Einmal die Welt umrunden
„Raus aus dem goldenen Käfig – rein ins Leben“ beschreibt das Paar, das zuletzt in Weinstadt-Strümpfelbach Wurzeln geschlagen hat, seine Kehrtwende aus der Komfortzone. Die beiden wollen dieser Tage mit einem eigens umgebauten alten Geländewagen aufbrechen, um mindestens einmal die Welt zu umrunden.
Mit ihrer Geschichte haben sie sich an unsere Zeitung gewandt, um, wie sie sagen, andere zu inspirieren und jenen, die insgeheim von Ähnlichem träumen, Mut zu machen, dass es funktionieren kann. „Wir hätten uns damals gefreut, wenn wir von einem solchen Projekt gelesen hätten“, sagt Jan Navel. „Und wir sind gerne bereit, unsere Erfahrungen mit anderen zu teilen.“
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Der Impuls für den Ausbruch aus dem selbst gewählten Hamsterrad kam vor vier Jahren. Jan Navel wurde mit der Botschaft einer möglicherweise lebensverkürzenden Krankheit konfrontiert. „Wir haben uns da erstmals gefragt, worauf es im Leben wirklich ankommt“, sagt der 35-jährige gebürtige Südpfälzer, „ob es wirklich immer schneller, höher, weiter sein muss, ob wir das machen, was wir wirklich wollen.“
Die Vollbremsung, welche seine drei Jahre ältere Frau Greta und er daraufhin einleiteten, stieß auf viel Verständnis und Unterstützung bei ihrem Arbeitgeber. Das angedachte Auszeit-Jahr wurde nicht nur genehmigt. Beide, die im Raum Stuttgart in unterschiedlichen Bereichen des Daimler-Konzerns tätig waren, wurden sogar mit einer Rückkehrgarantie auf jene Reise geschickt, bei der die beiden leidenschaftlichen Bergsteiger insbesondere auch das Himalaja-Gebiet ins Visier nahmen.
Von Costa Rica aus durch Südamerika
Trotz des festen Vorsatzes, wieder zurückzukommen, warfen die beiden Ballast ab. Sie lösten ihre Wohnung auf, verkauften die Möbel und lagerten ein paar Habseligkeiten bei den Eltern ein, bis sie Ende 2018 ein Flugzeug mit Kurs auf Costa Rica bestiegen. Die Route ihrer kleinen Weltreise sei ihrem bisherigen Lebensstil gemäß gut geplant und in Excel-Tabellen festgehalten gewesen, räumt Jan Navel ein. Doch schon bald habe man sich Stück für Stück örtlichen Mentalitäten angenähert und gelernt, einen oder mehrere Gänge zurückzuschalten. Über Feuerland, Patagonien, Chile und Peru führte der Weg nach Bolivien, wo das Paar zwei Wochen lang mit einem lokalen Bergführer und mehreren Lamas in den Anden unterwegs war. „Wir haben uns die Freiheit genommen, Trips zu verlängern und mal nach links abzubiegen, auch wenn rechts der kürzere Weg gewesen wäre“, sagt Jan Navel.
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Sie kosteten das Auszeitjahr in vollen Zügen aus. „Wir haben die Wüste Gobi in der Mongolei durchquert, sind mit der Transsibirischen Eisenbahn von Sankt Petersburg bis nach Peking gereist, sind zum Everest-Basecamp gewandert, haben uns auf dem höchsten Berg Afrikas verlobt und noch vieles mehr erlebt“, fassen Greta und Jan Navel ganz grob zusammen.
Dann waren sie wieder zurück. Der Arbeitgeber löste sein Versprechen ein, zwei Unterschriften reichten, und die Navels hatten ihr altes Leben wieder. Doch beide merkten bald, dass ihre neuen Sehnsüchte nicht mehr mit ihrem Fulltime-Job bisheriger Prägung vereinbar ist. Anderthalb Jahre später, im Frühjahr des vergangenen Jahres, zogen sie die radikalen Konsequenzen und endgültig die Reißleine. Nach einem ehrenamtlichen Engagement als Coronatest-Helfer in einem Altenheim heuerten sie bei einer Unternehmensberatung an, wo die Arbeitszeit deutlich reduziert und ein komplett digitales Arbeiten möglich ist, um ihren neuen Lebenstraum verwirklichen zu können.
Erst mal nach Süden und dann in Richtung Osten
Die 27 Jahre alte Mercedes-G-Klasse mit Funkkofferaufbau ist mittlerweile startklar und so umgebaut, dass sie nicht nur als Fortbewegungsmittel, sondern auch als Wohnung und Schlafplatz dienen kann. In diesen Tagen wollen Greta und Jan Navel in ihr neues Leben aufbrechen. Das Ziel? Erst mal gen Süden nach Norditalien und dann wahrscheinlich in Richtung Südosten, so die grobe Vorstellung. Das Ziel ist, die Erde mindestens einmal zu umrunden. Einen genauen Plan haben sie diesmal ganz bewusst nicht entworfen. „Je genauer du planst, desto größer ist unter Umständen die Enttäuschung, wenn es nicht klappt“, sagt Jan Navel. Seine Frau ergänzt: „Wenn es in Richtung Osten nicht klappen sollte, fahren wir vielleicht einfach in Richtung Westen.“ Auch eine zeitliche Grenze haben sie sich nicht gesetzt. Es ist schließlich auch ihr neues Leben.
In einem Blog berichten Greta und Jan Navel im Internet auf: www.followthenavels.com über ihr Projekt. Dort kann man auch in Kontakt mit ihnen treten.