Oskar-Beck-Kolumne „Wau! Wau!“: ein guter Trainer muss bellen können

Jürgen Klopp hat sich in Dortmund verabschiedet – wohin er geht, ist offen. Foto: Getty
Jürgen Klopp hat sich in Dortmund verabschiedet – wohin er geht, ist offen. Foto: Getty

Jürgen Klopp geht nicht zu Real Madrid. Warum? Man müsste bloß mal Pep Guardiola fragen oder Giovanni Trapattoni. Fremde Länder, fremde Sprachen – eine Kombination, die nicht immer zum Erfolg führt, wie der StZ-Kolumnist Oskar Beck meint.

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Stuttgart - Auf dem Jahrmarkt des Fußballs dreht sich momentan voller Rasanz das Karussell der Trainer. Jeden Tag wird ein anderer aus der Kurve geschleudert, und selbst die Berühmtesten wie Carlo Ancelotti bei Real Madrid setzen kopfüber zur Bauchlandung an – aber viel wichtiger ist die Frage: Wer landet wo?

Glaubhafte Umfragen besagen: die Real-Fans wollten als neuen Trainer eigentlich den auf Freiersfüßen wandelnden Jürgen Klopp. Aber als dann vor ein paar Tagen Rafael Benitez seinen Vertrag beim SSC Neapel kündigte, war schnell klar: Der wird es. Benitez ist zwar nicht besser als Klopp – aber als Spanier kann er besser Spanisch. Klopp dagegen kann nur geschliffen Schwäbisch, gebrochen Hochdeutsch und ein bisschen Englisch, also dachten nun viele: Er übernimmt den FC Liverpool. Aber auch das macht er nicht – sondern Pause.

„Man muss die Sprache können“, hat einst schon Ottmar Hitzfeld behauptet. Deshalb erlag selbst dieser hochdekorierte südbadische Meistermacher nie dem Lockruf von Real, denn ohne Langenscheidts Universalwörterbuch im Tornister hätte er in Madrid keinen Kaffee bestellen können, schon gar nicht con leche. Um Fußballer bei Laune zu halten, weiß Hitzfeld, muss ein Trainer nicht nur die Taktik an die Wand malen, er muss sie auch vollmundig erklären. Er muss Einzelgespräche führen, Beichtvater sein und sein Ohr an der Truppe haben – um die atmosphärischen Zwischentöne herauszuhören.

Hüllenlos, hilflos, nackt

Klopp ist nicht bekloppt, also scheut er Spanien. Als Motivationskünstler ist er auf seine Sprachgewalt dringend angewiesen – er lebt davon, dass er seine Kicker heiß macht, die Lunte in ihnen zündet und mit psychologischer Finesse das Letzte aus ihnen herauskitzelt. Die Sprache ist die Kleidung der Gedanken, behaupten kluge Köpfe – und ein Trainer, der die Sprache nicht kann, steht im Hemd da, hilflos, hüllenlos, also nackt. Da hilft dann auch kein Dolmetscher, im Gegenteil.

Ernst Happel, der früher der beste Trainer der Welt war, verirrte sich zwischendurch nach Spanien und hat später erzählt, was ihm dort passiert ist. „Hijo de puta!“, kurz: Hurensohn!, fluchte ihn im Training ein Kicker an. „Was hat er gesagt?“, wollte Happel wissen. „Er stöhnt, weil es heute wieder so heiß ist“, antwortete der Dolmetscher.

Nur einmal in der langen Trainergeschichte des Fußballs hat die Übersetzernummer funktioniert, und zwar unter Otto Rehhagel. Als großer Rehakles brachte der den Griechen anno 2004 bei, wie man Europameister wird – mit Hilfe des Stuttgarter Deutschgriechen Ioannis Topalidis, der ihm als Chauffeur, Dolmetscher und Co-Trainer diente. Wenn Rehhagel am Spielfeldrand brüllte, brüllte auch Topalidis, wenn Otto Durst hatte, nahm auch Ioannis einen Schluck aus der Pulle, sie lebten synchron, sie kratzten sich gleichzeitig am Kopf – und wenn Big Otto sich in der Taktikbesprechung vor seinen staunenden Griechen ohne falsche Bescheidenheit ins richtige Licht setzte („Ich bin ein erfahrener Cowboy, mir pinkelt keiner in die Satteltasche“), brachte Topalidis sogar das in der Tonlage eins zu eins rüber. Für die Griechen war er die Stimme Ottos, also die Stimme Gottes.

Unüberwindliche Sprachbarrieren

Doch das war die rühmliche Ausnahme von der Regel. Normalerweise ist so eine Sprachbarriere nämlich unüberwindlich, und es ereignen sich diesbezüglich die grässlichsten Tragödien. Sogar Pep Guardiola, der berühmteste Trainer der Gegenwart, wird in diesem Zusammenhang von bösen Zungen neuerdings gerne erwähnt – wann immer der spanische Guru des FC Bayern auf Deutsch vor die Mikrofone tritt, erinnert er an Clare Boothe Luce, die frühere amerikanische Botschafterin in Rom, die einmal eine Rede auf Italienisch hielt und sie so eröffnete: „Ich spreche jetzt in einer Sprache zu Ihnen, die nicht meine eigene ist, und wenn ich sie spreche, werden Sie sie vermutlich auch nicht für die Ihrige halten.“

Viele in München denken, sobald Guardiola loslegt aber vor allem zitternd an Giovanni Trapattoni zurück. Tapfer hat dieser Italiener jahrelang versucht, mit einem Mischmasch aus Zeichen- und Blindensprache den Knoten der Verständnislosigkeit – deutsche Sprak, schwere Sprak – zu knacken. Aber selbst das Pizza-Deutsch, mit dem Don Giovanni spätestens in seiner VfB-Ära dann vollends einen Werbespot von McDonald’s heraufbeschwor („Look me in the eyes, Kleines, and danach we go frühstücken“), gilt vielen Lästergoschen als geradezu akzentfrei und fließend, verglichen mit dem Deutsch Guardiolas.

Ottmar Hitzfeld trifft den Nagel also auf den Kopf: Ein Trainer, der nur mit einer Zunge spricht, kann sich die Kugel geben. Für die letzten Zweifler erzählen wir noch rasch die wahre Geschichte von der Mäusemutter, die mit ihrer Tochter spazieren geht. Plötzlich steht eine Katze vor ihnen, hungrig und schmatzend, das Wasser läuft ihr schon aus dem Mund. „Wau! Wau!“, bellt in der Not die Mäusemutter, und in panischer Angst sucht die Katze das Weite. „Siehst du, mein Kind“, meint darauf Mutter Maus, „deshalb predige ich dir immer: eine Fremdsprache muss man beherrschen.“

Wie die Trainer. Also macht Jürgen Klopp jetzt Pause und nutzt schlau die Zeit, um im Universallexikon der heimischen Dialekte zu büffeln – damit er in einem Jahr weiß, was mia san mia heißt.

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