silva! „Die Mimik der Tänzerinnen und Tänzer im Großformat, die Formationen von oben, das siehst du sonst nicht!“

Freilich bringen sie ihre Füße in Ballettposition, als Santiago noch zum Kurztanz bittet – bevor im dritten Akt das Drama seinen finalen Lauf nimmt. Schlussovationen im Saal und draußen! Da fangen die Kameras ein, was drinnen nicht zu sehen ist: Kompanie und Ballettintendant Tamas Detrich versammeln sich auf dem Balkon oberhalb des Portikus. „Morgenvormittag geht es weiter“, verkündete Martina schon zuvor: Sie kommt zur Matinee der John Cranko Schule.

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