Peter Hitzelberger aus Plieningen Wenn ein Priester sich verliebt

Ändert sich etwas bei der Katholischen Kirche? Viele fordern dies, doch es gibt auch große Skepsis. Foto:  

Peter Hitzelberger aus Stuttgart-Plieningen war Priester in einem Orden, als er Gefühle für eine Frau bekam. Er hat lange mit sich gerungen, welcher Weg der richtige für ihn ist.

Klima & Nachhaltigkeit: Judith A. Sägesser (ana)

Plieningen - Die Katholische Kirche sieht sich immer heftigerer Kritik ausgesetzt. Das hat mit dem unfassbaren Missbrauchsskandal zu tun, aber auch mit der ehernen Regel, dass Priester keine sexuelle Beziehung leben dürfen. Peter Hitzelberger erzählt hier von dem Dilemma, in das Männer dadurch geraten können.

 

Herr Hitzelberger, Sie waren früher Priester, haben sich dann aber für die Liebe zu einer Frau entschieden. War das schwer für Sie?

Ja. Es hat mehrere Jahre der Entscheidungsfindung gebraucht. Ich hatte dabei Gott sei Dank immer gute Begleiter, ich bin von Gott gut geführt worden.

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Denken Sie, Sie wären Sie heute noch Priester, wenn es den Pflichtzölibat nicht gegeben hätte?

Das ist im Nachhinein eine schwierige Frage. Aber ich höre Ihre Frage auch so: Würden Sie in dieser Kirche, so wie sie jetzt verfasst ist, diesen Beruf noch ausüben wollen? Wenn es die Möglichkeit gegeben hätte, wäre ich im priesterlichen Dienst geblieben.

Wenn man sich entscheidet, Priester zu werden, ist das Berufung, oder?

Ja, es ist ja nicht nur eine Jobentscheidung, es ist eine Lebensentscheidung, erst recht wann man in einen Orden eintritt so wie ich damals. Es ist mir nicht leicht gefallen, diese Gemeinschaft zu verlassen, ich hatte dort viele gute Freunde. Die spirituelle Lebensform hat mir durchaus etwas bedeutet, auch wenn ich im Nachhinein feststellen muss, dass ich wohl nicht der Typ dafür bin, ein so geregeltes geistliches Leben zu führen, wie man es in einem Ordnen führt. Ich hatte oft Abendtermine und habe mich dann vor dem Morgengebet gedrückt, weil ich sagte: Ich bin spät ins Bett gekommen, ich schlaf noch ein bisschen. Diese Form des Stundengebets, in dieser regelmäßigen Form, ist gar nicht so das, was ich gesucht habe.

Man könnte den Eindruck bekommen, der Pflichtzölibat gerät gerade tatsächlich ins Wanken. Hätten Sie das jemals für möglich gehalten?

Die Debatte ist ja nicht neu, ich verspreche mir da im Moment noch nicht viel davon.

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Eine Frage an den früheren Insider: Ist diese Bredouille, in die Sie und andere Männer gebracht werden, unter Priestern ein Gesprächsthema?

Das war, als ich noch Priester war, kein großes Thema. Es gab aber immer wieder Fälle, wo jemand vor dieser Entscheidung stand. Ich habe, nachdem ich aus dem Orden weg war, von einem Mitbruder mitbekommen, dass er etliche Jahre später weggegangen ist und dass die Beziehung zu der Frau, mit der er ein Kind hat, in die Zeit zurückreichte, als wir gemeinsam in Würzburg im Kloster waren. Er hat meine Entscheidung damals ja mitbekommen. Ich war mit ihm gut befreundet, aber ich habe nie mitbekommen, dass er selber in dieser Situation steckte. Als er sich entschieden hat, wegzugehen, war seine Tochter schon zwölf Jahre alt. Als ich das gehört habe, habe ich nicht verstanden, wie es jemand so lange aushalten kann, weil ich die Jahre, wo ich selber unter diesem Dilemma stand, als belastend genug erfahren habe.

Wenn einem die Kirche eine solche Belastung zumutet, hadert man da, ob man überhaupt noch mitmachen will?

Das frage ich mich aktuell mehr, als ich es mich unmittelbar nach meinem Weggang gefragt habe. Nach der Entscheidungsfindung war ich beschäftigt genug, mich neu in der Welt zu orientieren. Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich bei meiner Eingabe in Rom am Schluss nur die Bitte geäußert habe, man möchte der Laisierung von mir stattgeben, damit ich in Frieden mit meiner Kirche leben kann. Das hat dann auch geklappt, und wir konnten kirchlich heiraten. Das war für uns ein wichtiges Zeichen dafür, dass Gott diesen Weg mit uns mitgeht.

Das Beispiel von Ihrem Freund aus dem Orden zeigt, dass Priester zwar keine Frauen haben dürfen, dass sie aber teils heimlich trotzdem Beziehungen eingehen. Das kratzt doch an der Glaubwürdigkeit, weil es nicht authentisch ist.

Ja natürlich. Und ich kann nicht sagen, dass das statistisch zu beweisen ist, aber wenn man den Eindruck gewinnt, dass gerade in konservativen Kreisen der Priesterschaft die Gefahr des Missbrauchs, nicht nur des sexuellen Missbrauchs, sondern auch des Machtmissbrauchs, am größten ist, dann fragt man sich schon: Mit welchem Recht wollen die anderen Leuten sagen, wie sie leben sollen, wenn sie sich nicht an ihre eigenen Spielregeln halten?

Sie haben lange in einer Wohnung an der Pallottikirche in Birkach gewohnt, Sie engagieren sich für die Kirche, sind stark involviert. Woher nehmen Sie die Kraft weiterzumachen – trotz allem?

Denen, die sagen, dass sie die Kirche meinen, streite ich ab, dass sie diesen Begriff zu Recht einnehmen. Die Kirche entsteht wo ganz anders. Wie Jesus sagt, sie entsteht da, wo zwei oder drei Menschen in seinem Namen zusammen sind. Das hat nichts mit Geboten, verfassten Strukturen und Amtsverteilungen zu tun. Ich möchte diese Kirche, von der ich träume, nicht diesen Leuten überlassen, die im Moment die Bestimmer sind.

Das heißt, ein Kirchenaustritt kommt für Sie nicht in Frage?

Ich kann nie für alle Ewigkeit sprechen, im Moment ist das für mich keine Option. Aber ich weiß, dass andere diese Entscheidung fällen, auch in meiner Familie. Von meinen Kindern ist die Erste jetzt ausgetreten – aus Protest. Ich kann das sehr gut verstehen, und ich weiß, dass sie sich in vielen Feldern für die Sache des Evangeliums einsetzt: Sie lebt sehr auf Nachhaltigkeit, sie setzt sich für Klimaziele und globales Lernen ein. Sie ist auf einem guten Weg, und Jesus würde sagen, sie ist nicht weit vom Reich Gottes entfernt. Das sind Dinge, die mir zu wenig wahrgenommen werden, stattdessen wird an Strukturen festgehalten, und alle Akteure versuchen einfach nur, einen Betrieb aufrechtzuerhalten, auf Teufel komm raus.

Zur Person

Beruflich
Peter Hitzelberger, 67, hat sich in den 1980er Jahren für seine Frau und gegen das Priesteramt entschieden. Er arbeitete bis zum Ruhestand in einem christlichen Verlag.

Privat
Der Plieninger hat mit seiner Frau drei erwachsene Töchter. Ehrenamtlich engagiert er sich für die Katholische Kirche und beim Arbeitskreis Birkach-Nord. ana

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