Personal des VfB Stuttgart Der VfB sucht gleich zwei Spitzenkräfte

Thomas Krücken, den Nachwuchschef des VfB Stuttgart, zieht es nach England. Nun wird ein Nachfolger gesucht. Foto: Baumann/Hansjürgen Britsch

Aufgrund des bevorstehenden Abgangs von Thomas Krücken braucht der VfB einen neuen Nachwuchschef. Im Grunde ist diese Stellenbesetzung die Sache des künftigen Sportvorstandes, den es aber noch gar nicht gibt.

Sport: Carlos Ubina (cu)

Thomas Krücken hat schon immer gern über den fußballerischen Tellerrand hinausgeschaut. Zum Beispiel rüber zum Hockey oder Basketball. Zwei Mannschaftssportarten, die in ihrer Umsetzung von sportwissenschaftlichen Neuerungen seit Langem fortschrittlicher sind als der Fußball. Und als der Pädagoge mal bei Holger Geschwindner, dem Mentor der Basketballlegende Dirk Nowitzki, hospitierte, da bekam er immer wieder einen Satz zu hören: „Ihr Fußballer beherrscht nicht einmal euer Spielgerät.“

 

Krücken hat diese süffisante Kritik ernst genommen. Im Grunde diente sie ihm sogar als Inspiration für seinen Beruf. Denn er hat das Talentetraining stark individualisiert. Geleitet von seiner Vision des Fußballers 2024. Mit dieser Vorstellung, welche Fähigkeiten ein Bundesliga-Spieler der Zukunft in sich vereinen muss, ist Krücken 2019 beim VfB Stuttgart als Nachwuchschef angetreten.

Zuständig für die ganze City Football Group

Nun, vier Jahre später, geht er und schließt sich Manchester City an. Persönlich eine große Chance beim Champions-League-Sieger von Startrainer Pep Guardiola. Standort und Standard reizen – aufgrund der Herausforderung, für die gesamte City Football Group mit ihren vernetzten 13 Vereinen zuständig zu sein, und auch wegen der finanziellen Möglichkeiten. Die Früchte seiner Arbeit an der Mercedesstraße in Bad Cannstatt wird Krücken deshalb nicht mehr ernten. Eigengewächse auf Dauer in die Profimannschaft bringen. Jenen Spielertyp, den er immer vor seinem geistigen Auge gesehen hat: den Entscheider, der unter Zeitdruck auf engstem Raum weiß, was zu tun ist und die spielerische Lösung findet. Positionsbezogen, technisch und taktisch gut ausgebildet, mit der nötigen Athletik versehen.

Krückens Bild und das damit verbundene Konzept werden jedoch bleiben, da die Talententwicklung zur DNA des VfB gehört. Fortsetzen wird die Arbeit mit dem Team des Nachwuchsleistungszentrums (NLZ) ein anderer. Die Suche, in die auch das zuständige Präsidiumsmitglied Rainer Adrion eingebunden ist, läuft. Eine erste Kandidatenliste ist erstellt. Sie soll noch recht lang sein.

Rein formal eilt die Neubesetzung an der wichtigsten Schnittstelle im Verein nicht. Für Krücken, der als Direktor geführt wird, gilt eine sechsmonatige Kündigungsfrist. Seinen Job beim englischen Edelclub könnte er demnach erst im Februar nächsten Jahres antreten. Jetzt wird miteinander gesprochen. „Wir werden den Wechsel absolut fair und freundschaftlich gestalten und einen reibungslosen Übergang organisieren, der für alle Beteiligten sinnvoll und im Sinne unseres NLZ ist“, sagt der Vorstandsvorsitzende Alexander Wehrle.

Im Herbst scheint die Übergabe möglich, nach einer kurzen Einarbeitungszeit des Neuen durch Krücken. Das ist die Idealvorstellung. „Bis zu meinem endgültigen Wechsel werde ich wie bisher mein Bestes in unserem starken Team geben“, sagt Krücken, der seine Arbeit beim VfB zum einen enthusiastisch angegangen ist, zum anderen vieles verändert und zahlreiche Abläufe systematisiert hat. „Ich hatte beim VfB immer volle Gestaltungsfreiheit bei der Neuausrichtung unseres NLZ“, sagt der scheidende Nachwuchsexperte.

Es gab auch kontroverse Diskussionen

Kontroverse Diskussionen und Auseinandersetzungen sind dennoch nicht ausgeblieben. Sei es über die unterschiedlichen Einschätzungen der selbst ausgebildeten Talente oder in der Frage, wie die Arbeit der Stuttgarter Akademie wertgeschätzt wird. Kritik am Tun des 46-jährigen Krücken gab es ebenfalls. Denn der VfB tut sich schon lange schwer, dem eigenen Anspruch zu genügen. „Mit der Kraft der eigenen Jugend nach Europa“, heißt es in einem Leitspruch.

Doch beide Aspekte des schwäbischen Slogans entsprechen nicht der Realität. Mittelfristig soll sich daran etwas ändern, weshalb beim VfB eine strategische Kaderplanung installiert wurde. Krücken und der Sportdirektor Fabian Wohlgemuth haben sie zuletzt vorangetrieben – mit Blick auf die Spielzeiten 2024/2025 und 2025/2026. So soll es nicht mehr passieren, dass für viel Geld ein Ömer Beyaz aus der Türkei für das Mittelfeld verpflichtet wird, während in den eigenen Reihen Laurin Ulrich mit einem ähnlichen Profil heranreift.

Zwölf Millionen Euro im Jahr gibt der VfB für seine Jugendarbeit aus und will davon auch wieder in der Bundesliga profitieren, zunächst sportlich. Dafür soll der mit Krücken (zieht mit seiner Familie aus Heidelberg um) eingeschlagene Weg weiterverfolgt werden. Theoretisch. Praktisch sucht der VfB ja nicht nur einen NLZ-Leiter, sondern ebenso einen Sportvorstand. In dessen Zuständigkeit fällt eigentlich Krückens Nachfolgeregelung.

Nur hat der VfB noch keinen neuen Sportvorstand. Bislang liegt das Kernressort auf oberster Führungsebene zusätzlich bei Wehrle. Der AG-Boss plädiert jedoch dafür, den Posten anders zu besetzen – mit einem Strategen, der den Profi- und Nachwuchsbereich miteinander verknüpft und für gleichwertig erachtet. Der Aufsichtsrat folgt dieser Empfehlung. In den nächsten Wochen sollen Gespräche geführt werden, da aus der sogenannten Longlist eine Shortlist geworden ist.

Zu den Anwärtern zählt Wohlgemuth. Doch sollte der Sportdirektor aufrücken, braucht es wiederum jemanden, der für das Erstligateam der Stuttgarter zuständig ist. Plötzlich wären es dann zwei Leerstellen. Und bereits jetzt ist es so, dass der künftige Sportvorstand in die Entscheidung, wer auf Krücken folgt, eingebunden sein sollte. Was verdeutlicht, dass der VfB den neuen Sportchef im Grunde schon jetzt benötigt.

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