Oskar-Beck-Kolumne Modern Talking

Von Oskar Beck 

Nicht nur im Sportjournalismus hat das Denglisch, die verwirrende Mischung aus Deutsch und Englisch, längst Einzug gehalten. Aber jetzt schlägt die deutsche Sprache zurück, hat unser Kolumnist Oskar Beck herausgefunden.

„Mein Leben ist eine Giving-Story. Ich habe verstanden, dass man contemporary sein muss, das Future-Denken haben muss.“ – Jil Sander Foto: dpa
„Mein Leben ist eine Giving-Story. Ich habe verstanden, dass man contemporary sein muss, das Future-Denken haben muss.“ – Jil Sander Foto: dpa

Stuttgart - Der unvergessene TV-Rateonkel Robert Lembke („Was bin ich?“) war ursprünglich Sportjournalist und als solcher der Meinung: „Ein erfolgreicher Chefredakteur ist ein Mensch, dem es gelingt, seine Mitarbeiter dazu zu bringen, sich für ihre Mitteilungen der deutschen Sprache zu bedienen.“

Dabei hat Lembke noch Glück gehabt. Die Zeit, in der er lebte, war noch bei Weitem nicht die der Imponiervokabeln – jedenfalls hat er nie am eigenen Leib verspüren müssen, wie beispielsweise in einer Pressekonferenz der deutschen WM-Fußballer binnen fünf Minuten zwei Spieler und einer der Co-Trainer unabhängig voneinander gleichlautend erklärten, man habe das nächste Spiel voll „im Fokus“, man sei „total fokussiert“, aber das Allerwichtigste sei: „Man muss einfach fokussiert sein.“

Alle drei wären zu Lembkes Zeiten vom medizinischen Notfalldienst behutsam vom Podium geführt worden, und man hätte ihnen den Puls gefühlt, Blut abgezapft und den Laktatwert genommen, um ganz sicher zu sein, dass noch alles in Ordnung ist. Heute dagegen, in der Ära der Sprachverhunzung mit Anglizismen und Scheinanglizismen, gelten so weltoffene Bekenntnisse als selbstverständlich, als trendy und stylish, und im Einzelfall könnte man es mit dämlich übersetzen – etwa dann, wenn der deutsche Tourist beim Shopping in einem US-Elektroladen nach einem „Handy“ fragt und der Verkäufer ihn ratlos anstarrt, denn im Englischen gibt es kein Handy. Und die „Body Bags“, die man bei uns hier kaufen kann, um sie sich dann als Geldtasche um den Bauch zu binden, heißen auf Englisch in Wirklichkeit Leichensack.

Der angelsächsiche Einfluss hat in der Schweiz Tradition

Aber bleiben wir beim Sport. Auch dessen Sprachfehler schlagen Purzelbäume, von Berlin über Wien bis Zürich. Dort hat der TV-Reporter Beni Thurnheer sein Leben lang Corner gesagt, wenn er Eckball meinte, und aus dem Offside seiner Reporterkabine heraus hat er jeden Goalie gelobt, der einen vom Referee gepfiffenen Penalty abwehrte. Der angelsächsische Einfluss in der Deutschschweiz hat Tradition, denken wir an die Young Boys in Bern, die Young Fellows in Zürich oder die Grasshoppers, und man lässt deshalb an der Stelle Milde walten. Aber darüber hinaus? Man spricht zwar noch überall Deutsch – aber auf Englisch. Also Denglisch.

„Guten Talk“, grüßt die neue Devise.

Denglisch boomt, man spricht sogar schon von Germish und Genglish. Ungefähr jeder gefühlte Zweite täuscht mittlerweile seine polyglotte Weltläufigkeit vor, im Sport und in der Werbung, im Schulunterricht und in der Arbeitswelt, in Behörden und Parlamenten, und nachdem Ex-Bundestagspräsident Thierse – Motto: Ich lege Word auf gutes Deutsch – zum Widerstand gegen die „sprachlich-moralische Verluderung“ aufgerufen hat, prüft dort seither gelegentlich eine Regierungskommission, ob Car Wash, Callcenter, Chill-out und Check-in wirklich das hohe C in puncto Communication sein müssen.

So scharf ist gegen das Problem keiner vorgegangen, seit der Verein Deutsche Sprache e. V. den damaligen DFB-Präsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder zum „Sprachpanscher des Jahres“ gekürt hat. Dieser hohe Orden wird verliehen für „die sinnloseste Vermischung von englischer und deutscher Sprache“, und der Erwähnte hatte sich qualifiziert, weil er in „DFB-Shops“ plötzlich „Home- and Away-Shirts“ verkaufen ließ, womöglich sogar mit dem Vermerk „Fun-tastisch“ unter dem Rabattschild „Sale“.

Dieser Ausverkauf der Sprache macht viele Puristen sprachlos, und für den Fall, dass jemand deren mannhaften Kampf für Goethes Erbe und dessen Reinheitsgebot in puncto Sprache für übertrieben hält, kurz noch das hier, aus dem Horrorkabinett, formuliert von der Modeschöpferin Jil Sander: „Mein Leben ist eine Giving-Story. Ich habe verstanden, dass man contemporary sein muss, das Future-Denken haben muss. Meine Idee war, die Hand-tailored-Geschichte mit neuen Technologien zu verbinden. Und für den Erfolg war mein Coordinated Concept entscheidend, die Idee, dass man viele Teile einer Collection miteinander combinen kann. Aber die Audience hat das alles von Anfang an auch supported. Der problembewusste Mensch von heute kann diese Sachen, diese refined Qualitäten mit Spirit eben auch appreciaten. Allerdings geht unser Voice auch auf bestimmte Zielgruppen. Wer Ladyisches will, searcht nicht bei Jil Sander. Man muss Sinn haben für das effortless, das magic meines Stils.“

Das ist Modern Talking.

Für Trapattoni gilt: deutsche Sprak, schwere Sprak

Schuld ist aber auch der Sport, und ein Trendsetter, sagen wir es knallhart auf Deutsch, war Giovanni Trapattoni. Um seinen Knoten der Verständnislosigkeit – deutsche Sprak, schwere Sprak – zu knacken, hat der italienische Kosmopolit seine Niederlagen irgendwann auf Denglisch analysiert („When the Mannschaft lose the Kopf, is possible that“), und die Krönung war das Pizzadenglisch, mit dem Trap eines Tages erklärte: „When the team is fertig, we will habe molto fun.“ Trapattoni war das leuchtende Vorbild für die modernen Werbefuzzies, die inzwischen mit den zündendsten Wortspielen („Canon Sie schon dieses Angebot?“) aufwarten und im besten Trappatonisch beispielsweise für McDonald’s werben: „Look me in the eyes, Kleines, and danach we go frühstücken.“

Doch jetzt die gute Nachricht: die deutsche Sprache geht zum Gegenangriff über. Im „Oxford English Dictionary“, dem weltweiten Duden der Angelsachsen, finden sich momentan über 3500 Wörter, die sich aus dem Deutschen heimlich eingeschlichen haben. Unaufhaltsam infiltrieren lassen sich vor allem die Amerikaner durch Germanismen wie Autobahn, Kindergarten, Wunderkind, Mensch und Angst, und neulich, nach dem 7:1 gegen Brasilien, bestanden etliche Schlagzeilen von London bis New York aus nur einem Wort: „Blitzkrieg“.

Die deutsche Sprache schlägt zurück.