Operation Aderlass Dopingermittler auf der Zielgerade
In mühsamer Recherche sammelten die deutschen Doping-Fahnder Hinweise gegen den systematischen Blutdoper Mark Schmidt. Jetzt steht ein großer Schritt im Kampf gegen Betrug im Sport bevor.
In mühsamer Recherche sammelten die deutschen Doping-Fahnder Hinweise gegen den systematischen Blutdoper Mark Schmidt. Jetzt steht ein großer Schritt im Kampf gegen Betrug im Sport bevor.
Bonn - Es kann ja nur positiv sein, wenn Anti-Doping-Fahnder sich gegenseitig anstacheln. Miteinander ankämpfen gegen den Betrug. Und sich antreiben, um bessere Ergebnisse zu erzielen. Allerdings sollten dabei, das ist Kai Gräber wichtig, gewisse Werte eingehalten werden. Der Leiter der Schwerpunktstaatsanwaltschaft Doping in München und Chefermittler im Skandal um den Erfurter Dopingarzt Mark Schmidt, fand es jedenfalls nicht sonderlich zielführend, zuletzt harscher Kritik aus Österreich ausgesetzt zu sein. Michael Cepic, der Geschäftsführer der dortigen Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada), hatte über die aus seiner Sicht schleppende Aufarbeitung der Operation Aderlass geschimpft: „Aus Deutschland hört man seit einer einzigen Pressekonferenz im März gar nichts mehr. Keine Verfahren, keine Urteile. Nichts.“ Was sich allerdings schon bald ändern dürfte.
Bei einer Info-Veranstaltung der deutschen Nada in Bonn erklärte Gräber, dass sich die Ermittlungen auf der Zielgerade befinden. „Mit einer Anklage ist bis Ende des Jahres zu rechnen“, sagte der Oberstaatsanwalt, der sich eine verbale Spitze Richtung Österreich nicht verkneifen wollte: „Es ist ein großer Unterschied, ob ich einzelne Athleten anklage oder ein gesamtes Netzwerk.“
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Dieses war dank der Hinweise des überführten Dopers Johannes Dürr im Februar bei der nordischen Ski-WM in Seefeld/Tirol aufgeflogen. Bei einer Razzia wurde der österreichische Langläufer Max Hauke mit der Bluttransfusionsnadel im Arm auf frischer Tat ertappt – er ist am Mittwoch vom Landgericht Innsbruck wegen gewerbsmäßigen schweren Sportbetrugs zu fünf Monaten Haft auf Bewährung verurteilt worden.
Bei den Ermittlungen gegen Drahtzieher Mark Schmidt, der in einer Garage in Erfurt rund 40 Blutbeutel gelagert hatte, waren 21 Athleten aus acht Nationen ins Visier der Fahnder geraten. Gräber kündigte an, dass nicht nur der Dopingarzt, sondern auch weitere Hinterleute angeklagt werden würden. Zudem hätten sich durch Aussagen, Gutachten und Vergleiche von Proben alle Blutbeutel Sportlern zuordnen lassen. Der Oberstaatsanwalt wertet die Operation Aderlass nicht nur als Erfolg, sondern auch als Beleg dafür, dass der Sport allein mit dem Thema Doping überfordert ist: „Wer erfolgreich in solche Netzwerke hinein will, der benötigt neben Whistleblowern auch Strafverfolgungsbehörden, die wissen, was sie tun.“
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Diese Erkenntnis teilen auch die Verantwortlichen der Nada – alles andere wäre freilich auch verwunderlich. Schließlich bewegt sich die Trefferquote der Bonner Dopingjäger, die im vergangenen Jahr bei 12 617 Trainings- und Wettkampfkontrollen 16 299 Proben (Urin und Blut) entnahmen, weiterhin im Promillebereich. Dass die Zahl der positiven Tests nichts mit der Dopingrealität in Deutschland zu tun hat, davon ist auch Kai Gräber überzeugt: „Das ist natürlich spekulativ, aber zu denken, dass Erfurt das einzige Dopingnetzwerk in Deutschland ist, halte ich für sehr blauäugig.“
Weshalb durchaus ein Problem ist, dass sich die Schwerpunktstaatsanwaltschaften in München und Freiburg vornehmlich mit Doping im Breitensport befassen, zumeist mit Vergehen aus dem Bodybuilding. „Fälle aus dem Leistungssport bekommen wir einfach nicht“, sagte Gräber, der bemängelte, dass es aus der Szene viel zu wenige Hinweise gebe. Nach wie stünden die Strafverfolger vor einer „Mauer des Schweigens“. Daran hat auch das Anti-Doping-Gesetz, das es seit Ende 2015 gibt, nichts geändert. Gräber fordert deshalb wie viele Experten, dass möglichst schnell eine Kronzeugenregelung für Athleten in das Gesetz aufgenommen wird: Es sei eine große Ungerechtigkeit und nicht nachvollziehbar, dass sich zum Beispiel ein Händler von Dopingpräparaten durch seine Bereitschaft, als Kronzeuge auszusagen, freikaufen könne, Athleten aber nicht.
Neben den Aussagen von Insidern, daran gibt es keine Zweifel, ist Abschreckung ein wichtiges Mittel im Kampf gegen Doping. Auch deshalb ist extrem spannend, wie die Operation Aderlass ausgehen wird. Vor Gericht, und dies bald auch in Deutschland.