Peter Glaser blickt in die Kristallkugel Der Riesenrest

Von Peter Glaser 

Eine entscheidende Rolle bei der Anpassung des Menschen an neue Technologien spielt Zeit. Doch heutzutage verlangt das jeweils neueste digitale Projekt von der Gesellschaft um jeden Preis sofort übernommen zu werden.

Technische Gadgets wie Smartphones haben sich in unser Leben eingeschlichen wie niedliche Tiere. Foto: dpa
Technische Gadgets wie Smartphones haben sich in unser Leben eingeschlichen wie niedliche Tiere. Foto: dpa

Stuttgart - Hier geht es in Zukunft um die Zukunft. Das StZ-Hausorakel Peter Glaser befragt einmal die Woche die Kristallkugel nach dem, was morgen oder übermorgen sein wird – und manchmal auch nach der Zukunft von gestern. Dazu als Bonus: der Tweet der Woche!

Digitale Gerätschaft und Gadgets haben sich in unser Leben eingeschlichen wie niedliche Tiere. Standen Telefone früher im kalten Flur, kuscheln sich heute Smartphones in der Jackentasche an uns und begleiten uns überallhin. Wir haben uns mit den Maschinen angefreundet. Diese Nähe nimmt dem Erstaunen seinen funkelnden Reiz, technische Wunder sind inzwischen ganz gewöhnlich. Von etwas Neuem fasziniert zu sein, ist ohnehin nicht fortwährend möglich. Früher haben Kunst und Magie die Menschen in Erstaunen versetzt, heute sind es Technik und Wissenschaft.

Jünglingsphantasien

Der Kulturwissenschaftler Lewis Mumford, der Anfang des 20. Jahrhunderts in New York aufwuchs, beschrieb den rätselhaften Kern dieser Faszination – die pure Begeisterung an der Technik: „In meiner Jugend las ich ,Modern Electrics‘, und die neuen Mittel der drahtlosen Kommunikation nahmen meine Jünglingsphantasie gefangen. Nachdem ich meinen ersten Radioapparat zusammengebastelt hatte, war ich hocherfreut, als ich tatsächlich Botschaften von nahe gelegenen Stationen empfing, und ich fuhr fort, mit neuen Geräten und Anschlüssen zu experimentieren, um noch lautere Botschaften von weiter entfernten Sendestationen zu empfangen. Aber ich machte mir nie die Mühe, das Morsealphabet zu lernen oder zu verstehen, was ich da hörte.” Hauptsache, das Gerät läuft.

Eine entscheidende Rolle bei der Anpassung des Menschen an neue Technologien spielt Zeit. Eine gewisse Gelassenheit beim Lernen. Niemand läßt sich gern panisch machen, er würde den Anschluss an die Zukunft verpassen, wenn er sich nicht augenblicklich den neuesten Satz Hardware, Software und Medientrends (Soziale Medien!) besorge. Früher gaben das Prüfen und Testen einer Erfindung genügend Zeit nicht nur zur Überwindung der ihr anhaftenden Fehler, sondern auch, um die Gemeinschaft darauf vorzubereiten – obwohl auch diese Barrieren nicht immer genügend sozialen Schutz boten, wie man an den himmelschreienden Übeln sehen konnte, die das Fabriksystem mit sich brachte. Heute stehen wir der umgekehrten Situation gegenüber: das jeweils neueste digitale Projekt verlangt von der Gesellschaft um jeden Preis sofort übernommen zu werden. Jedes Zögern gilt als sträflich oder als kulturelle Rückständigkeit. Der Konformitätsdruck, den die Vertreter des Digitalismus ausüben, ist hoch. Aber sind diejenigen, die sich für eine digitalen Evolution anstelle der Revolution entscheiden, tatsächlich verloren, zurückgeblieben, ignorant?

Auch den Rest der Menschheit

Wir sollten alle einladen in diese neue Welt, die vielen von uns so wichtig ist. Wenn wir wollen, dass alle Menschen etwas vom technologischen Fortschritt haben, brauchen wir eine modernisierte Form der Gastfreundschaft – und Brückentechnologien. Technologien, die nicht nur die Early Adopters und die technologisch Versierten ansprechen, sondern auch den Rest der Menschheit. Wobei dieser Rest nicht wirklich ein Rest ist. Es sind etwa 90 Prozent der Bewohner dieses Planeten. Die meisten Entwickler auf der Welt stecken ihre Energie in Produkte und Dienstleistungen, die exklusiv den wohlhabendsten 10 Prozent der Weltbevölkerung zugute kommen, so der Entwicklungshilfe-Experte Paul Polak. Wir brauchen einen Fortschritt, der auch die übrigen 90 Prozent erreicht.

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Und hier noch wie immer der Tweet der Woche: