Anuk wartet sehnlich darauf, dass sie abgeholt wird. Kurz stand sie an der Tür, jetzt sitzt sie auf einem Sofa, ganz aufrecht, und hört zu. „Zu uns kommen die Sensiblen“, sagt Alice Eichmann. Anuk, ein Großpudel-Mischling mit pechschwarzem, gekraustem Fell, legt den Kopf zur Seite und guckt ein bisschen treudoof. Fast so, als wollte sie sagen: Meinst du mich?
An diesem Nachmittag ist Anuk einer von sieben Hunden, die Alice Eichmann und ihr Mann Tim betreuen. An manchen Tagen sind es mehr als doppelt so viele. Was für das Kind die Kita ist, ist für den Hund die Huta (Was auch sonst?). „Im Endeffekt ist es wirklich ein bisschen wie im Kindergarten“, sagt Alice. Mal geht was daneben (auf den Boden, nicht in die Hose), mal verstehen sich zwei aus der Gruppe nicht, mal hat jemand Heimweh. Unverträglichkeiten beim Essen plagen nicht nur Kinder, sondern auch Vierbeiner.
Direkt verliebt in die alte Ölmühle
Beim Klingeln an der Haustür war das Hallo beziehungsweise „Wau-Wau-Wau“ groß. Keine zehn Minuten später haben sich die Vierbeiner allesamt einen Platz gesucht und geben keinen Ton mehr von sich. „Ruhe ist wichtig“, sagt Tim Eichmann. Spielen und toben gehöre auch dazu, aber auch so sei der Tag anstrengend genug. Für die Hunde und für die Hundesitter.
Lange machen Alice und Tim Eichmann, die selbst zwei Hunde haben, den Job noch nicht. Im vergangenen Sommer wagten sie den Schritt. Sie war Filialleiterin bei H&M, er Mediengestalter, beide arbeiteten viel. Das Gehalt passte, der Rest eigentlich auch. Als Alice krank wurde, wollte sie trotzdem nicht mehr zurück in den alten Beruf, sondern „etwas für sich machen“. Sie ließ sich zur Hundetrainerin ausbilden. Entdeckt hat die alte Mühle, die die Besitzerin schon vor Längerem hundefreundlich umbauen lassen hatte, Tim bei einer Radtour. „Ich habe Alice per Videocall angerufen und gesagt: ‚Guck mal, wie schön das hier ist’.“ Das Hundehotel liegt mitten in den Weinbergen. Von dort überblickt man den Neckar, vor dem Haus fließt ein kleines Bächlein. Wenn die Feuersalamander unterwegs sind, werden oben und unten am Berg die Schranken heruntergeklappt.
Ein Probetag ist Pflicht für neue Hunde
Von innen angeschaut haben die Eichmanns das Haus samt Wohnung eigentlich trotzdem „nur zum Spaß“. Weil man eine fertig umgebaute Hundepension sonst nicht findet, entschieden sie sich dann relativ spontan, sie zu mieten und sich selbstständig zu machen. Sie sind die dritten Betreiber. Unterm Dach wohnen Tim und Alice, die drei Stockwerke darunter gehören den Hunden. Das Business ist noch im Aufbau, Platz für noch mehr Hunde ist da. Willkommen ist prinzipiell jeder Hund: groß, klein, dick, dünn, laut, leise. Auch bei den Rassen machen die Eichmanns keine Ausnahmen. „Man muss die Eigenschaften kennen und ihnen gerecht werden“, sagt die 38-Jährige. Als ausgebildete Hundetrainerin weiß sie darüber Bescheid. Ansonsten gilt für die Huta: Die Hunde sollen sich wohlfühlen. „Wir wollen keinen Drive-in, wo der Hund nur abgeladen wird“. Heißt: Erst gibt es ein Kennenlernen mit den Haltern, dann einen Probetag, denn jedes neue Mitglied verändert die Dynamik einer Gruppe. Für unkastrierte Rüden zahlen die Besitzer drei Euro mehr für die Betreuung, weil sie häufiger markieren. Putzen ist auch so eine Daueraufgabe. „Da kann man raus, so oft man will“, sagt Tim.
Bereut hat das Paar den Schritt aber nicht. Auch wenn die Bürokratie nervt, die so eine Huta mit sich bringt. Und: „Es ist schon ein Knochenjob“, sagt er. Die Arbeitstage sind lang, der Lärm und das viele Stehen waren für den 43-Jährigen eine ganz neue Erfahrungen. Zehn Kilo hat er abgenommen, dank viel frischer Luft und Gassigehen. Dass er sich den Arbeitsweg spart, ist einer der Vorteile des neuen Jobs, findet Tim Eichmann.
Corona hatte Auswirkungen auf das Verhalten von Hunden
Wie ist das so, nicht nur das Bett, sondern auch den Arbeitsplatz zu teilen? Alice und Tim Eichmann lachen sich an. „Wir setzen teils unterschiedliche Prioritäten“, sagt sie, „aber es klappt insgesamt ganz gut.“ Im Homeoffice während Corona hätten sie sich schon ein Stück weit daran gewöhnt.
Apropos Pandemie: die habe dafür gesorgt, dass viele Hunde kürzer oder überhaupt nicht mehr allein bleiben können. Nicht einmal für die Zeit eines Einkaufs. Den Eichmanns und ihrem Geschäft kommt das gelegen. „Aber in einer schönen Welt wäre es so, dass es so einen Service eigentlich nicht braucht“, sagt Alice. Schlechte Herrchen oder Frauchen seien diejenigen, die ihren Hund bei ihnen abgeben deshalb nicht. „Manche wollen ihrem Tier auch einfach etwas Gutes tun. Oder es daran gewöhnen anderswo zu sein, weil sie es nicht mit in den Urlaub nehmen können.“
Dass die Eichmanns mit ihrer Hundetagesstätte auch Erziehungsarbeit leisten, gehört dazu. Einer ihrer Schützlinge trug am Anfang einen Maulkorb, inzwischen klappt es auch ohne. „Andere sind bei uns viel selbstsicherer geworden“, sagt Alice Eichmann, „das ist schön zu sehen.“
Der Weg zur Hundepension
Adresse
Die Hundepension „The Beach Dog“ in der Ölmühle 1 in Ludwigsburg hat montags bis freitags von 6.30 Uhr bis 18.30 Uhr geöffnet. An Feiertagen ist geschlossen.
Betreuung
Ab 30 Euro kostet der Tag in der Hundepension. Prinzipiell ist jeder Hund willkommen. Voraussetzung ist ein Kennenlernen, die Tiere müssen zudem geimpft sein.
Infos
Alles weitere zum Angebot finden Interessenenten auf der Internetseite www.thebeachdog.de. Erreichbar sind Tim und Alice Eichmann telefonisch unter 0 71 41/37 59 22 5.