Oskar Pastior "Mit der Unschuld ist es nun vorbei"

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Oskar Pastior hat als IM den Dichterkollegen Dieter Schlesak belastet. Nobelpreisträgerin Herta Müller zeigt sich entsetzt.

Oskar Pastior arbeitete als IM unter dem Namen Otto Stein. Foto: dpa
Oskar Pastior arbeitete als IM unter dem Namen "Otto Stein". Foto: dpa
Stuttgart - Dass die Sätze plötzlich eine andere Bedeutung bekommen, dass eine Äußerung, auf Seite 12 getan, sich auf Seite 237 als prophetisch enthüllt, ist ein Kunstgriff der Literatur. Wenn so etwas in der Wirklichkeit vorkommt, erfasst uns leiser Schauer. Das Literaturhaus Stuttgart hat dieser Tage mit seinem Dezemberprogramm eine Postkarte herumgeschickt, die für die Ausstellung über Herta Müller, Oskar Pastior und die Entstehung des Romans "Atemschaukel" wirbt. Sie zeigt eine Collage, verfertigt vor einigen Jahren von der nachmaligen Nobelpreisträgerin. Der Text: "Lieber Oskar/wenn ich dich einmal/verlasse heul ich/ in die Mokkatasse".

Ist es jetzt so weit? "Ich bin entsetzt", sagt Herta Müller im Interview mit der Deutschen Presseagentur: "Die neuen Berichte haben mein Bild über Oskar Pastior verändert. Mit der Unschuld ist es nun vorbei. Ich werde ihn nicht mehr in Schutz nehmen können und diese neuen Fakten entsprechend einordnen müssen." Die "Frankfurter Allgemeine" hat in ihrer Dienstagausgabe einen Gastbeitrag von Dieter Schlesak abgedruckt. Darin berichtete der rumäniendeutsche Autor von seiner Securitate-Opferakte in Bukarest, in der er Berichte des IM "Otto Stein" über sich aus den sechziger Jahren fand. "Otto Stein" war Oskar Pastior.

IM der rumänischen Securitate


Im September bereits hatten Pastiors Freunde Herta Müller und Ernest Wichner öffentlich gemacht, was der Münchner Historiker Stefan Sienerth herausgefunden hatte: 1961 hat Oskar Pastior, der ehemalige Zwangsarbeiter und hoffnungsvolle Lyriker, eine Verpflichtungserklärung als IM der rumänischen Securitate unterschrieben. Müller, der gegenüber Pastior diese Vergangenheit im gemeinsamen Herkunftsland ebenso geheim gehalten hatte wie vor allen anderen, hegte damals noch die freundschaftliche Vermutung, Pastior, der selber wegen einiger Gedichte ins Visier der Staatsmacht geraten war und zudem die Entdeckung seiner Homosexualität fürchtete, habe nur diese Verpflichtung unterschrieben und keine Berichte abgeliefert, die anderen hätten schaden können.

Schlesak legt nun in seinem Beitrag anderes nahe. "Als Freund" habe Pastior ihn ausgehorcht, er habe die Securitate erst darauf gebracht, Schlesak und seine Lyrikerfreunde seien eine von westlicher Ideologie angestachelte "Widerstandsgruppe", kurz, Pastior sei wesentlicher Bestandteil des "Netzes" aus Spitzelei gewesen, das der Geheimdienst um ihn herumgelegt habe. Schlesak endet mit dem Fazit: "Denn auch für Oskar Pastior gilt, dass historische Schuld, und die hat er auf sich geladen, nicht verschwiegen werden darf."




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