Petition aus Backnang Schon tausende Unterschriften gegen die Schließung der Notfallpraxis

Die Notfallpraxis am Gesundheitszentrum in Backnang steht vor dem Aus. Foto: Frank Rodenhausen

Eine Frau aus Backnang hat eine Petition gegen die Pläne der Kassenärztlichen Vereinigung gestartet. Diese will künftig nur noch in Winnenden eine Notfallpraxis vorhalten.

Rems-Murr : Frank Rodenhausen (fro)

Beatrice Weißbarth hat es nicht nur einmal zu schätzen gewusst, dass der Weg zu ärztlicher Hilfe am Abend oder am Wochenende nicht zu weit gewesen ist. Kinder richteten sich mit ihren Erkrankungen oder Verletzungen nun einmal nicht nach regulären Praxisöffnungszeiten, sagt die dreifache Mutter. Auch ihre Oma, die sie bis vor zwei Jahren gepflegt hatte, konnte die 39-jährige Backnangerin im Zweifelsfall noch selbst im Rollstuhl zur Behandlung in der Notfallpraxis am örtlichen Gesundheitszentrum bugsieren.

 

Neuordnung der ärztlichen Bereitschaftsdienste

Dass diese jetzt im Zuge der Neuordnung der kassenärztlichen Bereitschaftsdienste geschlossen werden soll, hält sie für eine kleine Katastrophe – auch wenn die Oma mittlerweile gestorben ist und ihre Kinder aus dem Gröbsten heraus sind. „In Deutschland sollte ein medizinisches Notfallnetz flächendeckend organisiert sein und für jeden schnell erreichbar“, sagt die Frau, die im Alter von sechs Jahren mit ihren Eltern als Spätaussiedler in die Region gekommen und dort aufgewachsen ist. Doch mit der aktuellen Entscheidung der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) werde genau das Gegenteil erreicht.

Die Organisation, deren Aufgabe – einfach erklärt – ist, sich mit den Krankenkassen auf die Vergütung der vertragsärztlichen Leistungen zu einigen, hat unlängst eine nicht nur für potenzielle Patienten unbefriedigende Botschaft verkündet: So soll die im Herbst zunächst vorübergehend geschlossene Bereitschaftspraxis der niedergelassenen Ärzte an der Schorndorfer Rems-Murr-Klinik dauerhaft außer Betrieb genommen werden und auch dem Pendant in Backnang droht perspektivisch das Aus. Der Standort werde lediglich noch so lange erhalten bleiben, bis die Räume der Bereitschaftspraxis am Klinikum in Winnenden so ausgebaut sind, dass dort eine (einzige) Anlaufstelle für alle Teile Kreises möglich ist.

Mehr als 40 Hausarztsitze nicht besetzt

Die KVBW begründet die Umstrukturierung der ärztlichen Bereitschaftsdienste im Land mit einer dringend notwendigen Stabilisierung der Regelversorgung. Weil die Engpässe dramatisch größer geworden seien – allein im Rems-Murr-Kreis seien bereits mehr als 40 Hausarztsitze nicht besetzt – stehe auch für die Bereitschaftsdienste weniger ärztliches Personal zur Verfügung. „Wir können das Angebot in dieser Form auf Dauer nicht mehr aufrechterhalten“, sagt Dr. Doris Reinhardt, die stellvertretende Vorstandsvorsitzende der KVBW. Man werde sich deshalb im Bereitschaftsdienst auf die Kernaufgabe konzentrieren, schließlich rede man nicht über die Versorgung von medizinischen Notfällen, sondern über eine Überbrückungsbehandlung, die jeder Bürger im Schnitt alle paar Jahre mal in Anspruch nehme.

Jens Steinat: „Niemand muss Angst haben, nicht versorgt zu werden.“ Foto: Frank Rodenhausen

Das sieht auch Dr. Jens Steinat, der Vorsitzende der Ärzteschaft im nördlichen Teil des Rems-Murr-Kreises, so. „Als gebürtiger Backnanger, Arzt und Bürger dieser Region bin ich natürlich über die Schließung der Bereitschaftspraxis Backnang betrübt“, sagt der Mann, der in Oppenweiler eine Hausarztpraxis betreibt. „Wenn man allerdings die Faktenlage betrachtet und die zukünftige notwendige Struktur des ärztlichen Notfalldienstes sicher und verlässlich mit den vorhandenen Ressourcen aufstellen möchte, bleiben die jetzt getroffenen Entscheidungen wohl alternativlos.“ Die Sorgen der Bevölkerung seien verständlich, aber niemand müsse Angst haben, nicht versorgt zu werden, versichert Steinat: „Die zentrale Notfallpraxis in Winnenden wird apparativ, organisatorisch und personell sehr gut aufgestellt sein.“

Patientenzuwachs in der Klinik-Notaufnahme

Der Rems-Murr-Landrat Richard Sigel hingegen hält es hingegen zumindest für „gewagt, davon auszugehen, dass für 433 000 Menschen eine einzige Notfallpraxis, wenn auch mit verstärkter Besetzung, ausreichen wird.“ Als Aufsichtsratsvorsitzender der Rems-Murr-Kliniken befürchtet er, dass die Notaufnahmen der Krankenhäuser noch stärker mit Patienten geflutet werden, die dort nicht hingehören, weil sie keine Notfälle sind, als ohnehin bereits. Schon seit der Schließung der Bereitschaftspraxis in Schorndorf verzeichnete die Klinik dort binnen drei Monaten einen Zuwachs von rund 2000 Patienten. Das führe zu einer erheblichen Mehrbelastung des Klinikpersonals sowie zu langen Wartezeiten für die Patienten und Patientinnen. Man erwarte von der KVBW zumindest ein Signal, wie der erhebliche Mehraufwand der Rems-Murr-Kliniken in der Notfallversorgung zukünftig strukturell, personell und finanziell kompensiert werden könne.

Beatrice Weißbarth will sich damit nicht abfinden. Und sie ist damit offenkundig nicht allein. Ihre auf der Internetplattform www.change.org gestartete Petition gegen die Schließung der Notfallpraxis in Backnang hat binnen weniger Tage fast 10 000 Unterzeichner gefunden. Ihr Appell dort: „Wir dürfen nicht zulassen, dass unsere Gesundheitsversorgung auf diese Weise geschwächt wird. Wir müssen zusammenkommen und gegen diese Entscheidung kämpfen.“

lfe außerhalb der Praxiszeiten

Notaufnahme
 Die Notaufnahmen der Krankenhäuser sind ausschließlich für schwer erkrankte Patientinnen und Patienten zuständig, bei denen eine stationäre Aufnahme im Raum steht.

Notfallpraxis
 Die Bereitschaftspraxis der niedergelassenen Ärzte ist zur Überbrückungsbehandlung von Erkrankungen außerhalb der Praxiszeiten am Wochenende und an Feiertagen gedacht. Künftig sollen alle Patienten dazu die am Klinikum Winnenden eingerichtete Praxis aufsuchen. Die Notfallpraxis am Gesundheitszentrum Backnang soll geschlossen werden.

Telefon/Internet
Eine medizinische Ersteinschätzung kann man unter der Telefonnummer 116117 einholen, dort ist auch die Vermittlung eines Hausbesuchs oder eines Fahrdienstes möglich. Digital affine Patienten können eine Ersteinschätzung auch selbst über die Internetseite www.116117.de vornehmen.

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