Ottmar Edenhofer im Interview Klimaschutz als Entwicklungshilfe

Von Bernhard Pötter 

Forscher und Entwicklungshelfer wollen den Verhandlungen Schwung verleihen. Ottmar Edenhofer erläutert den Plan.

Wie läuft’s mit den Verhandlungen zum Klimaschutz? Mit Kabinettsitzungen im Freien protestierten die Mongolei und die Malediven gegen den Stillstand. Foto: ap
Wie läuft’s mit den Verhandlungen zum Klimaschutz? Mit Kabinettsitzungen im Freien protestierten die Mongolei und die Malediven gegen den Stillstand. Foto: ap
München - Für viele Menschen gehört die Klimapolitik zum Umweltschutz. Doch Ottmar Edenhofer (49), der Chefökonom am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, hält dagegen: Klimaschutz funktioniere nicht ohne eine erfolgreiche Entwicklungspolitik. Wenn der CO2-Ausstoß weltweit etwas kostete, weil mit Emissionsrechten gehandelt werden könnte, würden sich die Beziehungen zwischen dem Norden und dem Süden grundlegend wandeln. Gemeinsam mit dem Institut für Gesellschaftsforschung München, der Münchener-Rück-Stiftung und dem katholischen Hilfswerk Misereor hat Edenhofer einen Bericht präsentiert, der einen Ausweg aus den festgefahrenen Verhandlungen zum Klimaschutz bieten soll.

Herr Edenhofer, beim Klimaschutz fordern alle eine Reduzierung der Emissionen. Sie sprechen jetzt von "gefährlicher Emissionsreduzierung". Was ist das?


Bisher ging Wirtschaftswachstum mit dem Wachstum der Treibhausgasemissionen Hand in Hand. Ein Prozent Wachstum hieß ein Prozent mehr Emissionen. Ins historische Gedächtnis der Menschheit hat sich eingebrannt: Wer reich ist, verfeuert dafür Kohle, Öl oder Gas. Und deshalb haben die Schwellenländer Angst vor Emissionsreduzierungen, weil sie befürchten, dass der Klimaschutz ihre Wirtschaftsentwicklung hemmt.

Beim Klimaschutz sollten aber alle mitmachen, sonst funktioniert er nicht.


Das sagt sich so leicht. Es gibt kein historisches Vorbild und keine Weltregion, die ihr Wirtschaftswachstum von den Emissionen abgekoppelt hat. Da kann man nicht von Indien oder China erwarten, dass sie die Idee toll finden. Und es kommt noch schlimmer: wir sind mitten in einer Renaissance der Kohle, weil Öl und Gas teurer geworden sind, Kohle aber nicht. Die Schwellenländer bauen gerade für die nächsten 70 Jahre ihre Städte und Kraftwerke, als ob es dauerhaft keinen hohen CO2-Preis gäbe. Natürlich müssen langfristig alle mitmachen, aber kurz- und mittelfristig muss man mit den acht bis zehn größten Emittenten arbeiten. Die anderen sind mit im Boot, weil sie Unterstützung brauchen, etwa bei Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel.

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Das Neue an Ihrem Vorschlag ist, die Bedeutung der Entwicklungspolitik für die Klimapolitik zu betonen. Bis jetzt denken viele bei Entwicklungshilfe an Almosen.


Das wird sich sofort ändern, wenn global Emissionsrechte verteilt werden. Wenn das pro Kopf der Bevölkerung geschieht, dann ist Afrika der große Gewinner, und es fließt viel Geld dorthin. Das hat für die Entwicklungspolitik enorme Konsequenzen. Und es wird sich auch die Frage stellen, wie diese Länder mit so viel Geld überhaupt sinnvoll umgehen können.

Das klingt alles nicht mehr nach der Klimapolitik, die wir kennen.


Grundsätzlich ist es ein großer Fehler, Klimapolitik abgetrennt von den großen Themen der Globalisierung zu diskutieren. Der UN-Klimagipfel in Kopenhagen war ja keine Weltklimakonferenz, sondern die größte Wirtschaftskonferenz seit dem Zweiten Weltkrieg. Warum? Weil wir noch 11000 Milliarden Tonnen Kohlenstoff in den Kohlereserven haben, und wir dürfen nur noch 400 Milliarden Tonnen in der Atmosphäre ablagern, wenn wir den Temperaturanstieg auf zwei Grad begrenzen wollen. 11000 zu 400 - da führt kein Weg daran vorbei, dass ein Großteil der fossilen Reserven im Boden bleiben muss.

De facto wäre das eine Enteignung der Länder, denen die Bodenschätze gehören.


Zunächst einmal haben wir Industrieländer die Atmosphäre der Weltgemeinschaft quasi enteignet. Aber man muss klar sagen: wir verteilen durch die Klimapolitik de facto das Weltvermögen um. Dass die Besitzer von Gas, Kohle und Öl davon nicht begeistert sind, das liegt auf der Hand. Man muss sich von der Illusion freimachen, dass internationale Klimapolitik Umweltpolitik ist. Das hat mit Umweltpolitik, mit Problemen wie Waldsterben und Ozonloch, fast nichts mehr zu tun.

Sie schreiben in Ihrem Bericht, für die erfolgreiche Klimapolitik sei "ein hohes Maß an internationaler Kooperation nötig". Gerade die sieht man aber nicht.


Ich teile die Skepsis. Aber haben wir eine Alternative? Derzeit gibt es drei Ideen, wie man die schwierige Kooperation umgehen kann. Man verlegt sich auf unsichere Experimente wie das Geo-Engineering und verteilt etwa Substanzen in der Atmosphäre, welche die Sonnenstrahlen reflektieren. Oder man redet nicht mehr von der Klima-Apokalypse, sondern konzentriert sich auf den Ausbau von sauberer und sicherer Energie. Beim dritten Ansatz vertraut man auf regionale und lokale Lösungen. Es gibt allerdings keinen Hinweis darauf, dass eine dieser Ideen das Problem löst. Wir müssen die Kooperation also wollen, so wie man auch für die Regelung der Finanzmärkte zusammenarbeiten muss.

Aber im Gegensatz zur Finanzkrise hat in der Klimapolitik ein Land Vorteile, wenn es nicht mitmacht.


Die Finanzkrise war eine Notoperation, und bei Gefahr verhalten wir uns kooperativer. Das wird es beim Klima nicht geben, denn es bleibt immer fraglich, ob ein konkretes Ereignis wie die Überschwemmungen in Pakistan ein Klimaphänomen ist. Aber es besteht die Gefahr, dass individuelle Rationalität zur kollektiven Dummheit führt. Deshalb kann man das Klimaproblem nicht allein lösen, sondern muss es mit anderen Problemen vernetzen. Es muss Strafen und Anreize geben: weltweite CO2-Zölle und Technologietransfer.

Im Buch ist viel von Ethik die Rede. Haben Sie den Eindruck, Ethik spielt bei den Klimaverhandlungen eine Rolle?


Wie immer spielt Ethik eine Rolle, wenn es um Macht geht. Vor allem China und Lateinamerika setzen zum Beispiel regelmäßig die historische Verantwortung der Industriestaaten für den Klimawandel auf die Tagesordnung. Diese Verantwortung ist nicht zu leugnen, aber es ist auch ein strategisches Argument der Schwellenländer. Ich würde eine Verantwortung für die Zeit seit 1995 akzeptieren, weil wir seitdem wissenschaftlich klar sehen, was den Treibhauseffekt verursacht. Die Verantwortung bis zum Beginn der industriellen Revolution auszudehnen ist moralisch nicht gerechtfertigt.

Kann man die Ethik nutzen, um den Stillstand zu beenden?


Das Buch enthält eine Parabel: Eine Gruppe Wanderer, also die Weltgemeinschaft, ist in der Wüste unterwegs. Die Industriestaaten trinken das Wasser zur Hälfte aus und sagen dann großzügig: "Jetzt teilen wir den Rest!" Da sagen die anderen: "So geht es nicht, ihr habt das Wasser ja schon zur Hälfte geleert. Wir reden jetzt mal über eure historische Verantwortung für den Wassermangel." Wir meinen: wenn wir nur um den Wasservorrat streiten, weil wir uns auf die ethischen Prinzipien nicht einigen können, werden wir verdursten. Was wir suchen müssen, ist eine Oase, das ist die kohlenstofffreie Weltwirtschaft. Es geht um den gemeinsamen Aufbruch zu dieser Oase. Und es ist ernst. Wir sagen nicht: es wäre schön, wenn ihr mal in die Zukunft blicktet. Sondern: nur mit diesem Blick werden wir überleben.