Oper „La Juive“ in München Die anderen sind die Bösen

Von Werner Müller-Grimmel 

Calixto Bieito hat für die Münchner Opernfestspiele die selten gespielte Oper „La Juive“ von Fromental Halévy inszeniert. Er präsentiert eine szenisch und musikalisch schlüssige Version und arbeitet die zeitlose Aktualität des Werks heraus.

Krieg der Konfessionen in „La Juive“: Tareq Nazmi als Albert (stehend), Roberto Alagna als Eléazar (unten) und Aleksandra Kurzak als Rachel Foto: Bayerische Staatsoper
Krieg der Konfessionen in „La Juive“: Tareq Nazmi als Albert (stehend), Roberto Alagna als Eléazar (unten) und Aleksandra Kurzak als Rachel Foto: Bayerische Staatsoper

München - Am Anfang ist es finster auf der Bühne des Münchner Nationaltheaters. Kein Laut ist zu hören. Dann beginnt ganz hinten ein schwaches Licht zu glimmen. Ein Frauengestalt schält sich aus der Dunkelheit, kommt langsam nach vorn. Sie ist jung, hat ein grünes Kleidchen an und schaut verzweifelt ins Publikum. Plötzlich platzt röhrender Orgelklang wie eine explodierende Bombe in die Stille. Die Frau zuckt verängstigt zusammen und hält sich die Ohren zu. Martialisch ertönt eine „Te Deum“-Aufnahme mit Frank Höndgen (Orgel) und dem Chor der Bayerischen Staatsoper aus dem Off.

So beginnt die Neuproduktion von Fromental Halévys Fünfakter „La Juive“ an der Bayerischen Staatsoper. Die Premiere fand jetzt im Rahmen Münchner Opernfestspiele statt. In Absprache mit dem Dirigenten Bertrand de Billy hat der katalanische Regisseur Calixto Bieito die schmissige Ouvertüre von Halévys „Jüdin“ einfach gestrichen. Auch weitere Nummern des Meisterwerks sind bei dieser Interpretation dem Rotstift zum Opfer gefallen. Mit nur einer Pause nach dem zweiten Akt wird das dezimierte Stück zügig durchgespielt.

De Billy und Bieito billigen dem Genre der französischen Grand Opéra mit ihren Massenszenen und Balletteinlagen keinen geschlossenen Werkcharakter zu. Ähnlich wie bei einem Musical handle es sich hier eher um eine Art „Work in progress“, das den Gegebenheiten vor Ort anzupassen sei. Man kann darüber streiten, wie weit derlei Eingriffe gehen dürfen. Insgesamt jedoch wird in München eine szenisch wie musikalisch schlüssige Version geboten, die mit der erwähnten Pause immer noch etwas mehr als dreieinhalb Stunden dauert.

Seit zwanzig Jahren erlebt „La Juive“ ein Comeback

Halévy „Jüdin“ wurde 1835 in Paris uraufgeführt. Fast hundert Jahre lang gehörte sie zu den meistgespielten Musikdramen in Europa und Amerika. Erst im Zuge antisemitischer Spielplanbereinigung der Nazis verschwand sie nach 1930 von den Bühnen. Seit zwanzig Jahren erlebt das einstige Erfolgsstück allerdings ein bemerkenswertes Comeback. Unter anderem wurde es nach Aufführungen in Wien, Paris und Zürich auch in Stuttgart und neulich in Mannheim wiederbelebt. Das Libretto von Eugène Scribe entfaltet vor historischem Hintergrund einen geradezu teuflich vertrackten Plot.

„La Juive“ spielt 1414 zur Zeit des Konstanzer Konzils. Die Vorgeschichte erinnert an Lessings „Nathan“. Der jüdische Goldschmied Éléazar hat in Rom, wo seine Söhne von Christen hingerichtet wurden, die neugeborene Tochter des Magistrats Brogni aus dessen brennendem Haus gerettet und als eigene Tochter Rachel im jüdischen Glauben aufgezogen. Brogni, der davon nichts weiß, ist inzwischen zum Kardinal aufgestiegen. In Konstanz, wo mittlerweile auch Éléazar lebt, soll er das Konzil eröffnen, nachdem Reichsfürst Léopold die Hussiten besiegt hat.

Léopold ist mit Prinzessin Eudoxie verheiratet, liebt aber heimlich die schöne Rachel. Als sie und ihr Vater vom christlichen Mob bedroht werden, rettet er sie inkognito. Später kommt er als vorgeblicher jüdischer Maler zum Pessach-Fest in Éléazars Haus, gesteht der schockierten Rachel, dass er Christ ist, und überredet sie zur Flucht. Éléazar ertappt beide und tobt, lässt sich aber von Rachel beschwichtigen, den Geliebten als Schwiegersohn anzunehmen. Doch der kneift und macht sich aus dem Staub.