Pandemie der Wörter Wie Corona unsere Sprache prägt
Corona hat das Leben in den vergangenen Monaten geprägt und Spuren in unserem Wortschatz hinterlassen. Neue Begriffe wie Social Distancing, FFP2 oder Impfneid prägen die Alltagssprache.
Corona hat das Leben in den vergangenen Monaten geprägt und Spuren in unserem Wortschatz hinterlassen. Neue Begriffe wie Social Distancing, FFP2 oder Impfneid prägen die Alltagssprache.
Stuttgart - Im Moment ist nur Abstand Ausdruck von Fürsorge“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer Fernsehansprache am 18. März 2020. Es war ein Moment für die Geschichtsbücher. Mit dem Abstand meinte sie das, was wir alle inzwischen unter „Social Distancing“ verstehen. Dieser Begriff, aus dem Englischen entlehnt, ist ein prägnantes Beispiel, wie sich Sprache wandelt. Und eines von sehr vielen: Die Corona-Pandemie hat unsere Sprache regelrecht infiziert. Es wundert nicht, dass man da kaum mehr mitkommt zwischen FFP2, AHA-Regeln, R-Werten, Impfneid, Knuffelkontakt, Jojo-Lockdown und Corona-Kilos. Das Wort Corona selbst stammt aus dem Lateinischen und steht für Krone, weil das Virus unter dem Mikroskop eine kronenähnliche Form hat. Bis es so weit ist, werden wir noch viel über das Virus lesen und mit neuen Begriffen hantieren.
Manche neuen Wörter werden im Deutschen gebildet, andere bekommen neue Bedeutungen. Es gibt welche, die aus Fachsprachen oder aus dem Englischen entlehnt wurden. „Der Ausdruck Social Distancing und seine schlagartig steigende Verwendung im Kontext eines gesamtgesellschaftlichen Geschehens sind ein gutes Beispiel dafür, wie der deutsche Wortschatz fortwährend ausgebaut wird“, sagt die Sprachforscherin Annette Klosa-Kückelhaus. Sie leitet den Programmbereich Lexikografie und Sprachdokumentation in der Abteilung Lexik am Leibniz-Institut für Deutsche Sprache in Mannheim.
Seit Ausbruch der Corona-Pandemie halten wir uns nicht nur an viele neue, oft komplizierte Regeln, sondern haben auch unseren Wortschatz erweitert. Genauso dynamisch wie das Infektionsgeschehen ist die Vermehrung unseres Vokabulars.
Die 54-jährige Sprachwissenschaftlerin Annette Klosa-Kückelhaus sammelt mit ihrem Team seit März 2020 in einem Neologismen-Wörterbuch den neuen Wortschatz rund um die Corona-Pandemie. Langweilig wird ihr nicht. Rund 1100 Begriffe wurden bis Anfang Januar dieses Jahres in das Corona-Lexikon aufgenommen. Gut 800 Wörter stehen auf einer Liste, die noch zu prüfen ist. Es gelten zwei Kriterien: Wenn es keine Neologismen sind, also neu kreierte Wörter oder Wörter mit neuen Bedeutungen, dann werden sie auf den Aussortiert-Stapel geschoben. Und sie müssen allgemeinsprachlich sein. „Ein Wort darf nicht nur in einem speziellen Kontext verwendet werden“, sagt die Linguistin.
Wenn in einer Praxis zum Beispiel Arzthelferinnen „Munaschu“ als liebenswerte Abkürzung für Mundnasenschutz verwenden, ist das allein noch kein Fall für das Neologismenwörterbuch. Da das Wort aber als Hashtag auf Twitter und mehrmals in überregionalen Medien verwendet wird, gehen die Lexikografinnen „davon aus, dass es allgemeinsprachlich ist“, so Klosa-Kückelhaus.
Die Vermutung liegt nahe, dass mit der Corona-Pandemie so viele Begriffe wie selten zuvor in so kurzer Zeit in unseren Wortschatz übergingen. Belegbar ist das nicht – zumindest noch nicht. „Die Zeit um die Wiedervereinigung war ähnlich, alles dokumentiert in Wörterbüchern“, so Klosa-Kückelhaus. Was aber für den richtigen Wumms 1989 und 1990 fehlte, sind die sozialen Medien, die die Wortneuschöpfungen und vor allem deren Verbreitung geradezu befeuern. Es sei auffallend anders, wie schnell und wie viel der Wortschatz erweitert werde, sagt die Sprachwissenschaftlerin.
Für Sprachwissenschaftler ist diese Pandemie, an der man ob der Hunderttausenden an Toten, Kranken und wirtschaftlich Geschädigten rein gar nichts gut finden kann, spannend. An dem Diskurs beteiligen sich – ermöglicht durch die sozialen Medien – viele Menschen; darunter nicht nur Hobbyvirologen.
Es gibt zwar wenig echte Neuschöpfungen, dafür Wörter, die aus einer Fremdsprache entlehnt sind, jede Menge Neubildungen, die nach den Regeln der Wortbildung funktionieren (zum Beispiel diverse Zusammensetzungen mit Corona), Ableitungen wie beispielsweise Impfling oder Wörter, denen seit der Pandemie eine neue Bedeutung zugeschrieben wird. So sind heute viel mehr Berufe systemrelevant als noch vor ein paar Jahren. Dazu kommen Wörter aus der Fachsprache, aus dem epidemiologischen und medizinischen Bereich (Triage!). Das sind keine Neologismen im eigentlichen Sinne, sie wurden aber nun in der Allgemeinsprache verankert. Wer weiß, vielleicht verschwinden sie auch wieder, wenn das Virus verschwunden ist oder zumindest eine Herdenimmunität besteht.
So verhält es sich auch mit dem Social Distancing, das ursprünglich aus der Epidemiologie stammt. Da hatte es nur etwas mit räumlicher Trennung zu tun, damit sich das Infektionsgeschehen nicht ausbreitet. So taugt die Übersetzung ins Deutsche, also „soziale Distanzierung“, nicht wirklich, weil mit dem Begriff nicht gemeint ist, sich sozial voneinander zu entfernen. „Distancing“ ist ein Vorgang, bei dem Abstand das Ziel ist.
Bei Entlehnungen geht oft die ursprüngliche Bedeutung verloren, oder es gibt die sogenannten Pseudoanglizismen: Wörter, die so tun, als seien sie aus dem Englischen. Das bekannteste Beispiel – außerhalb der Corona-Pandemie – ist das Handy, das im englischsprachigen Ausland ein „mobile phone“ oder „cell phone“ ist. Heute ist jeder vierte Berufstätige in Freizeitkleidung im Homeoffice, was auch so ein Fake-Lehnwort ist und nur so tut, als ob.
In England ist das Homeoffice nicht das Büro in den eigenen vier Wänden am Küchentisch, sondern das Innenministerium. Die Deutschen bilden aus Heim und Büro das Homeoffice, was eher nach Arbeitsoutfit als nach Jogginghosen klingt. „Entlehnungen sind nicht so häufig, sie werden nur häufig verwendet“, sagt die Sprachwissenschaftlerin Klosa-Kückelhaus und nimmt damit allen den Wind aus den Segeln, die eine Verfremdung der deutschen Sprache befürchten: „Die Zahl der deutschen Bildungen ist höher.“
Und englisch entlehnte Wörter wie etwa Lockdown werden fleißig durch das Deutsche ausdifferenziert und abgeleitet, wie beispielsweise der Lockdowner, der ein Politiker ist, der immer wieder auf den Lockdown drängt. Markus Söder wurde schon als „Seuchensheriff“ bezeichnet. Überhaupt: Politikerinnen und Politiker setzen gekonnt auf die richtigen Begrifflichkeiten. Auf das Wort „Corona-Tsunami“, das auch nicht ganz passt, wurde bislang verzichtet. Wahrscheinlich auch, weil so viele schlimme Erinnerungen an die zerstörerische Welle von 2004 hochgespült werden würden. Angela Merkel, für ihre ansonsten neutrale, sachliche Ausdrucksweise bekannt, überraschte mit dem Kompositum „Öffnungsdiskussionsorgie“.
Die Sprache in der Politik ist spannend zu beobachten. Emotionen werden durch die Wortwahl gesteuert. So klingt „Lockdown light“ eher sanft nach einem Quark aus dem Kühlregal als nach dem, was es in Wahrheit ist: ein partieller Lockdown.
Ein eigenes, weites Feld sind die Verordnungen der Behörden: Sind die alle verständlich? Oft nicht, viele sind überfordert. Dabei sollte es darum gehen, vielen Menschen klarzumachen, was für Regeln gelten. Keine exklusiv sprachwissenschaftliche Einsicht ist es, dass man Worte sensibel wählt, dass man nicht verletzend ist und verstanden wird.
Selbst die Corona-Pandemie sollte man manchmal mit Humor nehmen und sich an einem Wochenende, an dem man eine Serie „bingt“ (sprich: binscht), also viele Folgen einer Serie am Stück glotzt, einen Quarantini gönnen. Spannend sind die neuen Worte allemal. „Corona hat gar einen Wohlklang mit den Vokalen und weil das Wort auf a endet, obwohl die Sache natürlich nicht schön ist“, so Klosa-Kückelhaus. Einer ihrer Favoriten, weil sie eine Vorliebe fürs Reimende hat, ist „Geistermeister“, was aber eventuell auch mit ihrem Lieblingsverein zu tun hat. Und „Coronachten“ zu erleben, dieses Weihnachten, ohne die Lieben zu sehen, fand sie nicht schön, aber die Bildung des verschmolzenen Kunstworts durchaus kreativ.
„Impfneid“ etwa, einer der jüngsten Neuzugänge im Online-Corona-Pandemie-Wörterbuch, überrascht mit einer Verbindung, die man so noch nicht kannte: Wer war schon auf den Pikser mit einer Nadel neidisch? Doch welches der Wörter ist gekommen, um zu bleiben? Hoffentlich nicht so viele. Mit Ende der Pandemie werden viele Komposita – wie etwa rund um den Mundschutz – verschwinden. Neulexeme rund ums digitale Arbeiten könnten auch im aktiven Wortschatz bleiben. Das Wort des Jahres war deshalb 2020 naheliegend und die Wahl ebenso vorhersehbar wie öde. In Deutschland wurde Corona-Pandemie gekürt. Unsere Nachbarn in Österreich waren da etwas kreativer: „Babyelefant“ wurde das Wort des Jahres, weil es für den durch Corona bedingten Mindestabstand steht.