InterviewOropax zeigen ihre Weihnachtsshow in Stuttgart „Wir schaffen Platz für das Sinnliche“

Die Anarcho-Clowns Volker (li.) und Thomas Martins in Feststimmung Foto: R/ené Tanner
Die Anarcho-Clowns Volker (li.) und Thomas Martins in Feststimmung Foto: R/ené Tanner

An diesem Samstag, 21. Dezember, 20 Uhr, treten Oropax aus Freiburg mit ihrem etwas anderen Christmas-Programm im Theaterhaus auf. Thomas Martins erklärt, warum die subversive Show eine gute Vorbereitung fürs Fest ist.

Lokales: Tom Hörner (hör)
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Stuttgart - Alle Jahre wieder: Seit 30 Jahren hat das Comedy-Duo Oropax aus Freiburg seine subversive Weihnachtsshow im Programm. „Wir treten damit auch noch mit 85 auf“, sagt Komiker Thomas Martins im Interview.

Herr Martins, wer sich auf ein besinnliches Fest einstimmen will, ist der in Ihrer Weihnachtsshow richtig?

Ja, weil sie eine reinigende Wirkung besitzt und man danach wieder Platz für das Sinnliche hat. Bei uns ist alles dabei, das ganze Spektrum der Gefühle zwischen Heiligkeit und Scheinheiligkeit.

Wie bereitet man sich auf den Abend vor?

Zunächst wäre es schön, wenn man die Weihnachtsgeschichte kennt. Wir sind nah am Fest dran. Wer bibelfest ist, kann besser drüber lachen. Außerdem sollte man eine gewisse Freude an Spontaneität und an Demütigungen haben.

Sie demütigen Ihr Publikum?

Nein, wir demütigen uns, wie wir das als Brüder schon seit unserer Kindheit tun. Auf der Bühne spitzt sich das Ganze natürlich zu. Wir wabern hin und her zwischen Liebe und Demütigung.

Das Publikum sitzt also auf der sicheren Seite?

Ja, wir haben wenig Grundsätze auf der Bühne. Aber einer ist, dass wir niemanden aus dem Publikum holen. Das wäre uns zu einfach.

Sonst könnte es auch passieren, dass derjenige witziger ist als Sie.

Dann hätten wir hoffentlich die Größe mitzulachen.

Muss man etwas zur Show mitbringen?

Gute Laune, die danach vermutlich noch besser ist. Wenn die Leute halb betäubt mit Lachmuskelkater nach Hause gehen, haben wir unser Ziel erreicht.

Die Show ist nicht ganz neu.

Stimmt, wir spielen sie schon seit 30 Jahren. Damals waren wir so was wie Trendsetter. Aber 30 Prozent des Programms sind jedes Jahr neu. Schließlich haben wir den Anspruch, auch unsere Stammzuschauer mit Geschenken in Sketchform zu überraschen.

Wahnsinn, seit 30 Jahren! Dann kamen Sie ja gleich nach Jesus.

Ja, aber dessen Mitglieder sind heute noch jünger.

Klingt, als sei ein Teil der Show ein Ritual, ähnlich wie das Weihnachtsfest selbst.

Klar, der Auftritt trägt schon auch Züge von „Dinner for One“. Jedes Jahr schicken wir einen Mönch auf die Bühne, der bereits Kultstatus besitzt.

Wie groß ist Ihr Stammpublikum?

Ich würde sagen, 20 Prozent haben das Programm schon mal gesehen.

Besteht da nicht die Gefahr, dass die zu früh loslachen und Ihnen die Pointen versauen?

Nein, weil mein Bruder und ich die Sketche nicht mit festen Texten spielen. Selbst wir wissen nicht immer genau, wer welche Pointe bringt. Insofern bleibt die Show frisch und lebendig. Wir haben übrigens vor Kurzem im schweizerischen Arosa einen der größten Kleinkunstpreise im deutschsprachigen Raum erhalten, den Humorfüller.

Höre ich da Stolz heraus?

Absolut. Das war der zweite große Preis in 35 Jahren.

Sie wurden für Ihr Lebenswerk ausgezeichnet?

Nein, für die aktuelle Show.

Aber die gibt es jetzt nicht zu sehen.

Nein, aber die original Protagonisten.

Eines Ihrer Weihnachtslieder heißt „Aldi Jahre wieder“. Muss sich das Publikum auf Schleichwerbung einstellen?

Nein, das ist nur ein Lidl.

Und wie schaut’s aus mit „Leise pieseln im Schnee“?

Ich würde das heute mit dem Wasser lassen und nicht mehr schreiben. Mein Urinstinkt sagt mir, dass das nicht mehr lustig ist.

Lernt man bei Ihnen auch was? Klären Sie etwa die Frage, ob der Weihnachtsmann ein Angestellter von Coca-Cola ist?

Nein, wir verbreiten nur gefährliches Halbwissen. Aber wir erschießen einen Leb­kuchen, um zu testen, ob er danach zum Todkuchen wird. Außerdem verraten wir, dass amerikanische Weihnachtsmänner mit ­Ketchup gefüllt werden und Heinz heißen. Einer von uns – und das bin leider ich – muss die gefüllte Hohlfigur zu sich nehmen. Das ist eine Grenzdarbietung, die uns aber zur Erkenntnis bringt, dass amerikanisches ­Essen nur Fast Food ist, also Beinah-Essen.

Sie lassen Jesus in einer Talkshow auftreten?

Unbedingt, die Nummer ist so erfolgreich, dass wir deshalb schon zweimal Auftrittsverbot bekamen. Wenn ich als Jesus im Christstollen arbeite, ist das durchaus als Hommage an einen Gott zu verstehen. Ich bin mir sicher, wenn Jesus zuschauen würde, bekämen wir Absolution. Schon deshalb, weil unser Bruder Pfarrer ist.

Kein Witz?

Nein, mein Bruder und ich machen Comedy, und unser anderer Bruder ist auch im Showbusiness: Der ist evangelischer Pfarrer.

Und der kann über die Show lachen?

Mehr als wir. Man muss halt dran glauben.

Im Programm des Theaterhauses steht: „Danach wird Weihnachten für immer anders sein.“ Frage: Besser oder schlechter?

Definitiv besser. Wir haben schon auch Empörung im Blut. Dieser Druck baut sich Ende September auf, wenn die ersten Nikoläuse auftauchen und die erste Weihnachtsmusik läuft. Das ist wie frischer Spargel im Dezember. Das Fest ist so gewinnorientiert, dass wir dagegenhalten müssen.

Fürs kommende Jahr sind Sie wieder fürs Theaterhaus gebucht. Sie glauben also daran, dass Weihnachten weitergeht?

Unbedingt, wir spielen die Show schon seit 20 Jahren im Theaterhaus. Und das ist richtig schön. Wir hauen erst mal in die Frohsinnskerbe, so dass es später noch unerträglicher wird. Im Subtilen steckt noch mehr Kraft als im Offensichtlichen. Wir werden noch mit 85 im Theaterhaus auftreten.

Wie feiern Sie Weihnachten?

Fest und flüssig.

Mit Baum?

Normalerweise nehmen wir einen riesigen Kaktus, und meine vier Kinder schmücken den. Natürlich kommt eine Weihnachtskrippe drunter. Mein Jüngster ist erst zwölf, da habe ich vor zwei Jahren noch auf dem Balkon eine Nebelmaschine betrieben, um den Glauben ans Christkind zu stärken. Allein der Kinderaugen wegen ist Weihnachten einfach schön.

Ihre Kinder kennen Ihre Weihnachtsshow.

Ja, und je älter die werden, desto öfter höre ich den Satz: „Die Szene habe ich letztes Jahr noch nicht kapiert.“




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