In der katholischen Kirche ist vieles, um nicht zu sagen das meiste, Männersache. Gottesdienste leiten zum Beispiel, oder auch die Gemeinde vertreten. In der katholischen Gemeinde Dagersheim-Darmsheim ist das allerdings anders. Dort leitet Christiane Breuer als Pfarrbeauftragte die Gemeinde. Sie tut das mit dem Kirchengemeinderat und einem zuständigen moderierenden Priester, der de jure für die Leitung der Gemeinde verantwortlich ist. Vor Ort jedoch ist Christiane Breuer zuständig, sie ist das Gesicht für und von der Gemeinde. „Landläufig sagen manche, das ist halt der Pfarrer vor Ort“, sagt sie. Auch für das Personal und die Verwaltung ist sie verantwortlich – wobei sie Letzteres delegiert hat.
Fast wie ein „normaler Pfarrer“
Und wie ist es mit Gottesdiensten? Predigen darf sie, auch Wortgottesdienste feiern und Beerdigungen halten ist ihr erlaubt. Das liegt aber nicht an ihrer Tätigkeit als Pfarrbeauftragte, sondern daran, dass sie Pastoralreferentin ist. Davon gibt es 350 in der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Männer genauso wie Frauen. Sie werden vielseitig eingesetzt, geben Religionsunterricht, bereiten auf die Firmung vor, begleiten die Ministranten, machen Erwachsenenbildung. Fast wie ein „normaler“ Pfarrer. Allerdings nur fast.
Taufen, trauen, Abendmahl – einiges darf sie nicht
Denn einiges darf sie eben auch nicht. Die Sakramente spenden zum Beispiel, also etwa Kinder taufen, Ehepaare trauen oder der Eucharistiefeier vorstehen. Das liegt allerdings nicht daran, dass sie eine Frau ist – auch männliche Pastoralreferenten dürfen das nicht. Für die Sakramente braucht man immer einen Priester. Weil es da gerade keinen gibt in Dagersheim-Darmsheim, springt ein Pfarrvikar aus Indien bei diesen Anlässen übergangsweise ein.
Seit Oktober 2020 ist Christiane Breuer Pfarrbeauftragte und Pastoralreferentin in Dagersheim-Darmsheim. Die Kirche zieht sich durch ihr Leben. Aufgewachsen ist sie in der Region des Erzbistums Köln, „in einem sehr bewussten christlichen Elternhaus“. Auch in ihrer Jugend seien im Freundeskreis immer philosophisch-theologische Fragen diskutiert worden. Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin? Was ist der Sinn des Lebens? Deshalb hat sie auch katholische Theologie und Musik studiert. „Diese Fragen aus wissenschaftlicher Sicht zu beleuchten, war unglaublich bereichernd“, erzählt sie.
Im Herbst 2020 war die Stelle des Pastoralreferenten in der Gemeinde Dagersheim-Darmsheim bereits fünf Jahre lang vakant gewesen. „Aus Rottenburg kam die Ansage, es werde keinen Priester mehr geben“, erzählt sie. Man brauchte aber ein Gesicht vor Ort. Also wurde nach einer passenden Person gesucht, die die Gemeinde leiten konnte. Die Wahl fiel auf Christiane Breuer. Sie war zu diesem Zeitpunkt bereits mehr als 20 Jahre in der Seelsorgeeinheit Schönbuchlichtung tätig gewesen. Bevor sie anfangen konnte, musste sie zu einem persönlichen Gespräch mit dem Bischof erscheinen. „Er wollte abklopfen, dass ich geeignet bin und dass er hinter mir stehen kann“, erzählt sie. Immerhin sei das Konzept der Pfarrbeauftragten noch recht neu.
Dabei steht die katholische Kirche nicht unbedingt für Neuerungen. Auch Christiane Breuer steht immer wieder vor Herausforderungen, weil sie vieles nicht darf. Oder weil sie als Frau nicht akzeptiert wird. „Ich war immer gegen Frauen am Altar“, habe ein Gläubiger nach einem Gottesdienst einmal zu ihr gesagt – und hinzugefügt, jetzt, wo er es erlebt habe, sehe er das anders. „So etwas höre ich immer wieder“, erzählt Christiane Breuer. Auch von Frauen. „Manche streng gläubige Frauen haben Angst, sie kommen in die Hölle, wenn sie am Sonntag nicht die Eucharistie feiern“, sagt sie. Wenn der Priester ausfalle und stattdessen sie dastehe, würden Leute auch mal zur nächsten Kirche fahren, wo sie das Abendmahl bekommen.
Viele wollen explizit von ihr getraut werden
„Andererseits werde ich auch oft gefragt: Können Sie nicht unsere Kinder taufen?“, sagt sie. Immerhin habe sie selbst Kinder. Das spiele für viele Menschen eine Rolle. Auch nach Trauungen werde sie immer wieder gefragt – als verheiratete Frau habe sie eben andere Erfahrungen als ein zölibatärer Mann. In dieser Hinsicht könne sich da in den nächsten Jahren allerdings etwas tun: Die Diözese Rottenburg-Stuttgart bietet inzwischen nämlich einen Tauf-Kurs für Pastoralreferenten an, sodass auch Christiane Breuer in ein paar Jahren taufen darf. Auch Trauungen könne sie hoffentlich irgendwann machen. Das begrüßt sie.
Auch darüber hinaus dürften sich noch einige Dinge verändern, wenn es nach Christiane Breuer ginge. Sie wundert sich nicht, dass viele Menschen aus der Kirche austreten.„Es gibt viele Gründe, sich mit der Kirche zu reiben“, sagt sie. Sie biete Chancen und Grenzen. Deshalb sei es wichtig, „Realitäten anzunehmen und Spielräume zu nutzen“. Immer wieder habe sie zu knabbern – etwa an der Unbeweglichkeit, an Dingen festzuhalten, die sich ändern müssen.
Ein Beispiel: „Ich würde das Pflichtzölibat sofort abschaffen“, sagt sie. Es sei weltfern, zu denken, dass man sich dadurch nur Gott und der Gemeinde widmen, rund um die Uhr zur Verfügung stehen könne. „Jeder braucht Freizeit und Beziehungen.“ Dennoch: „Kirche ist eigentlich gut gedacht“, findet Christiane Breuer. Außerdem mache ihr Mut, dass es Leute gebe, die nicht lockerlassen. Eine davon, das kann man wohl sagen, ist auch sie selbst.
Pfarrbeauftragte in der katholischen Kirche
Seit wann es den Beruf gibt
Der Beruf der Pfarrbeauftragten ist noch relativ neu: Ein offizielles bischöfliches Statut für den Dienst von Pfarrbeauftragten gibt es seit 2013. Laut Christiane Breuer ist der Einsatz von Pfarrbeauftragten in Deutschland noch nicht üblich, in der Schweiz hingegen schon. Auch in Südamerika und Afrika sind ähnliche Modelle verbreitet.
Wer den Beruf ausübt
Als Pfarrbeauftragte können hauptberufliche, pastoral ausgebildete Mitarbeiter, die die Diözesanleitung für geeignet hält, eingesetzt werden. Sie dürfen verheiratet sein und Kinder haben, wie Christiane Breuer selbst.
Wie es in der Diözese Rottenburg-
Stuttgart aussieht
In der Diözese Rottenburg-Stuttgart führen insgesamt sechs Personen den Beruf der Pfarrbeauftragten aus, drei davon sind Frauen. Laut Christiane Breuer ist es Bischof Gebhard Fürst wichtig, noch mehr Pfarrbeauftragte und auch mehr Frauen einzusetzen.