Pferdeklappe Die letzte Hoffnung für arme Pferde

Petra Teegen mit einem ihrer Schützlinge. Foto: Malina Blunck/Rathmannverlag

Wenn Hund und Mensch nicht mehr zusammen passen gibt es ein Tierheim. Mit Pferden ist das komplizierter. Die Pferdeklappe an der Ostsee bietet Hilfe – dramatische und wunderbare Geschichten inklusive.

Politik/ Baden-Württemberg: Christian Gottschalk (cgo)

Es gibt Menschen, die einen mächtigen Schreck bekommen würden, wenn ihnen nachts um halb drei eine unbekannte Stimme „Besuch“ durch das geöffnete Schlafzimmerfenster zurufen würde. Besonders schreckhaft scheint Petra Teegen aber nicht zu sein. Als sie den Ruf vernahm, da machte sich die Unerschrockene flugs auf den Weg in die Reithalle. Die ist dem Schlafzimmer zwar nicht gerade direkt angeschlossen, aber nur wenige Meter entfernt. „Dort stand der kleine Mann“, erinnert sich Petra Teegen, mit einem Zettel um den Hals auf dem geschrieben stand: „Ich heiße Löwenherz, und ich bin drei Tage im LKW unterwegs gewesen“. Löwenherz ist ein Shetlandpony.

 

Dabei hätte Löwenherz auch ohne nächtlichen Weckruf eine neue Bleibe gefunden. Gleich hinter der Brücke, unter der die eingleisige Bahnstrecke von Kiel nach Flensburg verläuft, liegt die große Koppel, die so etwas wie der Namensgeber von Petra Teegens Hof ist. Das Gatter kann von jedermann geöffnet werden, Tag und Nacht. „Pferdeklappe“, steht auf dem Schild vor der Einfahrt. Seit 2007 gibt es in Satrup bei Flensburg eine Babyklappe, in der verzweifelte Mütter ihre Neugeborenen anonym abgeben können. Seit nun auch schon zehn Jahren gibt es die Pferdeklappe in Norderbarup. Bundesweit, sagt Petra Teegen, ist es die einzige ihrer Art.

Kein Geld für Pferdefutter

Dafür, dass Mensch und Pferd nicht mehr zusammen passen, gibt es viele Gründe. Meistens geht es ums Geld. Ein paar hundert Euro im Monat muss man sich die Pferdeliebe schon kosten lassen, wenn es normal läuft. Wird der Tierarzt häufiger gerufen, kann es auch deutlich teurer werden. Es gibt Pferdefreunde, die haben erst selbst auf das Essen verzichtet und dann auch dem Tier nichts mehr geben können, weiß Petra Teegen. Andere sind zu alt geworden oder gar gestorben, und die Erben konnten mit dem Pferd nicht viel anfangen. Verkaufen, einschläfern, Pferdeklappe, viel mehr Alternativen sehen die Besitzer da oft nicht.

Auch bei der Pferdeklappe kann es vorkommen, dass einem Tier nicht mehr geholfen werden kann, dass der Tierarzt zum finalen Besuch vorbei schaut. Zu den Lebensweisheiten von Petra Teegen zählt aber auch der Satz: „Einschläfern kann man nur einmal, versuchen kann man ganz viel“. Und wenn solch ein Versuch am Ende vom Erfolg gekrönt ist, dann ist die Freude groß. So wie bei Dragon.

Das Pony wacht neben dem großen Freund

Dragon ist ein Wallach, acht Jahre alt – und er kam mutmaßlich mit einer Vergiftung auf den Hof. Womit? Warum? Weshalb? Niemand weiß es. Das Pferd magerte ab, wurde dünner und dünner, Medizin blieb ohne Wirkung. Eigentlich stand der Termin für den finalen Tierarztbesuch schon fest, doch dann begann Dragon um sein Leben zu kämpfen. Der Tierarzt-Termin wurde verschoben. „Wir schauen jetzt von Woche zu Woche“, sagt Teegen, Löwenherz schaut täglich. Das kleine Shetlandpony steht jeden Tag fest an der Seite von seinem großen, kranken Freund. Dragon hat Angst vor großen Pferden – mit dem Partner, der einst nachts um halb drei abgegeben wurde, fühlt er sich wohl.

Bei Petra Teegen klingelt wieder einmal das Telefon. Für die Frau am anderen Ende der Leitung hat Teegen klare Worte: Das Pferd, das sie sich ausgesucht habe, passe nicht zu ihr, erklärt ihr Petra Teegen. Nach dem Telefonat meint sie: „Ich bin kein Händler, ich kann alles sagen.“ Pferde zu vermitteln, das sei schon nicht leicht. Pferde an die richtigen Leute zu vermitteln, das sei eine Kunst. Mehr als 50 Tiere stehen derzeit auf den rund zwölf Hektar Land, die entweder Petra Teegen gehören oder dem von ihr gegründeten Verein Pferdeklappe. Der finanziert sich ausschließlich aus Spenden, öffentliche Förderung gibt es nicht. Öffentliche Anerkennung durchaus. 2021 bekam Petra Teegen den Bundesverdienstorden von Schleswig-Holsteins Ministerpräsidenten Daniel Günther überreicht. Es sei schon eine besondere Freude gewesen, als er „das Ding ans Revers geheftet hat“.

Mehr als 2000 Pferde auf dem Hof

Noch mehr freut sich Teegen, wenn eine Vermittlung geklappt hat. Mehr als 2000 Pferde sind in den vergangenen zehn Jahren auf ihrem Hof gewesen, viele davon haben ein neues zu Hause gefunden. Die neuen Besitzer verpflichten sich, mit Fotos und Tierarztrechnungen die gute Pflege zu dokumentieren, Geld nimmt Teegen für die Tiere nicht. In Rechnung gestellt werden lediglich die Kosten, die das Tier auf dem Hof verursacht hat – und Spenden sind natürlich immer erlaubt.

Es gibt aber auch Vierbeiner, die dürfen nicht mehr gehen – so wie Purzel. Purzel ist ein Mini Shetty, und damit noch ein wenig kleiner als Löwenherz. Die Besitzerin war krank, und Purzels Mutter hatte keine Muttergefühle, sie biss und trat. Auf dem Hof haben Petra Teegen und ihr Sohn Aik kurze Nächte gehabt, als Purzel angeliefert wurde. Alle zwei Stunden ging es mit der Flasche raus in den Stall. Der komme nicht mehr weg, so die einhellige Meinung nach erfolgreicher Aufzucht. Inzwischen ist Purzel vier Jahre alt und mit einer besonderen Begabung gesegnet: Er hat einen engen Draht zu einäugigen oder blinden Pferden. „Unser Sonnenschein!“, sagt Petra Teegen.

Blaues Auge von Henry Vulkan bekommen

Den Titel als Sonnenschein Nummer zwei hat dann aber die Hofchefin sicher. Zusammen mit ihrem Sohn, einer Pferdewirtin und vielen Freiwilligen versorgt sie die Tiere, die bei ihr abgegeben werden. Henry Vulkan hat sie gerade nach Baltrum abgegeben, wo er Anschluss an eine Herde bekommen soll. Das sei ihr „Visagist“ gewesen, erklärt Petra Teegen, seine Spezialität: blaues Auge hauen. Früher wäre das nicht passiert, sinniert Petra Teegen. Das letzte Veilchen von einem Pferd habe sie vor 49 Jahren bekommen. Im Oktober wird die Pferdefreundin ihren 70. Geburtstag in der Pferdeklappe feiern.

Ganz so anonym wie die Kinder im Krankenhaus können die Pferde hier allerdings doch nicht abgegeben werden. Bauern wissen, dass es einfacher ist, einen Menschen verschwinden zu lassen als eine Kuh – Dokumentationspflichten und Bürokratie sind gewaltig. Das ist bei Pferden nicht viel anders. Die Papiere, ohne die ein Pferd nicht weitergegeben werden dürfte, sind beizulegen, auch wenn das Tier bei Nacht und Nebel auf die Koppel gestellt wird. Ein extra großer Briefkasten macht das jedermann klar. Viele der ehemaligen Pferdebesitzer wissen das und halten sich daran, sagt Petra Teegen, „denen ist es einfach peinlich dass sie diesen Schritt gehen müssen, oder dass sie der Abschiedsschmerz übermannt“. Wenn die Papiere dabei sind, dann werde aber nicht weiter nachgeforscht, nach Gründen und Hintergründen. „Wir helfen den Pferden und ihren Menschen“, ist noch so eine Lebensweisheit von Petra Teegen.

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