Herr Schoner, Sie beenden gerade Ihre fünfte Spielzeit als Intendant der Stuttgarter Staatsoper. Wie lief die Saison?
Es ist die erste nach Covid, in der wir das Haus wieder voll hatten. Das Publikum ist zurückgekommen, und ich habe den Eindruck, dass es sich wirklich freut, dass wir wieder da sind. Mit 97 % Auslastung war der Februar der Spitzenmonat. Übers Jahr verteilt liegt sie in der Oper voraussichtlich bei über 80 %. Das ist mehr als vor der Pandemie. Es hat sich also gelohnt, dass wir nicht bescheiden in die Saison gegangen sind, sondern mit der Gesamtaufführung von Wagners „Ring“ eine Leistungsschau von innen und so avancierte Projekte wie „Saint François d’Assise“ von Olivier Messiaen gezeigt haben. Das Haus ist jetzt müde, aber auch glücklich, weil alles aufging. Respekt vor dem Stuttgarter Publikum, das unseren Weg mitgegangen ist.
Die kommende Saison wirkt in Sachen Oper etwas abgespeckt: Sechs Neuproduktionen gibt’s, aber „Hotel Savoy“ ist eine „Hybridoperette“ in Kooperation mit dem Schauspiel, Eric Gauthiers „La Fest“ eher ein Tanzprojekt, Kurt Weills „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ mischt munter die Musikstile. Dann noch Verdis „Il Trovatore“ und mit Bernhard Langs „Dora“ eine löbliche Uraufführung, aber Richard Strauss’ „Frau ohne Schatten“ gehört nicht gerade zu den bedeutendsten Opern. Ist Ihr neues Motto: Für alle ein bisschen was dabei?
Finden Sie? Das wäre doch super! Aber vergessen Sie nicht das Repertoire, das für unser Haus eminent wichtig ist: „Falstaff“, „Carmen“, „L’elisir d’amore“, „Jenufa“ . . . von unseren 150 Opernabenden sind 120 Repertoirevorstellungen. Okay, mit der „Frau ohne Schatten“ machen wir ein bisschen Hausaufgaben. Das Orchester hat das Stück seit 40 Jahren nicht mehr gespielt, für seine Klangkultur ist das Strauss-Repertoire sehr wichtig. Aber es steckt natürlich auch ein Konzept dahinter. Der Regisseur David Hermann wird das Stück als Dystopie auf die Bühne bringen. Ihn interessiert die Frage, was diese 1919 komponierte Oper mit unserer Zeit zu tun hat. Da gibt es Parallelen. Und dann spielen wir ganz bewusst als Gegenpol dazu die große Brecht-Weill-Oper „Mahagonny“. 11 Jahre nach der „Frau ohne Schatten“ entstanden, zeigt sie noch einmal eine ganz andere Perspektive auf die deutsche Musikgeschichte. Und was „La Fest“ betrifft: Gauthiers Projekt wird eine große Verbeugung vor der Barockmusik und ihrer Festkultur sein. Natürlich könnten wir stattdessen auch eine große fünfstündige Händel-Oper machen. Aber das interessiert nur ein ganz bestimmtes Publikum. Wir müssen programmatisch über die traditionellen Opern-Zielgruppen hinausdenken. Wir sind ja nicht nur Staats-, sondern auch Stadtoper.
Kürzlich hat sich ja endlich entschieden, welche Architekten den Bau der Opern-Interimsspielstätte an den Wagenhallen übernehmen. Man sieht den geplanten Neubau auf den meisten Abbildungen nur von außen. Wie soll eigentlich die Bühne aussehen?
Es gibt einen noch nicht abgeschlossenen Entwurf von innen. Wir werden uns nun mit den Architekten zusammensetzen und die Bedingungen für einen gut funktionierenden Theaterbetrieb besprechen. Wir stehen also erst am Anfang unserer Zusammenarbeit.
Eine Zwischenspielstätte bietet stets die Möglichkeit, das altbewährte Guckkastenprinzip des Theaters mal aufzulösen und mit anderen Raumkonstellationen zu experimentieren. Gibt es da Ideen?
Die gab es. Aber das wäre nur sinnvoll gewesen bei einer kurzen Sanierungszeit. Es handelt sich ja um ein Interim von 10 Jahren. Es war eine klare Entscheidung, dass wir unser Gesamtrepertoire – 60 Opern und viele Ballette – ins Interim mitnehmen. Wir möchten unseren Repertoirebetrieb aufrechterhalten, weil das die Tradition und die Zukunft unseres Hauses ist. Und der Littmann-Bau ist ja in seiner Guckkastenform wirklich legendär. Die Guckkastenbühne hat Stärken und Schwächen. Wir diskutieren das in jeder Produktion neu und suchen immer nach Möglichkeiten, ihr Prinzip mal bewusst zu hinterfragen.
Auch in der nächsten Saison öffnen Sie Ihr Haus wieder für Hip-Hop- und Popveranstaltungen. Auf diesem Weg ein neues Publikum zu gewinnen ist eigentlich überall gescheitert. Warum machen Sie es trotzdem?
Der Mensch, der singend Geschichten erzählt und Konflikte austrägt, ist eine der urmenschlichsten Kulturtechniken. Da ist unser kleinster gemeinsamer Nenner. Wir laden ja keine Schlagersänger ein, sondern Künstler wie Maeckes, PeterLicht oder Max Herre, die anspruchsvolle Texte singen. Ihre Kunst steht für sich. Wir glauben auch nicht, dass wir mit ihnen eine neue Publikumsschicht in die Opernaufführungen locken müssen. Max Herre ist ein Dichter. Wenn er hier am 26. Dezember seine Songs mit Kammermusikensemble präsentiert, dann kann man seinen komplexen Texten endlich mal folgen. Bei Open Airs mit 25 000 Zuschauern dürfte das schwierig sein. Daneben hoffen wir aber auch, dass seine Fans die Oper als ein Gebäude wahrnehmen, das das ihre ist. Das ist im Rahmen der Sanierungsdebatte ein wichtiger Aspekt. Solche Abende sind notwendig, wenn wir als Oper in den nächsten 50 Jahren gesellschaftlich relevant bleiben wollen. Unser Haus fasst 1400 Menschen und liegt mitten in der Stadt. Wir müssen unsere Ressourcen vielen Stadtgesellschaften zur Verfügung stellen. Wir sind ein Symbol für die Stadt. Deswegen müssen wir wach und fleißig sein die nächsten Jahre.
Vernetzung und Interimszeit
Intendant
Viktor Schoner, Jahrgang 1974, ist seit Sommer 2018 Intendant der Staatsoper Stuttgart. Sein Vertrag geht bis 2029. Er steht für eine moderne Art der künstlerischen Zusammenarbeit, die auf eine stärkere Vernetzung aller Bereiche baut sowie auf eine inhaltliche und räumliche Öffnung in die diversen Stadtgesellschaften hinein.
Opernhaus
Der Wettbewerb für das Opern-Interimshaus an den Wagenhallen im Nordbahnhof-Areal wurde kürzlich zugunsten der Büros a+r Architekten aus Stuttgart und NL Architects aus Amsterdam entschieden. Mit den Vorbauarbeiten wird es dort Mitte 2025 losgehen. Die Interimsoper soll Ende 2028 ans Staatstheater übergeben werden; die ersten Aufführungen in der Spielzeit 2029/30 stattfinden. Für die Generalsanierung des Littmann-Baus am Eckensee sind 10 Jahre eingeplant.