InterviewOrganspendeskandal „Wir können Vertrauen schaffen“

Der Leberchirurg Markus Büchler fordert Veränderungen im System. Foto: Uniklinik Heidelberg
Der Leberchirurg Markus Büchler fordert Veränderungen im System. Foto: Uniklinik Heidelberg

Im vergangenen Jahr ist die Zahl der Organspender um 13 Prozent zurückgegangen. Wie reagieren Ärzte und Patienten darauf? Der Leberchirurg Markus Büchler aus Heidelberg sieht in der Krise auch eine Chance. Im StZ-Gespräch fordert er neue Zuteilungskriterien.

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Heidelberg – Knapp ein Jahr nach dem Bekanntwerden des Transplantationsskandals leidet die deutsche Transplantationsmedizin massiv unter den Auswirkungen des Fehlverhaltens einiger ihrer Akteure. Auch in Heidelberg, dem größten Zentrum für Lebertransplantationen in Baden-Württemberg, stehen deshalb immer weniger Organe zur Verfügung. Im Gespräch mit der Stuttgarter Zeitung erläutert der Direktor der Chirurgischen Universitätsklinik, Markus Büchler, wie die Ärzte mit den Problemen umgehen und was sich ändern müsste.
Herr Professor Büchler, die Bereitschaft zur Organspende war in Deutschland noch nie sehr groß. Seit dem Transplantationsskandal hat sich die Lage noch einmal deutlich verschlechtert. Wie stark ist der Einbruch bei Ihnen?
Bei uns sind Transplantationen im Vergleich zu früher um ein Drittel zurückgegangen. Wir haben 2013 bis Mai 35 Lebern verpflanzt, im Jahr zuvor waren es zu der Zeit 50. Nach meinem Eindruck ist es in ganz Deutschland vergleichbar, mancherorts sind die Rückgänge sogar noch größer. Es stehen viel mehr Patienten auf der Warteliste als früher – und mehr von ihnen sterben. Das Vertrauen der Menschen in die Organspende ist messbar zurückgegangen. Sie haben Angst, dass bei der Verteilung manipuliert wird, dass es nicht gerecht zugeht und dass womöglich sogar Geld im Spiel ist. Der Skandal hat uns enorm geschadet.

Wie wirkt sich das auf die Ärzte und ihre Arbeit aus?
Erst einmal waren meine Mitarbeiter schockiert, auch verängstigt. Die Transplantationschirurgen galten ja bisher immer als eine besonders gloriose Truppe. Mit den negativen Schlagzeilen hat sich das Image dramatisch verschlechtert. Wir sind ja auch reichlich kontrolliert worden – intern von der Innenrevision unseres Klinikums, extern von der Ärztekammer. Auch das schafft eine Menge Druck und Arbeit – und es frustriert die, die sich nichts haben zuschulden kommen lassen.

Wie gehen Sie jetzt mit dem Mangel an Organen um? Haben Sie überhaupt noch genug zu tun?
Im Alltag geht man damit sehr pragmatisch um. Unterbeschäftigung ist da nicht das Thema. Unsere Transplanteure arbeiten ganz normal als Chirurgen in der Klinik und machen andere Operationen. Aber viele, die sich wissenschaftlich und klinisch auf die Transplantation eingelassen haben, überlegen sich, ob das Thema für sie noch die Zukunft ist. Für die Patienten ist es eine Katastrophe, wenn die Wartelisten immer länger werden. Wir müssen den Betroffenen und ihren Angehörigen erklären, dass es immer schwieriger wird, ein passendes Organ zu finden. Wir können ihnen nur sagen: es warten viele, sie sind nicht die Einzigen. Solche Gespräche kosten große Energie und sind eine psychische Belastung für das ganze Team.

Was müsste sich ändern, damit die Situation für alle Beteiligten wieder besser wird?
So sehr uns der Skandal geschadet hat, so hat er doch auch ein Gutes: Ich sehe durch ihn die große Chance, Licht in die gesamte Organisation der Transplantation zu bringen. Da hat es ja immer wieder unausgesprochene Zweifel und Vermutungen gegeben, ob wirklich alles transparent genug ist, ob es nicht doch Bevorzugungen gibt. Wir können jetzt das Vertrauen schaffen, das nötig ist. Dafür muss zunächst der ganze Skandal aufgeklärt werden. Um Wiederholungen auszuschließen, müssen neue Kontrollgremien aufgestellt werden. Verfehlungen müssen – wie gerade geschehen – stärker von Strafen bedroht werden. Verträge, in denen es Boni für bestimmte Eingriffe gibt, müssen sofort aufgelöst werden. Sie setzen falsche Anreize. Und dann brauchen wir ein bundesweites Transplantationsregister zur Ergebnis- und Qualitätskontrolle und den Vergleich der Arbeit aller Transplantationszentren.

Die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie, bei der Sie Vizepräsident sind, hat in dem Zusammenhang auch gefordert, die Zahl der Transplantationszentren zu reduzieren. Wie viele brauchen wir?
Ich denke, etwa ein Drittel bis die Hälfte könnten wir schließen. Zu den vielen Zentren ist es ja auch gekommen, weil es aufgrund der Länderhoheit keine bundesweite Abstimmung gegeben hat. Doch mit weniger als 20 Transplantationen im Jahr ist ein Zentrum nicht sinnvoll. Man braucht eine Mindestzahl an Eingriffen, sonst sinkt die Qualität. Das lässt sich belegen. Auffällig geworden sind ja auch vier kleinere Zentren, an den großen ist nicht manipuliert worden. Mit weniger, dafür größeren Zentren können wir die Leistungen weiter konzentrieren, die Kompetenz wird größer, die Kontrollen sind leichter, und auch die finanzielle Seite wird insgesamt günstiger.

Warum hat man den Prozess dann nicht schon begonnen?
Für die Klinika, die die Transplantationen aufgeben müssten, ist das schon ein Schaden. Sie sorgen für Prestige, sie machen ein Haus attraktiver für Mitarbeiter und bringen unter Umständen, wenn auch nicht immer, Geld in die Kasse. Aber in der Hochleistungsmedizin geht es nicht ohne gewisse Reglementierungen.

Beim Jubiläum des Vereins der Lebertransplantierten haben sie vor Kurzem auch die Verteilung der Organe in Deutschland bemängelt. Warum genügen Ihnen die aktuellen Kriterien nicht, nach denen Spenderorgane Patienten zugeteilt werden?
Die Vergabe von Lebern ist bei uns einfach falsch. Das Gesetz schreibt zwar vor, dass sie nach Dringlichkeit und Erfolgsaussicht verteilt werden sollen. Doch in der Praxis haben wir ein System, in dem es nur nach Dringlichkeit geht. Entscheidend ist der Schweregrad der Erkrankung. Die Erfolgsaussichten sind, auch weil es um schwierige ethische Entscheidungen geht, in der Realität ausgeklammert. Daher verpflanzen wir nur Patienten ein Organ, deren Erkrankung schon weit fortgeschritten ist. Bei ihnen sind aber auch die Erfolgschancen schlechter. Deshalb haben wir beispielsweise kürzere Überlebenszeiten als in den USA. Und es ist ein Problem für die Spender, die sich wünschen, dass jemand noch lange mit ihrem Organ lebt. Auch daher müssen wir etwas ändern.

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