Tatsächlich besteht die Gefahr, dass das, was nun noch Entsetzen auslöst, zum Standard wird. Das Personal für Kitas fehlt überall. Sämtliche Beteiligten klingen angesichts der Situation beinahe verzweifelt. Auch wegen der Folgen für die Kinder.
In welchen Kitas drohen kürzere Öffnungszeiten?
Die Reduzierung des Angebots versucht jeder Träger zu vermeiden – aber ausschließen kann es niemand. Die Stadt Böblingen etwa, in deren 27 Kitas im August 17 Vollzeitstellen nicht besetzt waren, kommt nicht umhin, bei großen Engpässen vorübergehend Öffnungszeiten zu verkürzen. Die Stadt Stuttgart verzeichnet aktuell rund 280 offene Stellen, was einem Personalmangel im Kita-Bereich von zwölf Prozent entspricht. Wenn es nicht anders geht, wird dort die Betreuungszeit auf die Kernzeit von 8 bis 16 Uhr beschränkt. Auch andere Kommunen in der Region stehen unter Druck: Wenn offene Stellen, Krankheit und Urlaub aufeinander treffen, führt an kürzeren Öffnungszeiten kein Weg vorbei.
Warum ist die Situation in den Kitas so schlimm?
Die meisten Träger haben sich viel einfallen lassen, um mit speziellen Angeboten und Vergünstigungen als Arbeitgeber attraktiv zu sein. Trotzdem ist die Situation prekär geblieben. Wegen des demografischen Wandels gibt es grundsätzlich zu wenig junge Menschen, die sich für den Erzieherberuf entscheiden könnten. Und: Der Job ist zwar enorm wichtig, aber offenbar wenig attraktiv. Die Bewerbungszahlen auf offene Stellen seien auf einen Tiefstand gesunken, beklagt Catherina Gruß vom Stuttgarter Jugendamt, die sich „dringend ein besseres Image für den Beruf“ wünscht. Hinzu kommt, dass wegen neuer Rechtsansprüche – etwa in Bezug auf die Betreuung von Kleinkindern oder die Ganztagesbetreuung an Grundschulen –, gestiegene Geburtenzahlen und Zuwanderung der Bedarf an Personal kontinuierlich steigt.
Was bedeutet das für die Kinder?
In der Regel wird der Fachkräftemangel aus der Perspektive von Eltern beklagt, die um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf fürchten. Und von Arbeitgebern, die um die Verfügbarkeit ihrer Beschäftigten fürchten. Die Hauptbetroffenen jedoch, die sich noch nicht artikulieren können, sind die Kinder: In einer Studie des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) vom August haben 40 Prozent der Kitaleitungen angegeben, dass sie in mehr als einem Fünftel der Zeit wegen Personalunterdeckung ihrer Aufsichtspflicht nicht nachkommen können. Die Bildungsgewerkschaft GEW befürchtet, dass die Qualität der pädagogischen Arbeit nicht mehr gewährleistet werden kann.
Warum sind pädagogische Fachkräfte so wichtig für Kinder?
Die frühe Kindheit gilt als die bildungsintensivste Zeit, in dieser Phase eignen sich Kinder die Welt an. Nach dem Pisa-Schock wurde das Betreuungsangebot für Kleinkinder denn auch massiv ausgebaut. Essenziell sind dafür „feinfühlige, achtsame Erwachsene, die den Kindern zugewandt sind und sie beim Aneignen der Welt unterstützen“, sagt Regine Morys, Professorin für Kindheitspädagogik an der Hochschule Esslingen. Was für Laien gemütlich aussehen mag – etwa das Spiel im Sandkasten – erfordert hohe fachliche Kompetenz. Weil im Sandkasten nicht nur gespielt wird, sondern gelernt. Regeln zum Beispiel, Kommunikation, Zusammenhänge. Solche Schlüsselsituationen, sagt Morys, müssen vorbereitet und feinfühlig begleitet werden. „Wenn genügend gut ausgebildete Fachkräfte da sind, kann man davon ausgehen, dass nachhaltige Bildungsprozesse stattfinden“, sagt die Erziehungswissenschaftlerin. Die Kinder fühlten sich dann sicher, angenommen und anerkannt – und könnten sich gut entwickeln.
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Insofern kann Susanne Hofmann der drastischen Einschränkung an den Ludwigsburger Kitas sogar etwas abgewinnen: „Dann werden die Kinder nicht nur verwahrt, sondern betreut und gebildet“, sagt die Elternbeiratsvorsitzende, deren jüngstes Kind zuletzt manchmal nicht mal mehr wusste, wie seine Erzieherin heißt – so viele Wechsel gab es.
Kann der Mangel beseitigt werden?
Seit die Dimension des Problems erkannt wurde, hat sich einiges getan. Unter anderem hat das Land die Ausbildungskapazität an den Fachschulen für Sozialpädagogik erhöht und eine neue Ausbildungsform eingeführt: Anders als beim klassischen Werdegang zur Kita-Fachkraft bekommen die Auszubildenden bei der praxisintegrierten Erzieherausbildung (Pia) vom ersten Lehrtag an eine Vergütung. Dieses Modell soll auch auf die Ausbildung zum Kinderpfleger übertragen werden, um so mehr Hauptschüler oder Quereinsteiger anzusprechen. Außerdem wurden Bachelor-Studiengänge für Kindheitspädagogik eingerichtet. Und Kitas haben einen größeren Spielraum bei der Einstellung von pädagogischem Personal bekommen, sodass der Pool an Fachkräften de facto vergrößert wurde.
Trotzdem ist der Mangel nicht beseitigt. Alle Beteiligten sind sich einig, dass es schnelle Lösungen in diesem Bereich nicht gibt, aber durchaus Verbesserungsmöglichkeiten: Waiblingens Erste Bürgermeistern Christiane Dürr etwa fordert auch für die klassische Erzieherausbildung eine Ausbildungsvergütung vom ersten Tag an, statt wie bisher nur im letzten Jahr. Der Kommunalverband für Jugend und Soziales (KVJS) wiederum verlangt den Ausbau des Angebots an den Hochschulen, wo es deutlich mehr Interessenten als Studienplätze gebe. Und aus Sicht der Stadt Stuttgart wäre schon etwas gewonnen, wenn ausländische Abschlüsse schneller anerkannt würden.
Können sich Eltern Hoffnung machen?
Kurzfristig nicht. Laut einer aktuellen Studie der Bertelsmann-Stiftung treten in Baden-Württemberg bis 2030 zwar rund 36 000 Menschen in den Kita-Beruf ein. Doch um in allen Einrichtungen eine kindgerechte Personalausstattung nach wissenschaftlichen Empfehlungen sowie ausreichend Plätze zu sichern, würden mehr als 33 000 weitere Erzieherinnen und Erzieher benötigt. „Diese Lücke ist bis 2030 weder durch die Aufstockung der Ausbildungskapazitäten zu schließen, noch lassen sich bis dahin genügend Quereinsteiger gewinnen und pädagogisch qualifizieren“, heißt es in der Studie. Die Stadt Stuttgart, in deren Kitas wegen des Personalmangels rund 1200 Plätze nicht belegt werden können, hat deshalb einen ganz speziellen Wunsch: Die Einführung von Rechtsansprüchen sollte immer auch mit Blick auf die konkrete Umsetzbarkeit an der Basis erfolgen, betont das Rathaus.