Papst Franziskus Ein missionarischer Wirbelwind

Papst Franziskus hat in den bisher neun Monaten seines Pontifikats ein ganz neues Amtsverständnis vorgelebt. Foto: AFP
Papst Franziskus hat in den bisher neun Monaten seines Pontifikats ein ganz neues Amtsverständnis vorgelebt. Foto: AFP

Seit März 2013 ist Papst Franziskus im Amt. Es sind stürmische Zeiten – auch für die Kirche in Deutschland, analysiert Vatikan-Korrespondent Paul Kreiner.

Korrespondenten: Paul Kreiner (pk)
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Stuttgart - Er hat das Format zum Papst. ­Es ist ein gutes Zeichen, dass der Neue ganz anders ist, als ich ihn mir vorgestellt habe.“ In so vollendeter Dialektik kommentierte der Kölner Kardinal Joachim Meisner noch am Abend des 13. März die Wahl des argentinischen Erzbischofs Jorge Mario Bergoglio zum Nachfolger Benedikts XVI. In der Tat hat die katholische Kirche seit jenem Tag einen Tabubruch nach dem anderen erlebt.

Dieser Jorge Mario Bergoglio, Erzbischof von Buenos Aires, hatte schon während der Reformdebatten der Kardinalsvollversammlung vor der Papstwahl viel frischen Wind verbreitet. Der erste Jesuit auf dem Papstthron griff auch gleich zu einem Namen, den sich noch keiner seiner gut 260 Vorgänger gegeben hatte: Franziskus. Dann trat er auf die Loggia des Petersdoms in einfacher, weißer Kutte. Das ihm zurechtgelegte Goldkreuz und der rote, hermelinbesetzte Schulterumhang blieben im Fundus. Am Gründonnerstag verlegte Franziskus einen der Hauptgottesdienste des Kirchenjahres in eine Jugendstrafanstalt. Und er wusch nicht Klerikern als fiktiven Armen die Füße, sondern realen Häftlingen, darunter – hört, hört – zwei Frauen.

Dann ging es Schlag auf Schlag: Franziskus umging systematisch die Kurie, indem er zu deren Generalreform einen Kardinalsrat aus aller Welt zusammenholte und – in seinem eigenen Regierungszentrum im Vatikanhotel „Zur ­Heiligen Martha“ – praktisch alle Entscheidungen an sich zog. Um Zustand und Zukunft der Vatikanbank zu prüfen, setzte er ebenso eine Grundsatzkommission mit Experten von außen ein wie zur kirchlichen Geld- und Gutsverwaltung.

Alles steht seither auf dem Prüfstand, und so mancher im Vatikan nennt es „Psychostress“. So war „Evangelii Gaudium“ vom 26. November nur als „Schreiben im Nachgang zur Bischofssynode 2012“ angekündigt; dass es eine wuchtige, programmatische „Enzyklika“ geworden ist, sahen alle erst im Moment der Veröffentlichung. Und da steht alles drin: Die Ablehnung einer Kirche, die sich nur mit sich selbst beschäftigt; das Bekenntnis zu einer „pastoralen Umkehr von Papsttum und zentralen Kirchenstrukturen“; die Fundamentalkritik am heutigen Kapitalismus: „Diese Wirtschaft tötet.“

Erstmals soll die Kirchenbasis gehört werden

Der jüngste Tabubruch bestand darin, dass die Bischofssynode zur Vorbereitung ihrer für 2014 geplanten Tagung zu Ehe und Sexualmoral einen „Fragebogen“ in ­alle Welt schickte und den Bischöfen ­erstmals einschärfte, sie sollten nicht im stillen Kämmerlein beantworten, wie es um Lehre und Leben in den Gemeinden stehe, sondern vielmehr die realen Gläubigen reden lassen: „die Basis“. Dieses Wort hat man vorher noch nie gehört. (Siehe unten stehendenden Artikel.)

Aber auch ein Franziskus stand und steht unter dem Druck der Kurie. Dass er vom ersten Moment an die Feierlichkeit bei seinen Auftritten vermindert hat, gemessen an jener Über-Ästhetisierung, die unter Benedikt XVI. eingezogen war; dass er schon vom zweiten Tag an die praktisch nur mehr aus Spitze bestehenden Chorröcke seiner Gottesdienst-Assistenten in die Sakristei zurückverwiesen hat; dass er bei der Messe nie singt (weil er unmusikalisch ist) und am Altar die Kniebeugen vermeidet (weil das die Glieder nicht mehr mitmachen) – das kreiden ihm die auf Schöngeistigkeit und optische Korrektheit gepolten Zeremonien-Regenten an. Oder, wie es ein hochgestellter Monsignore formuliert: „Da wird unter dem Vorwand der Armut an Textil gespart. Da wirft Franziskus viel über Jahrhunderte gewachsene Erfahrung weg. Übermorgen werden wir das bereuen.“

Franziskus hat keinerlei Berührungsängste

So mancher klerikale Beamte beklagt, wie „seelenlos“ der Vatikan geworden sei, wie „abgewertet“ man sich dort fühle. Und – „klar, er ist der Papst“ – sei es denn wirklich nötig gewesen, zur Kurienreform einen Kardinalsrat aus aller Welt zusammenzutrommeln, „wo doch nur ein einziger von jenen acht aus eigener Erfahrung weiß, wie es im Vatikan zugeht?“ Auch deshalb hat Franziskus darauf geachtet, gegenüber dem Apparat nicht in die Einsamkeitsfalle zu tappen. Er will sich nicht in die Isolation des „Appartamento“ und ins Korsett „amtlich verpflichtender“ Termine einschließen lassen. Bei seinen Reformplänen für Kurie und Kirche, Vatikanbank und Güterverwaltung betont er, dass er einem Auftrag aus dem Konklave nachkomme.

Zusätzlich hat sich Franziskus im gläubigen – oder einfach nur faszinierten – Volk einen Rückhalt gesichert, wie ihn seit dem Erneuerer Johannes XXIII. vor einem halben Jahrhundert kein Papst mehr hatte. Er ist nicht nur viel häufiger präsent als Benedikt XVI.; aus einem Lächeln gegenüber dem Volk ist nun auch Berührung geworden, Hautkontakt – etwa wenn Franziskus auf dem Petersplatz einen Kranken küsst, der voller Geschwüre ist. Den Rechtgläubigen, die Angst haben, der Neue könnte das Gebäude katholischer Lehre unterminieren, entgegnet etwa der Regensburger Theologe Stefan Ahrens: „Franziskus nimmt von der Lehre der Kirche nichts weg, sondern fügt sich selbst hinzu.“ Und im Vatikan sehen sich sogar Skeptiker gedrängt, dem Kardinal Walter Kasper Recht zu geben. Dieser sagte am Tag nach Bergoglios Wahl: „Er wird die Asche, die sich über die Glut des Evangeliums gelegt hat, wegräumen und durch seinen Stil die Botschaft Jesu von der Barmherzigkeit zum Leuchten bringen.“

Das genau ist es, was dieser 77jährige Wirbelwind will. Franziskus will, dass die erstarrte Kirche in Bewegung gerät. Sie soll aufbrechen „zu den Peripherien der Städte und der menschlichen Existenz“, und sich „in einen Zustand permanenter Mission versetzen.“ Jenseits aller theologisch-theoretischen Worte will Franziskus mitreißen mit dem, was er vorlebt. Zu seinem Geburtstagsfrühstück am 17. Dezember lud er drei Penner von der Straße ein. Die Hirten müssten nach ihren Schafen riechen, hat er gesagt. Da roch’s dann tatsächlich, mitten im Vatikan.

In deutschen Bistümern werden plötzlich Finanzen offengelegt

Franziskus hat Zeichen gesetzt. Aber was konkret ist daraus geworden? Da fällt die Antwort schon schwerer. Vorerst bleiben Widersprüche. Ausgerechnet der Papst, der weg will von der kirchlichen Nabelschau, hat alle Blicke auf sich gezogen mit seiner raffinierten Medienpräsenz. Er geht voran, lebt vor – aber weil die anderen noch nicht auf seinem Stand sind, weil sich die Revolution bisher nicht in der katholischen Fläche ausgebreitet hat, ragt der Papst als einsame Spitze weiterhin heraus. Zudem ist anstatt der verlangten „heilsamen Dezentralisierung“ und der „stärkeren Kollegialität der Bischöfe“ der gegenteilige Effekt eingetreten: Die Ortskirchen richten ihre Blicke allesamt nach Rom. Und weil die Kurie zuletzt faktisch nichts mehr zu sagen hatte, sind sämtliche Entscheidungen in Franziskus’ Hotelsuite gefallen. Es spricht aber alles dafür, dass es sich um ein Übergangsstadium handelt. In Pietro Parolin, dem neuen Kardinalstaatssekretär, hat die Kurie nun endlich einen Chef; der Apparat läuft wieder an. Nicht zuletzt hat Franziskus bis heute so manche theologische Klärung vermissen lassen. Dass er die „Barmherzigkeit Gottes“ als sein Hauptmotto predigt, hat viele offenbar verfrühte Reformhoffnungen geweckt.

Welche Auswirkungen hat Franziskus auf Deutschland? Der Wunsch dieses Papstes – „ach wie sehr wollte ich eine arme Kirche!“ – und die mehr als 30 Millionen Euro, die der Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst für seine Residenz ausgegeben hat, waren und bleiben der Widerspruch des ersten Papst-Jahres. ­Anders herum: Ohne Franziskus wäre der Limburger Skandal ein regionaler geblieben. Bei Franziskus haben Wort und Beispiel – so sagt es der deutsche Caritas-Präsident, Peter Neher – „die Fragen an uns selbst radikalisiert“. Bistümer legen auf einmal Vermögensverhältnisse offen, die selbst die eigenen Kämmerer bisweilen nur in Umrissen kannten. Der Fahrzeugpark wird da und dort auf Mittelklasse zurückgefahren; Bischöfe ersetzen goldene Brustkreuze durch silberne. Die Lage für manche Bischöfe ist ungemütlich geworden: Konnten sie vieles, was die Gläubigen bisher an Unmut über die Kirche an sie herantrugen, auf „Rom“ abwälzen, so verlieren sie mit diesem Papst und seiner Kurienreform die Buhmänner.

Nähere Auswirkungen auf die Kirche in Deutschland wird man in den kommenden Monaten sehen. Es sind auf einmal so viele und so wichtige Bischofssitze neu zu vergeben: Köln und Mainz vor allem, dann Hamburg und Freiburg, Erfurt, Passau. Limburg wahrscheinlich auch, weil Tebartz-van Elst kaum wiederkehrt.




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