Oppenheimer-Platz in Stuttgart Ein 23 Jahres altes Versäumnis

Der Joseph-Süß-Oppenheimer-Platz in der City – oder vielmehr der Nichtplatz. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Joseph Süß Oppenheimer, der in Stuttgart Opfer eines Justizmords geworden ist, hat endlich einen würdigen Platz verdient, findet Lokalchef Jan Sellner.

Stadtleben/Stadtkultur: Jan Sellner (jse)

Stuttgart - Die Geschichte des Joseph Süß Oppenheimer ist oft erzählt worden. Es ist die im Absolutismus spielende, beschämende Geschichte eines jüdischen Außenseiters, der es bis zum Finanzminister brachte, dann gestürzt, verhaftet und zum Tod verurteilt wurde. Es ist die Geschichte eines Opfers von staatlicher Willkür, von Neid und Judenfeindlichkeit – weit über seinen grausamen Tod hinaus. Die Nazis missbrauchten sie für ihre antisemitische Hetze. Im Film „Jud Süß“ von Veit Harlan entwuchs daraus ein dämonisches Zerrbild jüdischen Lebens – 20 Millionen Zuschauer wurden damit indoktriniert.

 

Die Geschichte des Joseph Süß Oppenheimer ist eine Stuttgarter Geschichte. Auch das ist oft erzählt worden. Es war hier, in Stuttgart, wo Herzog Karl Alexander den gebürtigen Heidelberger damit beauftragte, die Hofkasse zu füllen und unpopuläre Finanzreformen gegen Widerstände durchzusetzen. Und es war hier, unweit des heutigen Pragfriedhofs, wo sich 1738 der Justizmord als Massenspektakel vollzog. Sechs Jahre lang wurde die Leiche des Ermordeten in einem Käfig zur Schau gestellt – bis Herzog Carl Eugen 1744 die Regierung antrat.

Ein Platz wie ein toter Winkel

Erst sehr viel später wurde die Geschichte des Jospeh Süß Oppenheimer ins richtige Licht gerückt. 1998, aus Anlass seines 300. Geburtstags, benannte die Stadt auf Betreiben der Stiftung Geißstraße eine zwischen Schulstraße und Neuer Brücke gelegene öffentliche Fläche nach ihm. Das konnte allerdings nur ein erster Schritt sein. Denn von Anfang an war klar, dass es nicht damit getan sein würde, einen Ort zu benennen, man muss ihn auch gestalten, zumal der Joseph-Süß-Oppenheimer-Platz den Charakter eines toten Winkels hat und im Kern aus einer überdimensionierten Tiefgarageneinfahrt besteht. Jedes Mal, wenn in Stuttgart die Geschichte von Joseph Süß Oppenheimer erzählt wird, knüpft sich daran die Hoffnung, dass sich an dieser Platzsituation etwas ändert. Und jedes Mal hat sie sich zerschlagen. Es war und ist ein trostloser Ort, der vollends ein Unort wäre, blühte da nicht ein zartes Pflänzlein von Stadtleben in Form eines kleines Cafés.

So lieblos darf man mit Stadtgeschichte nicht umgehen. Das Schicksal Joseph Süß Oppenheimers hat Bezüge bis in die Gegenwart. In seinem Schicksal spiegeln sich Grundzüge (un)menschlichen Verhaltens: Missgunst und Neid haben das 18. Jahrhundert überdauert. Ausgrenzung und Antisemitismus nahmen später monströse Ausmaße an. Und der „Massentrieb“ des Menschen, den der Philosoph Elias Canetti seziert und beschrieben hat, kann auch heute noch blind für Unrecht machen. Umso mehr verdient Oppenheimers Geschichte Aufmerksamkeit. Gerade am Tatort Stuttgart.

Wichtig ist es, den Platz zu beleben

Dieser Tage hat Landtagspräsidentin Muhterem Aras den Nicht-Platz besucht und an die Stadt und den Gemeinderat appelliert, ihn endlich würdig zu gestalten. Dass die Platzverhältnisse schwierig sind, ist unbestritten. Das darf die Landeshauptstadt nicht davon abhalten, sich dieser Aufgabe zu stellen. Vielmehr sollte es ein Ansporn sein, gemeinsam mit der Stadtgesellschaft dort etwas zu bewegen. Jedenfalls wird es nicht reichen, ein paar Bäume zu pflanzen. Wichtig ist es, den Platz zu beleben.

Die Vernachlässigung des Jospeh-Süß-Oppenheimer-Platzes in Stuttgart hat nun seinerseits eine 23 Jahre lange Geschichte. Mehrere Oberbürgermeister und Gemeinderäte haben es bisher nicht vermocht, die Leerstelle in der Stadt zu füllen. Jetzt ist es höchste Zeit dafür – erst recht in einem Jahr, in dem wir an 1700 Jahre jüdisches Leben auf dem Gebiet des heutigen Deutschland erinnern. Was es dafür braucht, ist weniger Geld als vielmehr Wille.

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