Perry-Rhodan-Fantreffen Verloren im Perryversum

Band 3000 der „Perry Rhodan“-Reihe ist seit Freitag auf dem Markt. Die Science-Fiction-Serie zählt insgesamt 180 000 Druckseiten. Foto: Stefan Heigl (4), privat

„Perry Rhodan“ ist mit insgesamt 180 000 Seiten das größte Weltraum-Epos aller Zeiten. Manche seiner Fans scheinen selbst in einem anderen Kosmos zu leben – zum Beispiel der Tübinger Jack Jäckle.

Böblingen : Ulrich Stolte (uls)

München/Tübingen - Vor zwei Jahren war der Tübinger Gitarrist und „Perry Rhodan“-Fan Jack Jäckle ganz unten angekommen. Von seiner Band hatte er sich längst im Streit verabschiedet, es kam kaum noch Geld rein. Einer wie er lebt nicht von Hartz IV – nicht, wenn man aus dem ehrbaren katholischen Riedlingen stammt.

 

Zu diesem Zeitpunkt, mit 60 Jahren, fasste er den Entschluss, sich umzubringen. Mit seinem letzten Geld würde er nach Koh Chang reisen, auf der thailändischen Ferieninsel hatte er jahrelang im Winter für Touristen gespielt. Dort würde er seine letzte Kurmark rauchen, per E-Mail alle seine Freunde um Verzeihung bitten für den Schmerz, den er ihnen antun musste – und dann möglichst geräuschlos verschwinden. Nur eine Kleinigkeit hatte er bei diesem Plan zunächst nicht bedacht: Er würde nicht erfahren, wie der aktuelle „Perry Rhodan“-Zyklus ausgeht. Und es gab nur einen, der es wusste.

Christian Montillon verfasst zusammen mit Wim Vandemaan die Exposés der Heftroman-Serie, die es seit 1961 gibt und der Fans wie Jack Jäckle über Jahrzehnte die Treue halten. Soeben ist der Band 3000 erschienen. Zur Feier gibt es ein Fantreffen im Münchner Literaturhaus, 300 Leser und viele Autoren sind am Salvatorplatz zusammengekommen. Natürlich hätte niemand die längste Science-Fiction-Reihe der Menschheitsgeschichte geschrieben, hätte es nicht Leute gegeben, die sie die letzten 57 Jahre gelesen hätten. Christian Montillon mit grünem T-Shirt und Basecap lehnt an der Wand „Ich habe viel Schräges erlebt“, erzählt er, „aber die Begegnung mit Jack Jäckle war das Schrägste.“

Manche Hefte sind Weltliteratur, manche Schrott

Jack Jäckles Problem war vor zwei Jahren also herauszufinden, wie der Zyklus enden wird. Würde Perry Rhodan den Zeitriss schließen können? Würden die Tiuphoren die Milchstraße erobern? Konnte die Menschheit die Jen-zeitigen Lande erreichen? Jäckle mailte Christian Montillon und behauptete, ein nicht operabler Gehirntumor ließe ihm nur noch vier Monate Zeit. Und weil Christian Montillon ein empathischer Zeitgenosse ist und zudem schwäbische Verwandtschaft hat, die er mal wieder besuchen wollte, verabredete er sich mit Jäckle im Da Giovanni in Tübingen – und verriet ihm das Ende des Zyklus. Nun konnte Jack Jäckle endlich nach Thailand fliegen, um zu sterben.

Die „Perry Rhodan“-Serie ist das größte Epos, das die Menschheit erschaffen hat. Sie ist nun 180 000 Druckseiten dick und erzählt in einer fortlaufenden Geschichte den Aufbruch der Menschheit zu den Sternen und ihre Suche nach einem Platz zwischen den Mächten des Kosmos. Manche Hefte sind Weltliteratur, manche Schrott. Spannend sind sie immer. Wer es schafft, täglich 500 Seiten zu lesen, braucht etwa ein Jahr, bis er die ganze Serie durchhat.

Montillons erstes Heft war „Solo für einen Androiden“, Band 928. Er wurde vom Fan zum Autoren und vom Autoren zum Exposé-Autor. Aus diesen Exposés erarbeitet ein Team von elf Autoren die Romane. Jedes Heft beschreibt ein Abenteuer, meist 100 Hefte bilden eine Rahmenhandlung, einen Romanzyklus. Diese Zyklen bauen seit 1961 aufeinander auf. Die Gründergeneration der Autoren ist längst gestorben. Sie hat aber ein unglaublich vielschichtiges Universum, das Perryversum, mit allerhand skurrilen Figuren geschaffen.

Fingerring wie eine Panzersperre

Für Christian Montillon lässt sich die Hauptfigur schwer charakterisieren. „Man muss viel an Perry Rhodan unbestimmt lassen, damit sich möglichst viele Leser mit ihm identifizieren können.“ Für Außenstehende wirkt es vielleicht etwas merkwürdig, aber Tatsache ist: Die Titelfigur Perry Rhodan kommt selbst bloß in recht wenigen Romanen der Serie vor.

„Manche sagen, ich sollte das R in meinem Namen weglassen.“ Die gesprächige Autorin Susan Schwartz trägt einen Ring am linken Mittelfinger, den man zur Not auch als Panzersperre benutzen könnte, knallrote Haare und einen schwarzen Anzug. Ihr Ring zeigt das Weltraummonster Alien. Schwartz war 15, als sie ihr erstes „Perry Rhodan“-Heft las, und als sie ihr erstes Heft schrieb, ging ein Traum für sie in Erfüllung. Leben können allerdings weder sie noch die anderen Autoren von diesem Traum. So schreibt Christian Montillon nebenher für die Jugendbuch-Reihe „Die drei Fragezeichen“. Susan Schwartz, die im wahren Leben Uschi Zietsch heißt, verfasst unter mehreren Pseudonymen Fantasy-Romane.

Es gab Jahre in Jack Jäckles Leben, da lief es richtig gut für den Tübinger. Seine Band Jackpot war rund um Stuttgart bekannt, er hatte genügend Auftritte. Nach den Probeabenden, vor dem Schlafengehen, las er noch ein „Perry Rhodan“-Heft und dachte über das Universum nach. Was war der Sinn? Wie hing alles zusammen? Jack Jäckle liebte die kosmische Komponente der Serie: Das „Perry Rhodan“-Universum wird von Superintelligenzen bevölkert, die aus geistigen Substanzen bestehen, über ihnen stehen die verfeindeten Kosmokraten und Chaotarchen, ein moralischer Code durchzieht das All, der die Geschicke des Universums bestimmt. Die Paralleluniversen lassen wir mal weg.

Der ideale Perry-Rhodan-Redakteur

Christian Montillon und Wim Vandemaan haben die Serie bis etwa Band 3300 vorgeplant. Die grobe Handlung legt die Autorenkonferenz fest, die Koordination beim VPM-Verlag in Rastatt liegt beim Redakteur Klaus N. Frick. Klaus N. Frick, gebürtiger Freudenstädter, arbeitete für die „Neckar-Chronik“ in Horb, gab Fan-Magazine heraus, stürzte sich in Abenteuerurlaube, die er anschließend in Buchform beschrieb, besuchte 30 Jahre lang jedes Punkkonzert zwischen Freudenstadt und Kiel und war somit der ideale Mann, um „Perry Rhodan“-Redakteur zur werden.

Am mutmaßlich letzten Tag im Leben des Jack Jäckle regnete es. Die Saison in Koh Chang war vorbei, die Musikerkollegen abgereist. Jäckle hatte sich in eine Situation manövriert, aus der es keinen Ausweg mehr gab. Er hatte sein Visum überzogen, würde dafür im thailändischen Knast landen, er war pleite, er hatte die letzten Mails verschickt – und hatte sich einen Grill besorgt, um an Kohlenmonoxid-Vergiftung zu sterben. Er entzündete die Kohlen, verbrannte sich die Finger, verdammter Alkohol, aber wer will schon nüchtern sterben? Er verstopfte die Ritzen der Bretterhütte, rauchte eine letzte Kurmark, wartete, bis er Lähmungserscheinungen spürte, legte sich auf den Boden auf zwei Kissen. Er wollte bequem sterben, so, wie er gelebt hatte.

In Jack Jäckles Jugend in den 60ern gab es unzählige Science-Fiction-Heftroman-Serien: „Ren Dark“, „Terra Astra“, die „Utopia“-Serien, „Raumschiff Promet“ et cetera. Das amerikanische Gewand all dieser Serien ist dem damaligen Zeitgeist geschuldet, doch die „Perry Rhodan“-Serie ist so deutsch wie ein Brühwürfel. Das Phänomen Heftromane ist geografisch auf Mitteleuropa beziehungsweise die Staaten des ehemaligen Österreich-Ungarn beschränkt. Entwickelt hat sich der Heftroman aus der kirchlichen Traktatliteratur. Die erste Science-Fiction-Heftroman-Serie der Welt erschien vor dem Ersten Weltkrieg, es war „Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff“. So alt wie der Heftroman ist auch die Abneigung des Bildungsbürgertums gegen diese Literaturform. Die „Perry Rhodan“-Serie wurde als „Schund“, als „Schmutz“, als „Jauche“ bezeichnet. Der Psychoanalytiker C. G. Jung verleumdete die Serie als faschistisch. Inzwischen sind alle anderen Science-Fiction-Heftroman-Serien eingestellt worden – aber „Perry Rhodan“ ist nicht tot zu kriegen.

Wer kennt die Antwort?

Als Jack Jäckle erwachte, war es hell. Jemand klopfte an die Tür. Durch irgendeine Ritze war das Kohlenmonoxid abgezogen. Der Mann, der beschlossen hatte zu sterben, weil es offenbar keinen Ausweg gab, musste feststellen, was sich durch die ganze „Perry Rhodan“-Serie zieht: Es gibt immer einen Ausweg. Um aus seiner Abschiebehaft herauszukommen, gaben ihm Freunde Geld für den Rückflug aus Thailand und eine Wohnung für den neuen Start.

Im Münchner Literaturhaus spürt man eine Aufbruchsstimmung. Der Bestseller-Autor Andreas Eschbach hat außerhalb der Reihe einen 850 Seiten langen Roman über Perry Rhodans Jugend verfasst, der nicht nur die etwa zehn Millionen Altleser in Deutschland ansprechen, sondern auch junge Leser hinzugewinnen soll.

Jack Jäckle sitzt in seinem zehn Quadratmeter großen Zimmer in Tübingen. Er hat das Fenster offen. Zigarettenrauch weht um sein zerklüftetes Gesicht wie die Staubschleier des Mars. Auf den Knien hat er seine Gitarre. Er macht Hausmeisterdienste, isst im Männerwohnheim für 1,50 Euro. Versucht, eine neue Band auf die Beine zu stellen. Seine Freunde fragen ihn; „Was ist jetzt anders, warum willst du wieder leben?“ Jack Jäckle sagt: „Ich weiß es nicht. Ich habe keine Antwort.“

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