Die erste Phase dieser ungewöhnlich getakteten Saison ist seit über einer Woche vorbei, die USA-Reise des VfB Stuttgart geht an diesem Dienstag zu Ende. Zeit, sich zu entspannen? Von wegen! Wenn der Flieger mit dem Tross der Weiß-Roten am Dienstagvormittag in Frankfurt landet, beginnt lediglich für die Spieler der Urlaub.
Die Führung der VfB Stuttgart AG dagegen muss weit reichende Entscheidungen treffen, die, und das wurde auch in den USA deutlich, ein jeder im Club herbeisehnt. Ganz egal, wie sie am Ende ausfallen.
Aus Sicht vieler Beteiligter wurde vor allem die Antwort auf einer der zwei großen Zukunftsfragen viel zu lange hinausgezögert: „Bleibt Sven Mislintat Sportdirektor des VfB Stuttgart über den Sommer 2023 hinaus?“ Dann endet der Vertrag des streitbaren Westfalen – und längst ist klar, dass es innerhalb des Clubs zweierlei Fraktionen gibt. Pro Mislintat. Und für eine Zukunft ohne den Mann, der im Mai 2019 seinen Dienst an der Mercedesstraße angetreten hat.
Seitdem hat Sven Mislintat den VfB sportlich nach seinen Vorstellungen ausgerichtet. Zunächst im Verbund mit Thomas Hitzlsperger, der als damals Vorstandsvorsitzender des VfB dem 50-jährigen Kaderplaner per Vertragspapier vom Dezember 2020 weitreichende Kompetenzen eingeräumt hat. Ohne die Zustimmung Mislintats kann beim VfB keine sportliche Entscheidung fallen.
Die Kompetenzen als Knackpunkt
Das Vertragswerk wird der entscheidende Knackpunkt in den nun anstehenden Verhandlungen, bei denen nicht mehr Hitzlsperger, sondern dessen Nachfolger Alexander Wehrle der Gesprächspartner Mislintats ist. Der frühere Geschäftsführer des 1. FC Köln hat ins System Mislintat beim VfB bereits eingegriffen, in dem er eigene Berater (Sami Khedira und Philipp Lahm) installiert und Christian Gentner für 2023 als Leiter der Lizenzspielerabteilung verpflichtet hat. Immer wieder hat Wehrle betont, unter den neu geschaffenen Bedingungen für eine Zukunft mit Sven Mislintat offen zu sein, sonst würde er ja erst gar nicht verhandeln. Die Frage ist nun aber vor allem: Was bietet er dem bislang sehr starken Sportdirektor an? Kommt ein Vertragsentwurf auf den Tisch, den Mislinat gar nicht gut finden und folglich nicht annehmen kann?
Das vermuten einige Beobachter. Ob es so kommt, werden die kommenden Tage zeigen. Schnell nach der Rückkehr des VfB-Trosses (ohne Wehrle) aus den USA sollen die finalen Gespräche beginnen, soll ein Angebot vorgelegt werden. Von dem Sven Mislintat durchaus konkrete Vorstellungen hat. „Ich habe klare Gedanken und Themen, die ich besprechen möchte“, sagte er in Austin gegenüber unserer Redaktion, „als Sportdirektor hat man einen gewissen Kompetenz- und Verantwortungsbereich. Das wird Teil der Gespräche sein.“ Ihm sei auch weiter wichtig, „was ich beeinflussen kann“, sagte der 50-Jährige. Der noch einmal betonte: „Ich bin offen dafür, weiter für den VfB zu arbeiten.“
Glaube an die Zukunft der Mannschaft
In den Tagen von Austin wirkte der Mann, der gerne guten Whisky trinkt, ab und an gedankenverloren, fast wehmütig. Doch er versichert, Letzteres sei nicht der Fall gewesen. Dafür sei genug Zeit, sollte man sich tatsächlich nicht einigen. Was ihn emotional an den VfB bindet, ist vor allem die Überzeugung, dass die Investitionen in den Nachwuchs bald Früchte tragen, dass die Mannschaft, die er gebaut hat, ihre beste Zeit noch vor sich hat. Vorausgesetzt, sie wird nicht Jahr für Jahr durch den notwendigen Verkauf mehrerer Topspieler zurückgeworfen. Auch diese Perspektive möchte der Sportdirektor wohl aufgezeigt bekommen. Woran Sven Mislintat neben dem Team auch glaubt: an den Trainer Michael Wimmer.
Den betrifft die zweite anstehende Entscheidung. Nach dem Aus für Pellegrino Matarazzo übernahm dessen Assistent die Mannschaft. Dass er keinen externen Nachfolger präsentieren konnte und Wimmer erst ein, dann drei, dann sieben Spiele gewährte, schwächte Mislintats Position zunächst. Doch nun hat der Niederbayer Wimmer immerhin vier Heimsiege geholt, er kommt – das war auch in den USA zu sehen – bei der Mannschaft gut an, und er demonstriert neues Selbstvertrauen.
Michael Wimmer gibt sich selbstbewusst
„Es hat mit den Jungs sehr viel Spaß gemacht. Ich habe sie mit Begeisterung und Engagement im Training erlebt“, sagte Wimmer nach dem 4:2 im Test gegen den 1. FC Köln und zieht daraus den Schluss: „Die Truppe funktioniert, sie hat Lust, miteinander Fußball zu spielen. Also hat sie auch Lust, mit mir zu arbeiten.“ Der 42-Jährige betonte zudem erneut, wie viel Spaß ihm der Job als Chefcoach mache – der ohnehin sein mittelfristiges Ziel gewesen sei. Zwar gibt es auch die Möglichkeit, dass er bei einer Entscheidung für einen externen Kandidaten wieder ins zweite Glied rückt. Sehr wahrscheinlich ist das aber nicht. „Ich schließe nichts aus“, sagt er, „aber mein Ziel ist es, als Cheftrainer zu arbeiten.“
Bei Sven Mislintat, der Wimmer als eine „absolute Top-Alternative“ hält, ist die Lage ähnlich. Kommt es nicht zu einer Einigung über einen Vertrag nach Sommer 2023, könnte die Ära des früheren Dortmunders beim VfB schnell zu Ende gehen. Die Zukunft müssten dann andere planen – und auch schnell die Trainerfrage beantworten.
Die Zeit also drängt nach dem USA-Trip. Am 12. Dezember startet die Vorbereitung auf die zweite Saisonhälfte, bis spätestens dahin sollen beide Entscheidungen getroffen sein. Die angepeilte Reihenfolge sieht vor: Erst Klarheit auf der Position des Sportdirektors, danach auf der des Trainers.
Und danach: ein wenig Entspannung. Oder noch viel mehr Aufregung.