Alle haben schon einmal ein Werk von Otto Herbert Hajek (1927-2005) gesehen, und doch muss der Name neu auf die Kunstbühne geholt werden. Das Kunstmuseum Stuttgart macht den Anfang.
Nikolai B. Forstbauer
02.11.2023 - 07:00 Uhr
Auf einer weißen Grundplatte stapeln sich gezielt roh bearbeitete Hölzer. Fundstücken einer zerborstenen Architektur gleich. Auch die geritzten, gehöhlten, geschliffenen Hölzer sind weiß, ein Relief entsteht. Darüber legen sich, diagonal gesetzt, blaue und rote Farbspuren. Ein Moment höchster Souveränität.
Otto Herbert Hajek, 1927 geboren und in eigener Wahrnehmung 1946 aus dem Böhmerwald nach Stuttgart katapultiert, hat die von religiöser Inbrunst durchdrungene Figuration der Studienjahre an der Stuttgarter Akademie im Gepäck, mehr noch das malerische und plastische Durchkämpfen des Informel.
Mit Knotung und Schichtung hat Hajek zudem zwei wegweisende Wege zu einer sich selbst begründenden Form eröffnet. Vieles scheint nun für ihn möglich. Die (West)Weltkunstausstellungen Documenta II (1959) und Documenta III (1964) in Kassel setzen auf Hajek – noch nicht 40 könnte er sich bereits auf einer fortgesetzten Wiederholung von Knotungen und Schichtungen ausruhen.
Vom Relief in den Stadtraum
Hajek aber will anderes, will die Knoten lösen, die Schichtungen zerlegen, will auf und mit „Farbwegen“ gleichermaßen und gleichzeitig durchdringen und umfassen, malerisch und plastisch agieren. Von all dem kündet dieses Werk, kündet „Farbwege 64/12“, dem Sabine Gruber und Tina Weingardt als Verantwortliche der Ausstellung„Otto Herbert Hajek“ in den Erdgeschoss-Kabinetten des Kunstmuseums Stuttgart kaum zufällig Gelenkfunktion zuweisen. Noch ganz Erbe der europäischen Moderne, schon die Idee, das im Relief Erreichte in großem Maßstab in den (Stadt-)Raum zu überführen.
Hajeks Werke sind Denkmodelle
Otto Herbert Hajek Foto: Galerie Hajek/Galerie Hajek
In rascher Folge entstehen nun Werke, die diesen Weg belegen – bis hin zu einem die Farbtöne überprüfenden Relief von 1974, das, in die Waagrechte genommen, als Farbraum-Parcours gelten könnte. Hajeks Werke sind zuvorderst Modelle, sind Denkmodelle.
Sabine Gruber und Tina Weingardt deuten dies an, wenn sie den auch filmisch unterlegten Beginn der Ausstellung räumlich in der Tiefe der Kunstmuseumssammlung verorten und im großen Eingangsbereich Hajeks Repräsentation des eigenen (malerischen) Werks spiegeln. „Die Ausstellung“, lässt das Kunstmuseum wissen, „zeichnet anhand der Bestände der O.H. Hajek- Kunststiftung, 2003 vom Künstler selbst gegründet, und der Otto Herbert Hajek Kunststiftung der Sparda Bank Baden-Württemberg die künstlerische Entwicklung des Bildhauers nach“. Kluge Ergänzungen aus Privatsammlungen kommen hinzu. Ein Parforceritt ist vorgegeben, umso mehr, als die O. H. Hajek-Kunststiftung 219 Werke, die Hajek Kunststiftung der Sparda Bank mehr als 700 Werke umfasst.
Wer auf kurzer Raumfolge „die künstlerische Entwicklung des Bildhauers nachzeichnen“ möchte, mit 70 aus knapp 1000 agiert, muss sich folglich extrem beschränken. Entsprechend ahnt man die Dimension der Aufgabe einer auch auf den Nachlass (in Besitz des Künstlersohnes Urban Hajek) und dessen mehr als 3000 Arbeiten setzenden gültigen Gesamtwerkschau.
Sehnsucht nach Aufklärung
Ungeachtet scheinbarer Omnipräsenz im Stuttgarter Stadtraum mit zentralen plastischen Zeichen an der Theodor Heuss-Straße oder vor dem Bürgerzentrum Stuttgart-West, mit der in Stuttgart nie als bis in den umgebenden Park ausgreifende Gesamtgestaltung wahrgenommenen Skizzierung des Mineralbades Leuze als im besten Sinn begehbarer und benutzbarer Plastik, mit Kirchengestaltungen, etwa für die Herz-Jesu-Kirche in Gaisburg, gilt doch: 18 Jahre nach dem Tod von Otto Herbert Hajek muss der Name neu auf die Kunstbühne geholt werden. Eben dies wagt, ganz im Geist der Sehnsucht nach Klärung, das Kunstmuseum Stuttgart mit der Ausstellung „Otto Herbert Hajek“.
Umschichten agiert auf dem Kleinen Schlossplatz
Und so wichtig es ist, dass die Schau sich über die Präsenz eines herausragenden plastischen Hajek-Trios in den Sammlungsräumen des Kunstmuseums gleichermaßen rückversichern und verankern kann, so folgerichtig ist es, dass die Ausstellung künstlerische Fragestellungen im Stadtraum mit transportiert. Hier lässt man jedoch nicht Hajek aufleben. Gruber und Weingardt vertrauen dem Künstlerkollektiv Umschichten, vertrauen einer „zeitgerechten Antwort“ auf die Interventionen Hajeks Ende der 1960er Jahre im Stuttgarter Stadtzentrum und speziell 1969 auf dem damaligen Kleinen Schlossplatz. Fünf Skulpturen, gefertigt wesentlich aus beim Bau der Lichtaugen des Stuttgarter Tiefbahnhofs eingesetzten Hilfen für die Verschalung, laden – 2023 wenig überraschend – zur Benutzung.
Kunstpolitiker Hajek bleibt zu entdecken
Die Ausstellung schafft eine Basis, sich dem Kunstmacher und Kunstdenker Otto Herbert Hajek neu zu nähern. Eine nicht zu unterschätzende Leistung. Zu entdecken gibt es indes noch viel – nicht zuletzt den kunstpolitischen Aktivisten Hajek.
Ob und wie eine Neubestimmung fortgeführt werden kann, dürfte das Publikumsinteresse mit entscheiden. Wer mehr wissen, mehr sehen will von Otto Herbert Hajek, muss schlicht erst einmal diese Ausstellung besuchen.
Hajek im Kunstmuseum Stuttgart
Die Ausstellung Die Ausstellung zeigt mehr als 60 Plastiken, Gemälde und Grafiken aus dem Bestand der O. H. Hajek-Kunststiftung in Kooperation mit der Otto Herbert Hajek Kunststiftung der Sparda-Bank Baden-Württemberg. Begleitet von einem umfangreichen Führungsprogramm wird die Ausstellung zudem auf dem Kleinen Schlossplatz von dem Projekt „Platzprobe“ des Kollektivs Umschichten erweitert.
Zeiten und Preise Zu sehen bis 6. Oktober 2024, ist die Hajek-Schau im Kunstmuseum Stuttgart dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr, freitags von 10 bis 20 Uhr. Der Eintritt ist im Sammlungsticket (6 Euro, ermäßigt 4 Euro, frei unter 18 Jahren) enthalten.