Oscar-reifer Film aus der Türkei: „Mustang“ Frecher Widerspruch

Von Kathrin Horster 

In einem türkischen Dorf fallen ein paar junge Mädchen durch Lebensfreude auf. Das duldet die konservative Männergesellschaft nicht. Eine Opfergeschichte will dieser Film trotzdem nicht erzählen.

Damit die Jungs im Dorf nicht in Versuchung kommen, werden diese Mädchen weggesperrt: Moralpolitik   nach Macho-Art. Foto: Weltkino Filmverleih
Damit die Jungs im Dorf nicht in Versuchung kommen, werden diese Mädchen weggesperrt: Moralpolitik nach Macho-Art. Foto: Weltkino Filmverleih

Stuttgart - Was ist schon dabei, wenn Teenager beiderlei Geschlechts ausgelassen miteinander balgen und Spaß haben? Eigentlich nichts, aber in einem kleinen türkischen Dorf an der Schwarzmeerküste sehen es die Erwachsenen nicht gern, wenn Jungen und Mädchen einander nahe kommen, und sei es nur im Spiel. In Deniz Gamze Ergüvens Regie-Debüt „Mustang“ hat denn auch ein einziger unbeschwerter Strandtag zu Beginn der Sommerferien schwerwiegende Folgen für die Schwestern Lale, Nur, Sonay, Ece und Selma, die seit dem frühen Tod ihrer Eltern bei Onkel und Großmutter (Nihal Koldaş) aufwachsen.

Während den Jungen keine Konsequenzen aus dem verbotenen Treiben drohen, baut Onkel Erol (Ayberk Pekcan) das Haus zum Gefängnis für seine Nichten um. Deren schnelle Verheiratung soll endlich die Gemüter beruhigen; die herrlich unangepassten Wildfänge gelten bei den Nachbarn selbst nach bestandenem Jungfrauen-Test noch als frühreife Luder.

Alles andere als Opfer

Mit Blick auf den Inhalt könnte man denken, die Regisseurin entwerfe eine allzu schematische Erzählung von der Unterdrückung junger Frauen in der islamischen Gesellschaft. Doch „Mustang“, der bereits bei den Filmfestspielen in Cannes einen Preis abräumte und nun bei den Oscars um die Auszeichnung „Bester fremdsprachiger Film“ konkurriert, lässt sich nicht in die Schublade Problemkino quetschen.

Zum einen liegt das an der witzigen Schlagfertigkeit der Protagonistinnen, die Ergüven niemals zu passiven, bemitleidenswerten Opfern stilisiert. Zum anderen konterkariert die elegante, erstaunlich heitere Ästhetik die Schwere, die mit der Thematik erwartungsgemäß einhergehen müsste.

Obwohl die Mauern ums Haus immer höher werden, und Lale (Güneş Nezihe Şensoy) und ihre Schwestern hässlich-braune, sackähnliche Kleider auf der Straße tragen müssen, sind die Bilder stets lichtdurchflutet. Kleine, subversive Handlungen, Ironie und frecher Widerspruch sind die Waffen im Unabhängigkeitskampf der Schwestern. Wenn sich die Teenager selbstvergessen und spärlich bekleidet im Garten aalen, ist das nicht ausbeuterisch oder schlüpfrig inszeniert, sondern vermittelt im Gegenteil das Gefühl größtmöglicher Freiheit.

Andere Wege als der Freitod

Manchmal scheint die Bildsprache mit ihren eleganten Zeitlupen- und Gegenlichteffekten auf Sofia Coppolas elegisches Teenagerdrama „The Virgin Suicides“ (1999) zu verweisen, das ebenfalls von den Emanzipationsversuchen abgeschottet Heranwachsender erzählt. Doch während in Coppolas Film der Freitod zum letztmöglichen Ausweg aus dem Familiengefängnis wird, gibt es in Ergüvens Geschichte trotz grausamer Ereignisse für zumindest zwei der fünf Geschwister die Chance auf ein anderes, freieres Leben.

Mustang. Türkei, Frankreich, Deutschland 2015. Regie: Deniz Gamze Ergüven. Mit GünesşNezihe Sensoy, Doga Zeynep Doguslu, Elit Iscan, Ilayda Akdogan, Burak Yigit. 93 Minuten. Ab 12 Jahren.