Sonntagvormittag, kurz vor elf. Rund um das Hohenecker Uferstüble ist allerhand los. Autofahrer suchen einen Parkplatz in dem Ludwigsburger Stadtteil, von allen Seiten strömen Menschen. Ihr Ziel: die große Wiese neben dem Uferstüble. Auf dieser stehen Bierbänke, es gibt eine kleine Bühne, rundherum sind Pavillons aufgereiht, Dixie-Toiletten sind aufgestellt. Das Gelände erinnert an ein kleines Open-Air-Festival – und doch dient es an diesem Tag einem ganz anderen Zweck. Menschen sollen getauft werden. Das Wasser des Lebens spüren – und zwar am und im Neckar.
Es geht fröhlich zu auf dem großen Gelände
Was in Marbach bereits 2017 schon einmal stattgefunden hat, feiert in Ludwigsburg an diesem Sonntag Premiere. Zum ersten Ludwigsburger Neckar-Tauffest haben sich mehrere evangelische Kirchengemeinden aus Ludwigsburg und Kornwestheim zusammengeschlossen, neben den Innenstadtgemeinden auch Neckarweihingen, Hoheneck, Eglosheim und Pattonville. Ein etwas anderes Ambiente wolle man mit dieser Aktion bieten, einmal rausgehen aus der Kirche und auch Leute einbinden, die dem Gotteshaus sonst eher kritisch gegenüber stehen. Fakt ist: Am Sonntagmorgen erinnert nichts auf dem Gelände an einen biederen Kirchenbesuch. Es geht fröhlich zu. Die einen sitzen mit Picknickdecken auf der Wiese, andere haben es sich direkt an den Wassereinstiegsstellen bequem gemacht und verfolgen die Feierlichkeiten. Von den Helfern werden Brötchen verteilt, Getränke können sich die Familien dank ausgeteilter Wertmarken direkt im Uferstüble holen. Es geht locker zu, ganz leger. Auch was die Kleidung angeht. Regenschirme dienen für viele als Sonnenschutz, auch Klappstühle hat sich die ein oder andere Familie mitgebracht. Gemeinsam wird nach der Begrüßung durch den evangelischen Hochschul-Pfarrer Stephan Seiler-Thies gesungen. Alle Lieder werden begleitet von den zwei Pfarrern Mateo Weida und Martin Mohns sowie ihrer Gitarre. Es ist kurzweilig, was gut ist, da die Sonne knallt.
Eine Warnung, die ein Pfarrer so noch nie ausgesprochen hat
„Passen Sie nicht nur wegen der Hitze auf, sondern auch auf Schlaglöcher und Glasscherben in der Wiese“, warnt Stephan Seiler-Thies die rund 600 Anwesenden und fügt mit einem Schmunzeln an: „So etwas habe ich bei einem Gottesdienst auch noch nie gesagt.“ Die Menge lacht. Nach seinen einleitenden Worten beginnt die Tauffeier mit einer gemeinsamen Einheit. Später werden die 44 Täuflinge – 50 waren im Vorfeld angemeldet, ein Teil musste aufgrund von Corona aber wieder absagen – gebeten, sich zu den verschiedenen Pavillons zu begeben. Die Weststadt darf beispielsweise in den orangenen, Neckarweihingen in den roten. Dort findet die eigentliche Taufe statt, zumindest für diejenigen, die nicht direkt im Neckar getauft werden wollen. Die, die ins kühle Nass wollen, müssen noch kurz warten – dann startet das besondere Event. Im Tross geht es an verschiedene Einstiegsstellen am Neckar. Insgesamt sind an diesem Morgen 14 Pfarrer im Einsatz. Jeder von ihnen tauft seine eigenen Gemeindemitglieder.
Der Talar wird nass beim Gang in den Neckar
Während Unbeteiligte auf ihren Stand-Up-Paddling-Boards, in Kanus oder den neuen Waterbikes auf dem Neckar ihren Spaß haben, steigen die Pfarrer mit ihren Schützlingen ins Wasser. Zumindest bis zu den Knöcheln. Der Talar wird dennoch nass. Das stört an diesem Vormittag aber keinen. Die Pfarrer genießen vielmehr das „Bad“ mit den Familien und die lockere Atmosphäre. Eben diese ist es auch, weshalb sich Familie Basner aus Ludwigsburg für die Freiluft-Taufe entschieden hat. „Die Location ist außergewöhnlich und schön. Zudem geht es ganz entspannt zu. Das fanden wir bereits im Vorfeld gut“, sagt Mama Caroline. Am Ende ist die Familie begeistert. „Es war wirklich sehr schön“, sagen alle.
Nicht ins Wasser stehen, jedoch trotzdem an diesem besonderen Ort die Taufe erhalten wollte Familie Ziller aus Hoheneck, weshalb der siebenjährige Paul in einem der Pavillons getauft wurde. „Wegen Corona und einem Umzug haben wir die Taufe immer wieder hinausgeschoben. Jetzt ist Paul bereits sieben Jahre alt, aber das finden wir ganz gut. Er kann den Tag heute jetzt ganz bewusst wahrnehmen“, sagt Papa Fred. Mit dem ganzen Ablauf war die Familie vollauf zufrieden. „Uns hat es sehr gut gefallen hier am Neckarufer“, sagen sie.
Zum Abschluss kommen alle wieder auf der Wiese zusammen
Nach den einzelnen Taufen versammeln sich alle wieder auf der großen Wiese. Es gibt noch einen Familiensegen sowie das Vaterunser. Mit einem Segenslied sowie ein paar letzten Worten endet der kirchliche Vormittag, das Picknick fängt für den ein oder anderen aber erst richtig an. Unter Bäumen wird Schutz gesucht, der Neckar wird zur Abkühlung genutzt. Alles deutet auf einen schönen Sommertag hin. Auf einen Sonntag, bei dem man gemeinsam mit anderen unter freiem Himmel feiert. Und genau dies haben mehr als 600 Menschen getan – in ungezwungener und entspannter Atmosphäre.
Angeregt zu dieser Aktion wurden die Gemeinden übrigens durch Tauffeste, die an anderen Orten, an Flüssen oder Seen oder auch am Meer wie der Nord- und Ostsee gefeiert wurden. Die Nähe und Ursprünglichkeit der Natur, aber auch die Fröhlichkeit und Möglichkeit, mit vielen Menschen zu feiern, spreche etliche Menschen an, heißt es. So könne man schön ins Leben eintauchen – am Neckar quasi wortwörtlich.