Organisierte Kriminalität Die Spur der Mafia führt in die Region Stuttgart

Im Dezember 2018 holte die Polizei grenzübergreifend zum Schlag gegen die Mafia aus – im Bild eine Razzia in Duisburg. Foto: dpa/Christoph Reichwein)

In Waiblingen haben ausgewiesene Experten – darunter der LKA-Chef – darüber gesprochen, was die italienische Mafia so gefährlich macht. Die ’Ndrangheta ist unter anderem im Rems-Murr-Kreis verbreitet.

Rems-Murr: Phillip Weingand (wei)

Die Familie bedeutet ihnen alles, und obwohl Leichen ihren Weg pflastern, sind sie stets gut gekleidete Ehrenmänner mit einer Vorliebe für italienische Folklore und archaische Schweigegelübde –  so und ähnlich sehen die Klischees aus, die viele Menschen durch Francis Ford Coppolas „Pate“-Trilogie und andere Filmklassiker im Kopf haben, wenn sie an italienische Mafiosi denken. Dass dieses Bild in weiten Teilen nicht stimmt und dass die Mafia auch in Baden-Württemberg, unter anderem im Rems-Murr-Kreis, aktiv ist, machen drei Experten klar, die am Dienstag im Waiblinger Kulturhaus Schwanen diskutiert haben.

 

Bereits in den 1960er Jahren gelangten die Mitglieder der kalabrischen Mafia-Organisation ’Ndrangheta nach Deutschland – inzwischen ist sie hierzulande gut vernetzt und milliardenschwer. Andreas Stenger, der Präsident des baden-württembergischen Landeskriminalamts, erklärt, besonders das Vorgehen im Geheimen sei das Erfolgsrezept der ’Ndrangheta – und gleichzeitig der Grund, dass die Organisation für die Fahnder so schwer zu greifen sei: „Sie ist die am besten organisierte und gefährlichste Form der organisierten Kriminalität.“

Immer wieder fällt im Zusammenhang mit der Mafia in der Region Stuttgart der Name Mario L. Manchen Menschen ist dieser als gut gelaunter, gut vernetzter Pizzawirt in Erinnerung – andere wiederum, darunter die italienische Justiz, halten ihn für den ’Ndrangheta-Statthalter in Deutschland schlechthin. Er gab in der Alten Kelter Fellbach rauschende Feste, hatte ein Restaurant in Winnenden und eine Pizzeria in Waiblingen-Neustadt. Angeblich soll er deutschlandweit 146 Lokale betrieben haben, direkt und indirekt. Das Geld dafür, so vermuten die Behörden, stammt von der ’Ndrangheta. Bereits in den 1990er Jahren gab es Ermittlungen gegen L., die jedoch im Sande verliefen.

Im Jahr 2018 schlugen die Fahnder dann jedoch zu: Mit der Operation Styx ging die Polizei länderübergreifend gegen die ’Ndrangheta vor. Allein in Baden-Württemberg durchsuchten die Behörden sechs Wohnungen und vier Gaststätten, darunter Objekte in Fellbach, Waiblingen und Winnenden. Unter jenen 170 Männern, die damals festgenommen wurden, war damals auch Mario L., der in Italien geschnappt wurde.

Ein mutmaßlicher Mafioso als Freund von Günther Oettinger

Doppelt brisant wird dessen Fall auch, weil er lange Zeit gute Verbindungen zum damaligen baden-württembergischen CDU-Fraktionssprecher im Landtag und späteren Ministerpräsidenten Günther Oettinger unterhielt. Dieser war in dessen Restaurant ein häufiger Gast, er hatte in einem Untersuchungsausschuss jedoch beteuert, seit 1994 keinen Kontakt mehr zu dem mutmaßlichen Kriminellen und von dessen mutmaßlichen Verbindungen zur Mafia nichts gewusst zu haben. „Mafiosi suchen gezielt die Nähe von Politikern“, erklärt der Journalist Rainer Nübel, der seit Jahren zur ’Ndrangheta recherchiert. Führende italienische Experten seien der Meinung, dass gegen Oettinger hätte ermittelt werden sollen. [Anm. d. Red.: In einer früheren Version des Textes hatten wir diese Folgerung Nübel fälschlicherweise direkt zugeschrieben].

Obwohl L. die Vorwürfe gegen sich stets abgestritten hat und seine Familienmitglieder ihn in den Medien als wahren Wohltäter loben, wurde der Gastwirt inzwischen in Italien zu zehn Jahren und acht Monaten Haft verurteilt. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, verhandelt wird gerade in der dritten Instanz. Über den Aufenthaltsort von L. kursieren derzeit Gerüchte – laut Informationen, die Nübel vorliegen, wurde sein Hausarrest wegen eines Trauerfalls aufgehoben. Es gibt unbestätigte Meldungen, wonach er sich derzeit in Deutschland aufhalten soll. Der LKA-Präsident Stenger kann dies jedoch weder bestätigen noch dementieren.

Längst sind die Zeiten, in denen die Mafia vor allem durch Schutzgelderpressung Geld verdiente, vorbei: „Die ’Ndrangheta arbeitet eng mit südamerikanischen Drogenkartellen zusammen. Schätzungsweise 80 Prozent des Kokains, das von Südamerika eingeführt wird, geht über sie.“ Die Einnahmen, die so generiert würden, seien zu groß, als dass man es über Eisdielen und Pizzerien waschen könnte. „Follow the money lautet die Devise“, sagt Stenger. Er versichert: „Wenn hier jemand eine Häuserzeile nach der anderen kauft und unklar ist, woher das Geld dafür stammt, haben wir darauf ein Auge.“

Das ist oft einfacher gesagt, als getan. Der Journalist Sandro Mattioli beschäftigt sich seit Jahren mit der ’Ndrangheta und erklärt: „Das Geld fließt über komplizierte internationale Konstrukte. Um sie aufzudecken, fehlen oft die Ermittlungskapazitäten.“ Allerdings seien die Behörden in Italien mit der Umkehr der Beweislast recht erfolgreich: „Wer dort Millionen zum Beispiel in Immobilien investiert, muss nachweisen, dass das Geld aus legalen Quellen stammt.“ Mattioli glaubt, dass ein solches Gesetz den deutschen Behörden ein nützliches Werkzeug im Kampf gegen die organisierte Kriminalität sein könnte. Nur: Wahlen gewinnen lassen sich mit einer solchen Vorschrift wohl kaum.

Das organisierte Verbrechen

Ursprung
 Die ’Ndrangheta ist eine der mächtigsten Mafia-Organisationen der Welt. Sie hat ihren Ursprung in Kalabrien im Südwesten Italiens und erzielt einen geschätzten Jahresumsatz von 50 Milliarden Euro – fast doppelt so viel wie die Deutsche Bank. Ihre Hauptaktivitäten umfassen Drogenhandel und illegale Abfallentsorgung, insbesondere von Giftmüll. Sie kontrolliert weite Teile des Kokainhandels in Europa. Erpressungen waren das ursprüngliche Geschäftsmodell, heute verdient sie auch Geld mit Immobilienprojekte, Flüchtlingsunterkünften, und Windparks.

Mafia
 Die ’Ndrangheta ist nicht die einzige italienische Mafia-Organisation. In Sizilien sind beispielsweise die Cosa Nostra und die Stidda verbreitet, in Kampanien die Camorra. Aus Apulien kommen die Sacra Corona Unita und Società foggiana.

Podcast
 Wer sich über die Umtriebe der Mafia in der Region Stuttgart informieren will, dem sei der SWR-Podcast „Mafia Land“ ans Herz gelegt, in dem ausgewiesene Experten wie Sandro Mattioli erklären, wie groß der Einfluss der Mafia ist. Der Podcast lässt sich unter anderem in der ARD-Audiothek abrufen.

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