Peter Glaser blickt in die Kristallkugel Werbung für morgen von gestern

Von Peter Glaser 

Retro-Reklame gibt naiv-unterhaltsame Auskünfte über die Gegenwart und den Weg dahin.

Unser Kolumnist mag alte Anzeigen - zum Beispiel für dieses Taschenradio mit sieben (und nicht etwa nur vier oder fünf) Transistoren. Foto: SenseiAlan bei Flickr
Unser Kolumnist mag alte Anzeigen - zum Beispiel für dieses Taschenradio mit sieben (und nicht etwa nur vier oder fünf) Transistoren. Foto: SenseiAlan bei Flickr

Stuttgart - Hier geht es in Zukunft um die Zukunft. Das StZ-Hausorakel Peter Glaser befragt einmal die Woche die Kristallkugel nach dem, was morgen oder übermorgen sein wird – und manchmal auch nach der Zukunft von gestern. Dazu als Bonus: der Tweet der Woche!

"Am liebsten erinnere ich mich an die Zukunft."

-- Salvador Dalí, spanischer Surrealist

1896 fand der Britisch-Sansibarische Krieg statt - der kürzeste Krieg der Weltgeschichte, der am 27. August nur 38 Minuten dauerte. Ebenfalls in diesem Jahr warb das Magazin „Cosmopolitan“ in seinem Inhaltsverzeichnis für einen Preis in Höhe von damals beachtlichen 3000 Dollar für die besten „pferdelosen Wagen“, welcher dem neuen technischen Zeitalter um die Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert möglichste Fortschritte verschafften. Die später so genannte Messing-Ära hat ihren Namen von den zu dieser Automobilfrühzeit sehr beliebten Messingbauteilen etwa für Scheinwerfer oder Kühlergrills. Ein Auto der Messing-Ära ist im Englischen gleichbedeutend mit einem horseless carriage.

In der selben Ausgabe des Magazins findet sich eine Anzeige für „ein ganzes Dutzend praktischer Bücher“, speziell die International Cyclopædia, welche „die gesamte Bandbreite menschlichen Wissens unter einem Alphabet“ verheißt.

Fernseher und magische Gehirne

Benutze Elektrizität!“, lädt das Dublin Corporation Electricity Department im Jahre 1927 ein. Dazu sehen wir ein Damenkränzchen, das sich darüber austauscht, welche hilfreichen neuen Gerätschaften sich vermittels Elektrizität zur Zufriedenheit der Hausfrau und Dame betreiben lassen.

"Television is here", durften die Engländer sich über die Ankündigung der Television Development Committee anno 1939 freuen – und dann war das Fernsehen aber auch gleich wieder verschwunden. Eines der ersten Opfer des Ausbrechenden 2. Weltkriegs war das junge BBC-Fernsehprogramm. Besitzer eines Gerätes mußten ein langes Jahr warten, ehe sie wieder einstimmen konnten: „Das Fernsehen ist da!“

"Spielt Schallplatten ohne sie umdrehen zu müssen, auf beiden Seiten – mit Hilfe eines magischen Gehirns! Auf Knopfdruck zwei Stunden ungestörte Unterhaltung“ – so geschickt bewarb RCA Victrola 1940 seine Tonbandgeräte.

Das röhrenlose Taschen-Radio

Der Zukunft gewiss: Ein Schnapsfabikant. Um die lange Lagerzeit des hauseigenen Whiskys dezent hervorzuheben, ließ die kanadische Firma Seagram‘s 1943 eine Werbekampagne mit Zukunftsthemen erschaffen.

Als brilliante Simulationen noch analog waren: Eine Werbeanzeige für Simulierte Diamantringe von der Rückseite des Magazins "Master Detective" vom Juli 1947.

Man stelle sich vor: Das röhrenlose Taschen-Radio! Hier eines von Zenith aus dem Readers Digest vom April 1956. Dazu etwas gruselige elektronische Finger.

Um all die musikalische Vielfalt unterzubringen, wird im Juni 1959 im Playboy ein modernistisches, schwarzlackiertes HiFi-Draht-Rack für Langspielplatten beworben. Die offenen Fächer bieten Platz für bis zu 200 sehenswerte Alben in zehn verschiedenen Abteilungen, "etwa für Sinfonien, Opern, Ballettaufnahmen, Jazz, Folk, Kammermusik oder Soundtracks!"

Und 1969 hat die Elektrizität endgültig die Köpfe erobert: Sperry Rand Remington zeigt ein hübsches blondes Mädchen mit elektrischen Lockenwicklern im Haar, dazu die Zeile: „Am einen Tag wickeln wir dein Haar. Am anderen Tag versetzen wir einen Berg.“ Während der eine Unternehmensbereich junge Frauen schneller gutfrisiert zu ihrem Date oder in den Job eilen läßt, verhilft die Hydraulikabteilung riesigen Bulldozern und Transportern dabei, Berge von Erdreich zu transportieren, um neue Autobahnen oder Straßen zu bauen. Die Anzeige erschien am Tag der ersten Mondlandung, am 21. Juli 1969, im Magazin Newsweek.

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Und hier noch wie immer der Tweet der Woche: