Dabei klang das alles anfangs noch gar nicht so gut. Ein unerwarteter Brief flatterte Volker Weber im September 2010 nur wenige Monate nach dem Antritt seiner Pfarrstelle in Neckartenzlingen ins Haus: Die Diözese Rottenburg teilte mit, dass sie die der Kirchengemeinde geliehene Orgel endlich zurückhaben wolle. Das Musikinstrument werde anderweitig dringend gebraucht. Der Pfarrer fiel aus allen Wolken. Er wusste von nichts. Nach und nach machte er sich über den Sachverhalt schlau: 1956 in den kargen Nachkriegsjahren hatte sich die Kirchengemeinde eine Walcker-Orgel mit sieben Registern von der St. Eberhardt-Kirche in Stuttgart zunächst ausgeliehen und dann 13 Jahre später erworben.
Orgeln und Glocken aus Spenden
Bis 1994 leistete sie klangvolle Dienste. Dann kam sie in die Jahre und musste ausgemustert werden. Die Kirchengemeinde erhielt nochmals eine Leihorgel – dieses Mal von der Diözese Rottenburg. Bedingung war, dass Geld für ein neues Instrument angespart und gesammelt werde. Denn Orgeln und Kirchenglocken müssen im Einzugsbereich der Diözese aus Spendenmitteln finanziert werden, erläutert Volker Weber.
Doch es wurde vergessen, dass die Leihorgel nur geliehen war. Das Provisorium wurde zum Dauerzustand. Der Spendeneifer erlahmte. Dann kam es zu Misstönen. 2010 riss der Diözese der Geduldsfaden. Sie wollte ihr Instrument zurück – und zwar schnell. Pfarrer Weber machte erst einmal Kassensturz. Die Kirchengemeinde hatte gerade einmal 35 000 Euro für einen Neukauf angespart. Erste Kostenvoranschläge von Orgelbauern begannen aber bei 200 000 Euro. Da schlich den Verantwortlichen ein cleverer Plan ins Gehirn: Wie wäre es denn, wenn die Kosten durch die Verwendung von Elementen aus anderen Orgeln gesenkt werden könnten? Die außer Dienst gestellte Walcker-Orgel aus den Anfangszeiten stand ja noch ungenutzt und unbespielt in einer Ecke der Empore der St. Paulus-Kirche herum.
Ein Recycling-Experiment
Es war ein Wagnis, ein Risiko, ein Experiment. Sicher, erinnert sich Volker Weber, bei kleineren Instrumenten waren schon gebrauchte Elemente verwendet worden. Doch das große Gotteshaus in Neckartenzlingen erfordert einen gewaltigen Klangkörper, sagt Irmtraud Fuchs, und in ein Instrument mit 1084 Pfeifen waren bislang noch keine recycelten Teile eingebaut worden. Klaus Grüble, Orgelbauer aus Kerpen, wollte es wagen. Der Mann, sagt Irmtraud Fuchs, habe ein goldenes Händchen, sei ein Allrounder bei allem, was mit Orgeln zu tun habe, und er verstehe sein Handwerk. Zusammen mit Wolfram Rehfeldt, dem Orgelsachverständigen der Diözese, und der Firma Orgelbau Rebmann riskierten sie das Experiment. Schlaflose Nächte hatten Pfarrer und Kirchenmusikerin nicht. Sie vertrauten den Experten.
Der Vorschlag klang auch gut. Knapp 100 000 Euro sollte die Recycling-Orgel nach der Berechnung von Grüble kosten – die Hälfte des Preises eines neuen Instruments. Die alte Walcker-Orgel wurde ausgeschlachtet. Drei Register wurden entnommen, weiß Irmtraud Fox, und sorgfältig überarbeitet. Auch die Gebläsemaschine wurde übernommen. Klaus Grüble, sagt sie, hat zudem selbst einen großen Fundus an ausgedienten Orgeln. Weitere acht Register und Klaviaturen aus seinem Betriebsstand konnten in das neue Werk integriert werden. „So konnte ein aktiver Beitrag zur nachhaltigen Nutzung wertvoller Ressourcen geleistet werden“, schreibt Klaus Grüble in der Festschrift zur Orgelweihe.
Gebläsemaschine ging die Luft aus
Dann musste alles sehr schnell gehen. Der sonntägliche Gottesdienst wurde noch mit der Leihorgel begleitet. Bereits am Montag darauf holte die Diözese ihr Instrument ab, um es an den neuen Einsatzort zu bringen. Bereits am Sonntag darauf, am 6. März 2016 zum 60-jährigen Kirchenjubiläum, wurde die Recycling-Orgel eingeweiht. Der Klang war perfekt. Nur der Gebläsemaschine aus der alten Walcker-Orgel ging nach zwei Jahren die Luft aus. Sie war zu schwach für das große Instrument und wurde ersetzt. Doch die Orgel der St. Paulus-Kirche in Neckartenzlingen zeigt weiterhin: Recycling gehört zum guten Ton.
Die Orgel der St. Paulus-Kirche in Neckartenzlingen
Spendensuche
Beim Sammeln von Spendengeldern für die Recycling-Orgel waren die Verantwortlichen sehr erfindungsreich, sagt Pfarrer Volker Weber. Etwa 35 000 Euro waren für diesen Zweck bereits in der Kasse, gut 100 000 Euro sollte das Instrument kosten. So wurden Orgel-Dinners zugunsten der Anschaffung organisiert. Auch Benefiz-Konzerte, Kuchenverkäufe und Gemeindefeste dienten dem guten Zweck. Es seien zudem Bittbriefe an örtliche Firmen versandt worden.
Orgel-Sekt
Um finanziell weiter flüssig zu werden, hatte die Kirchengemeinde zudem die Idee mit dem Orgel-Sekt. Ein Layouter entwarf eigens ein Etikett für die Flaschen, auf dem auf den besonderen Verkaufszweck hingewiesen wurde. Dieser Designer hatte zudem Kontakt mit einer Sektkellerei in Stuttgart, die den Inhalt der Flaschen lieferte. Sie wurden dann mit einem kleinen Aufpreis verkauft, erklärt Volker Weber, der für die Anschaffung der Orgel verwendet wurde.
Orgelweihe
An die Orgelweihe am 6. März 2016 in Neckartenzlingen erinnern sich Pfarrer Volker Weber und Kirchenmusikerin Irmtraud Fuchs ganz genau. Weihbischof Johannes Kreidler und der Orgelsachverständige der Diözese, Wolfram Rehfeldt, waren aus Anlass des Ereignissen miteinander in einen musikalischen Dialog getreten. Der Weihbischof hatte sich singend an die Orgel gewandt, an der Rehfeldt als Organist dann immer mit ein paar Tönen antwortete.