Oskar-Beck-Kolumne Die Psychologie der späten Torsch(l)usspanik

Toooor in Sinsheim: Hoffenheims Sebastian Rudy trifft spät – und mitten in die VfB-Seele. Foto: dpa
Toooor in Sinsheim: Hoffenheims Sebastian Rudy trifft spät – und mitten in die VfB-Seele. Foto: dpa

Ein Spiel dauert 90 Minuten? Schon lange nicht mehr. Und zurzeit weniger denn je. Der Altbundestrainer Sepp Herberger war ein Lügner, meint unser Kolumnist Oskar Beck.

Stuttgart - Schlagartig wird dieser Tage klar, dass der Fußball und der Gottesdienst Brüder im Geiste sind: Solange gesungen wird, ist die Kirche nicht aus.

Unabhängig voneinander haben sich zuletzt in drei Bundesligastadien zur selben Zeit, also eigentlich viel zu spät, die Ereignisse derart überschlagen, dass man von keinem Zufall mehr sprechen kann: Nicht auf das Glück, das Wetter oder die Taktik kommt es an, sondern auf die Nachspielzeit. Alle Uhren waren abgelaufen und die Spiele mit drei leistungsgerechten Unentschieden zu Ende, da begann in den Konferenzschaltungen krächzend der Karneval.

„Tooor in Gladbach!“

„Toooor in Sinsheim!“

„Tooooor in Leverkusen!“

Die o’s gingen den Kommentatoren fast aus, und es ging zu wie am letzten Spieltag des berühmt-berüchtigten Abstiegskampfs 1998/99 – bei den Liveschaltungen zu den Schauplätzen sind damals mindestens fünf Reportern in den Schlussminuten die Haare ausgefallen, Stimmen haben sich überschlagen, Stimmen haben versagt, und scharenweise wurden die Berichterstatter abends in die Klapsmühle eingeliefert.

Wie soll sowas erst ein Verlierer verkraften? Vor allem die Kölner sind in Gladbach der Willkür des Wahnsinns in der Nachspielzeit nicht mehr Herr geworden, zornig fauchte der Verteidiger Kevin Wimmer in Richtung des Fahnenschwingers an der Kalklinie: „Und der fällt drauf rein!“ Auf einen sterbenden Gladbacher Schwan nämlich, in der 93. Minute. Foul, meinte der Linienrichter. Freistoß also, Kopfball, 1:0. Auch Kölns Trainer Peter Stöger spuckte Gift und Galle – sein Gesicht ähnelte dem des alten Kollegen Michael Frontzeck, der nach einem späten 0:1 einmal unvergesslich meckerte: „Warum wartet der Schiri, bis wir das Tor fressen?“

Der schlimmste Stress in den letzten Schrecksekunden

Warum fallen ständig solche Tore, jenseits der Last-Minute-Frist? Können die Schiedsrichter vor Müdigkeit die Uhr nicht mehr lesen? Sind die Kicker mit dem Kopf schon unter der Dusche? Wenn mit den Kräften auch die Konzentration nachlässt, benehmen sich viele wie geistig weggetreten, und leider zwingt uns die journalistische Informationspflicht, an der Stelle auch uns kopflose Reporter nicht zu vergessen – als anlässlich einer WM einmal der vierte Unparteiische am Spielfeldrand in der 90. Minute eine Tafel mit der Zahl „1“ hochhielt, brüllte Gerd Rubenbauer fassungslos in sein ARD-Mikrofon: „Jetzt wechselt Jamaika den Torwart aus!“ Dabei wollte der Offizielle eigentlich nur eine Minute Nachspielzeit signalisieren.

Den schlimmsten Stress in diesen letzten Schrecksekunden haben aber die Schiedsrichter und die Spieler. Sie werden gepackt von der Torschlusspanik, die Zeit läuft ihnen davon, und sie spüren: Wenn wir noch irgendeinen Mist bauen wollen, müssen wir es es jetzt tun, und zwar ganz schnell – und im nächsten Moment spielt dann eben der 18-jährige Timo Baumgartl einen schlampigen Pass wie gegen Hoffenheim, und sein VfB-Trainer Huub Stevens legt anschließend in Gedanken die Arbeit nieder und jammert: „Wenn du hinten stehst, kannst du machen, was du willst.“

Sind in der Nachspielzeit sogar überirdische Mächte am Werk? Auch Rudi Völler wartete letzten Samstag nach dem 4:5 gegen Wolfsburg mit geheimnisvollen Andeutungen auf. „Der liebe Gott sollte für ein solches Spiel keinen Gewinner oder Verlierer zulassen“, mahnte der Bayer-Sportchef – und haderte mit dem Schiedsrichter Bastian Dankert, dem Stellvertreter des Allmächtigen im Basislager des Leverkusener Stadions.

Selbst die frommen Bayern mussten schon dran glauben

Der liebe Gott als Oberschiedsrichter, der seinen Schabernack treibt? Spontan entsinnt man sich jenes schottischen Unparteiischen, der in der Champions League einmal ein 1:2 der Dortmunder gegen Malaga in der Nachspielzeit noch herumriss und frei nach Lukas 1, Vers 37 („Bei Gott ist kein Ding unmöglich“) beim 3:2 vier bis fünf Borussen im Abseits übersah – und natürlich werden durch Völlers Gottesthese auch die Schalker wieder in ihrem Verdacht vom Mai 2001 bestätigt, als es in der 93. Minute noch einen Freistoß für den FC Bayern in Hamburg gab, worauf die Königsblauen ihre rauschende Meisterfeier in der heimischen Arena jäh wieder abbrechen mussten, flankiert vom Fluch ihres Managers Rudi Assauer: „Ich glaube nicht mehr an den Fußballgott.“

Andererseits: auch die Frömmsten, also die Bayern, sind von der Psychologie der Nachspielzeit schon in den Atheismus getrieben worden, denn das gruseligste Finale furioso ist und bleibt das Champions-League-Endspiel 1999. Sie führten gegen Manchester 1:0, und um pünktlich zur Siegerehrung auf dem Rasen zu sein, verließ der Uefa-Präsident Lennart Johansson die Tribüne in der 90. Minute durch die Katakomben. Als der Schwede unten ankam, traf er im Kabinengang auf Bobby Charlton und tröstete die ManU-Legende: „I am sorry.“ Bobby starrte ihn an – und klärte Johansson auf, wie die Bayern in der 92. und 93. Minute im Rahmen des Doppelschlags noch aus den Schuhen gekippt waren.

Der späte Sekundentod ist das Niederträchtigste, was der Fußball im Angebot hat – aber umso ergreifender war zuletzt die Heldenfreude der Schützen Bas Dost, Sebastian Rudy und Granit Xhaka. Es gibt nichts Schöneres, als das ganze Stadion zu umarmen, während die Verlierer mit dem Gesicht nach unten heulend im Strafraum liegen und den Zeiten nachtrauern, als der alte Herberger sagte: „Ein Spiel dauert 90 Minuten.“

Er war da schon ein bisschen tütelig.

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