Alles muss perfekt sein? Wenn die Suche nach Perfektion in die Depression treibt

Perfektionismus führt zu Überlastung am Arbeitsplatz und im Privaten. Foto: Unsplash/Elisa Ventur

Perfektionist:innen wollen die Besten sein. Die ewige Suche nach Perfektion belastet Betroffene und kostet Kraft. Burn-out und Depression sind oft die Folge. Der Stuttgarter Diplompsychologe Oliviero Lombardi erklärt Ursprünge und gibt Tipps. [Plus-Archiv]

Sie brillieren im Job, schmeißen eindrucksvolle Partys und sind dabei gewissenhaft und engagiert. Hinter der Fassade lauert jedoch oft ein angeschlagenes Selbstwertgefühl, welches Betroffene in die Enge treibt.

 

Menschen mit perfektionischen Tendenzen kennt fast jede:r. Mit Hochleistungen beeindrucken sie Ihr Umfeld. Sie quälen sich zum Erfolg, können diesen aber kaum genießen, denn das nächste Versagen muss dringlich abgewendet werden. Was tun, wenn der Dauerstress einen auslaugt, die Minderwertigkeitsgefühle an der Tür klopfen und die Stimmung kippt. Diplompsychologe Oliviero Lombardi erklärt, woher die Persönlichkeitstendenz stammt, wieso Perfektion nicht glücklich macht und wie Betroffene sanfter zu sich selbst sein können.

Macht Perfektion glücklich? Wenn nein, warum dann nicht einfach lockerlassen?

Für diejenigen, die zu Perfektionismus neigen, scheint Perfektion zunächst glücklich zu machen. Sie versuchen perfekt zu sein, fühlen sich kurzfristig besser und erlangen teils auch Zufriedenheit. Man fühlt sich kaum angreifbar, richtig und erfolgreich. Tatsächlich macht Perfektion mittelfristig aber nicht glücklich. Glücklich macht nur Authentizität - zu sich selbst stehen, egal ob perfekt oder nicht perfekt.

Wann wird Perfektionismus krankhaft?

Perfektion ist dann krankhaft, wenn Sie unser Leben einschränkt. Wenn man beispielsweise auf der Arbeit nur sehr langsam vorankommt, weil man Dinge so lange bearbeitet bis sie einem perfekt erscheinen. Das nimmt Kraft, Energie und macht Stress. Krank macht am Ende auch, dass eine objektive „Perfektion“ nie erreicht werden kann. Das Streben nach Perfektion führt deswegen letztendlich zu Unzufriedenheit, insbesondere mit sich selbst.

Gibt es unterschiedliche Arten wie sich Perfektionismus im Alltag zeigen kann?

Bei Perfektionist:innen zeigt sich diese Tendenz in jedem Aspekt ihres Lebens, da sie ein Teil ihrer Persönlichkeitsstruktur ist. Dennoch gibt es Paradebeispiele, in denen der Perfektionismus besonders ausgelebt wird, wie im Streben nach Selbstoptimierung. Es wird alles daran gesetzt, das perfekte Aussehen oder den perfekten Körper zu erreichen. Ein weiterer Klassiker ist das Streben nach Perfektion im Arbeitsleben. Für viele ist die Arbeit der Anker im Leben. Mit dem Beruf wird sich identifiziert und teils auch Selbstwertgefühl generiert. Dies ist jedoch nur ein Kompensationsversuch, um das eigene Minderwertigkeitsgefühl zu mildern.

Gut ankommen gefällt doch jedem, oder? Was unterscheidet Perfektionist:innen in dieser Hinsicht von der Durchschnittsbevölkerung?

Perfektionist:innen sind abhängig davon, gut anzukommen. Ihnen fehlt es an Souveränität, welche es braucht, um sich wohlzufühlen, auch wenn man nicht perfekt ist.

Wie nah liegen Perfektionismus und Zwangsstörung beieinander?

Perfektionismus und Zwangsstörungen haben durchaus miteinander zu tun. Beiden liegt eine Unsicherheitsstörung zugrunde. Im ausgeprägten Perfektionismus neigen Betroffene dazu, zwanghaft Handlungen durchzuführen, welche die scheinbare Perfektion erzielen sollen. Ein zwanghaftes Putzen ist beispielsweise ein Versuch den „perfekt“ sauberen Haushalt aufrechtzuerhalten.

Welche Glaubenssätze oder frühkindlichen Erfahrungen machen Perfektionist:innen aus?

Ganz typisch sind Glaubenssätze wie „nur, wenn ich perfekt bin, bin ich liebenswert“. Manchmal fungiert der Perfektionismus auch als Selbstschutz vor Angriffen. Beispielsweise dann, wenn Eltern nur mit der Schulnote eins zufrieden sind und sonst sauer werden. Möglich ist aber genauso, dass die eigenen Eltern den Perfektionismus vorgelebt haben. Kinder lernen am Modell und nehmen dieses erst einmal so für richtig und wichtig an. Sie schauen sich den Perfektionismus also von Ihren Eltern ab.

Sind Betroffene besonders prädestiniert für Burn-out oder Depression und wenn ja, warum?

Perfektionismus ist anstrengend. Wird er im Arbeitsleben langfristig ausgelebt, kann das durchaus zu einem Burn-out führen. Aber auch Depressionen können aus der Erkenntnis resultieren, dass eine Perfektion doch nicht erreicht werden kann.

Wie sich selbst und anderen gegenüber gnädiger sein? Was sind konkrete Erste-Hilfe-Tipps zum Runterkommen?

Bestehende Glaubenssätze können durch neue Glaubenssätze verändert und überschrieben werden. Diese kann man sich antrainieren und im Tagesablauf immer wieder als Reminder einbauen. Ein Beispiel wäre „ich bin gut genug, ich mache genug und ich kann genug!“

Außerdem kann man üben, gnädiger mit sich selbst umzugehen, indem man lernt, sich in seiner Gänze anzunehmen. Vor allem auch den Anteil, der nicht perfekt ist. Dazu ist es notwendig, über das innere Kind sein Selbstwertgefühl zu stärken. So kann die Abhängigkeit vom Perfektionismus gelöst werden. Das geht mit therapeutischer Begleitung sehr gut.

Wie schaffen es Perfektionist:innen, effizienter Entscheidungen zu treffen und weniger zu prokrastinieren?

Das geht nur über die Veränderung der Psychostruktur und dem Loslassen des Perfektionismus. Es ist wichtig, den Mut zu entwickeln, um Entscheidungen zu treffen, auch wenn diese vielleicht nicht nur positive Konsequenzen haben. Denn es gibt nie die Sicherheit, dass eine Entscheidung zu 100 Prozent richtig ist.

Genauso verhält es sich mit dem Prokrastinieren, auch hier muss an der Ursache gearbeitet werden, die für das Aufschieben verantwortlich ist. Häufig stecken depressive Züge oder die Angst, Fehler zu machen dahinter.

Hier geht es zur Homepage von Oliviero Lombardi

Weitere Themen